Kapitel 17 – Negonier

Jofra hat Nekomaru im Waisenhaus stehen lassen. Ohne, dass der Junge weiß, wo Xenos sich aufhält, wird er ihm nicht helfen. Der Blondhaarige wusste, dass er seinen Freund noch finden muss. Nun weiß er zumindest, wo er Hilfe bekommen kann. Doch wo fängt er an nach Xenos zu suchen? Vielleicht weiß jemand, wohin Lamilia und er von Moavir aus gereist sind. Das ist die einzige Idee, die ihm in den Sinn kommt. Aber er hat dort erst vorgestern gemordet. Zwar hat Nekomaru versucht seine Spuren zu verwischen, doch hat er das in diesem Fall eher vernachlässigt. Er war müde und hatte nicht vor, dorthin zurückzukehren. Nun bleibt ihm nichts anderes übrig.

Nekomarus Blick schwenkt zu dem Bett, auf dem Finn einsam saß. Doch der Junge ist verschwunden. Er schaut einen Moment auf den leeren Platz, bevor er das Waisenhaus verlässt. Nekomaru macht sich schnellen Schrittes auf zur Stadtmitte von Rhuna, um durch das Reisesigill zu verschwinden. Kurz bevor er auf das Sigill treten kann, aktiviert es sich. Der Junge macht einen Schritt zurück und stapft ungeduldig im Schnee hin und her. Am liebsten möchte er schnell wieder ins Warme, um die eisige Kälte an seinen nackten Füßen zu vermeiden.

Schließlich erscheint eine Frau auf einem Planwagen in der Stadt. Die leichtbekleidete Rothaarige kommt dem Jungen bekannt vor. Das ist Guren! Diese eigenartige Frau, die mit Xenos in Festung Götterruh war. Ein eiskalter Windhauch zieht vorbei und die jung aussehende, attraktive Frau schüttelt sich. Sie steht auf und zieht aus ihrem Wagen einen pelzbesetzten, rot-rosanen Umhang. Guren wirft ihn sich um und schaut in die Straßen.

„Rhuna, hier bin ich!“, ruft sie heiter aus.

Dann bleibt ihr Blick bei Nekomaru stehen. Von oben herab schaut sie zu ihm hinunter auf die Straße. Sie erinnert sich an ihn. Das ist klar zu sehen. Gleichzeitig steigt eine Frage in ihr empor. Die Frau springt von ihrem Wagen und stapft zu dem Jungen.

Sie stämmt ihre Hände in die Hüften: „Du bist doch Nekomaru, oder? Was machst du hier?“

Guren begutachtet ihn misstrauisch.

„Das geht dich gar nichts an“, antwortet der Blondhaarige schnippisch.

„Na wenn das so ist, dann nehme ich dich jetzt gefangen und bringe dich in die Obhut der kaiserlichen Armee“, spricht Guren konsequent. „Du bist immerhin ein Straftäter. Die wissen, wie mit solch ungezogenen Kindern umzugehen ist. Genauso gut wissen sie, wie sie aus dir herausbekommen, wie du Xenos entwischt bist.“

Nekomaru ist von ihren direkten, ernsten Worten überrascht. Ungläubig schaut er zu ihr nach oben. Sie bleibt stur.

Dann gibt der Junge nach: „Du darfst mich nicht aufhalten! Ich muss Xenos helfen. Er wurde von einem Vampir gebissen. Dann hat er mich verlassen.“

Gurens Haltung lockert sich. Sie hat das Gefühl, dass ihr Gegenüber die Wahrheit spricht. Außerdem fällt es ihr immer schwerer den Schein zu wahren und nicht Nekomarus Niedlichkeit nachzugeben. Bereits sein ungläubiger Blick, diese leichte Verzweiflung in seinen Augen und sein aufgehender, nach Worten ringender Mund hätten sie fast nachgeben lassen. Schließlich verfällt sie in ihr bekanntes Muster. Sie kichert verzückt, greift Nekomaru unter die Arme und hebt ihn empor.

„Oh, armer Kleiner. Du hast ja nicht einmal Schuhe an, wenn du hier rumläufst.“

Nekomaru strampelt mit den Füßen: „Lass mich runter!“

Sie setzt den Jungen auf die Ladefläche und öffnet eine der dortigen Truhen. Sie ist gefüllt mit Schuhen. Einen Augenblick sucht Guren nach einem passenden Paar und zieht kleine, gefütterte Lederstiefel mit einem hellbraunen Pelzsaum hervor.

„Probier die mal an. Diese sollten dir passen.“

Nekomaru nimmt die Stiefel entgegen. Die dicken Schuhe passen gar nicht zu seiner restlichen dünnen, dunklen Kleidung. Außerdem sind sie ziemlich steif und schwer. Das gefällt dem Jungen gar nicht. Es ist jedoch besser, als barfuß im kalten Schnee zu stehen. Er streift sie sich über die Füße und begutachtet sie weiter.

„Brauchst du noch was zum überziehen?“, fragt Guren.

Sie eröffnet den Blick tiefer in ihren Wagen. Er ist gefüllt mit dicker Winterkleidung, perfekt für dieses Gebiet. Viele der Stücke sind für Kinder gefertigt worden.

„Ich habe sie von den Dunkelelfen hoch im Neavorgebirge. Die Negonier haben zwar genügend Bekleidung für sich selbst, doch die Produkte der Dunkelelfen sind hier dennoch sehr beliebt. Sie sind weniger dick und steif und ermöglichen so bessere Bewegungsfreiheit. Dennoch halten sie genauso warm. Ich möchte sie den Kindern im Waisenhaus und den Handwerkern hier im Ort geben.“

„Warum?“, fragt Nekomaru.

Guren beginnt zu flüstern: „Ich erhoffe mir dafür Fisch, Fleisch und vielleicht sogar Elfenbein von hier mitnehmen zu können. Das ist in anderen Teilen Atra-Regnums ein kleines Vermögen wert. Aber das sollte ich nicht zu laut sagen. Hier hilft jeder jedem ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Die Leute mögen es nicht, wenn Außenstehende versuchen, sich mit ihrer Hilfe zu bereichern.“

Nekomaru schaut sie unverständlich an.

„Die Negonier leben ganz anders als der Rest der Welt. Ihre Kultur und ihr Verständnis von Gesellschaft ist den meisten von uns völlig fremd und erscheint oft sehr abstrus. Im Grunde bildet das Volk der Negonier eine große, gleichgestellte Gemeinschaft. Sie haben keine Fürsten oder Adelshäuser, die über der Bevölkerung stehen. Jeder von ihnen steht auf derselben gesellschaftlichen Stufe, egal wer er ist, was er kann oder was er tut. Meist organisieren sie sich in kleinen Gemeinschaften. Rhuna ist bereits eine große Siedlung. In den Gemeinschaften geht jeder einer Tätigkeit nach und steuert so zum gemeinsamen Leben bei. Einige kümmern sich um die Kinder, andere gehen fischen oder jagen und wieder andere schmieden Werkzeug. Das alles geschieht ohne jegliche Erwartung einer Gegenleistung. Alles, was der Jäger nicht braucht, können die anderen Bewohner nutzen. Genauso kann er zu den Handwerkern gehen und sich neues Werkzeug bei ihnen holen. Niemand von ihnen versucht sich zu bereichern oder einen Vorteil zu erhalten. Sie teilen einfach alles miteinander. Ihnen scheint Egoismus völlig fremd zu sein. Das meine ich mit jeder hilft dem anderen. Die Negonier sind wie ein riesiges Uhrwerk, wie ein gewaltiger Bau von Ameisen ohne Königin.“

„Und das funktioniert?“, fragt Nekomaru. „Irgendjemand muss doch das Sagen haben.“

„Hätten andere Völker keine Regierung, würde das pure Chaos ausbrechen. Bei den Negoniern scheint es zu funktionieren. Es ist eben einfach ihre Mentalität“, zuckt Guren mit den Schultern. „Diese Lebensweise macht es für die anderen Völker aber auch schwierig, mit den Negoniern Beziehungen zu knüpfen. Es gibt niemanden, der für alle Negonier spricht. Theoretisch muss man so mit jeder Stadt, jedem Gehöft und jeder Siedlung eigene Vereinbarungen treffen. Oft lehnen sie solche Beziehungen aber gänzlich ab, da sich ihre Lebensweise und die der anderen nicht vereinbaren lassen. Zum Glück ist es mir gelungen ihr Vertrauen zu gewinnen. Nun wollen wir uns aber nicht über die Negonier unterhalten. Mich würde viel mehr interessieren, was mit Xenos passiert ist? Wie kam es dazu?“

Nekomaru atmet tief ein und beginnt zu erzählen. Er berichtet, wie es zum Treffen mit Lamilia kam und was in Inekoria geschehen ist. Die beiden kommen ins Gespräch. So erzählt der Junge nach und nach alles, was seit ihrer Abreise aus Festung Götterruh geschehen ist.

Auch Guren erzählt einiges, was ihr seitdem passiert ist. So erfährt Nekomaru einige interessante Neuigkeiten. An der Westküste von Provinz Menja, der Heimat der Hochelfen, sollen sich nach einem Angriff aus dem Reich der Toten viele Überlebende direkt ins Meer zurückgezogen haben. Guren erzählt, sie war in einer am Grund des Meeres liegenden Stadt, die von einer Kuppel aus Eis umgeben ist. Zwei Elfenkinder sollen sie erschaffen haben und aufrechterhalten. Durch einen vorübergehenden Lufttunnel zum Land, welchen eines der Kinder erschafft, kann diese beeindruckende Siedlung betreten werden. Die Bewohner verehren die kleinen Elfen in Nekomarus Alter als ihre heiligen Retter. Während die rothaarige Frau davon erzählt, kann Nekomaru nur daran denken, dass es sich bei diesen Kindern um Dämonenkinder handeln muss. Luft und Wasser in Form von Eis. Möglicherweise sind das die Kinder von Valast, dem Dämonenfürsten der Luft, und Peleori, der Dämonenfürstin des Wassers.

Viel interessanter wird es allerdings noch, als Guren beginnt zu berichten, woher sie kommt und welche Gerüchte dort im Umlauf sind. Sie war zu Besuch in einer Bergstadt der Dunkelelfen, in der Nähe des berüchtigten Blutquelltales gelegen. Dort liegt die alte Nekropole Falkenbach. Die Menschen des Blutquelltals meiden diese Siedlung. Sie haben Angst vor ihren Bewohnern, da diese noch immer dem alten Totenkult der früher dort hausenden Nekromanten nachgehen und die Leichen der Verstorbenen in den zahlreichen Krypten sammeln. Es wird gesagt, die gesamte Stadt stehe unter dem dämonischen Einfluss des Totenreiches und der umliegende Wald werde von Monstern heimgesucht.

Guren kann dies jedoch nicht bestätigen. Sie war bereits einmal dort. Sie versteht die Vorbehalte der Einwohner der Nachbarstädte nicht. Man hieß sie in der ursprünglichen Nekropole willkommen und die Bewohner waren sehr an ihren Handelsgütern interessiert. Sie sind eigen, aber wenn man ihnen offen begegnet, öffnen sie sich ebenso.

Nun soll es jedoch wieder aktiver um die Stadt geworden sein. Mehrere Leute berichten von Untoten, die sogar tagsüber im Wald herumstreifen. Einige von ihnen sollen von diesen Bestien angegriffen worden sein. Es verbreitet sich das Gerücht, dass in der Stadt wieder ein Nekromant lebt.

Nekomaru ist sofort klar, das ist kein Gerücht. Dort könnten sich Xenos und Lamilia verstecken. Es wäre der perfekte Ort für sie. Ab diesem Punkt hört er Guren nicht mehr zu. Der Junge denkt nur noch daran, dass er schnellstmöglich Jofra Bescheid sagen muss. Schnell versucht er das Gespräch mit Guren zu einem Ende zu bringen. Dies bleibt der Frau natürlich nicht verborgen.

„Du hast es aber plötzlich eilig. Ist alles in Ordnung?“

Nekomaru nickt: „Ich habe nur vergessen, dass ich mich doch mit Jofra verabredet hatte. Wir haben so lange erzählt.“

„Ach so ist das“, glaubt ihm Guren. „Jofra Saldrae. Er beherrscht ein Ritual, welches Vampire töten und ihre Diener befreien kann.“

„Ich weiß“, erwidert Nekomaru.

„Gut. Wenn du Neuigkeiten über Xenos hast, lass es mich wissen. Ich würde gerne helfen. Ich werde mich auch nach ihm umhören.“

„Mache ich“, antwortet Nekomaru, springt vom Planwagen und rennt davon.

Die neuen Schuhe halten Nekomarus Füße tatsächlich sehr gut warm. Der Blondhaarige erkennt, dass sie defintiv praktisch sind. Dennoch wird er sie nicht dauerhaft tragen. Sie übergezogen zu haben ist ein eigenartiges Gefühl für Nekomaru. Er spürt nicht mehr den Boden, nur eng anliegendes Fell, welches immer wieder kratzt und kitzelt. Außerdem hat er das Gefühl, dass dieses zusätzliche Gewicht ihn einschränkt. Vermutlich ist er es allerdings einfach nicht gewöhnt.

Freudig kommt er schließlich zurück ins Waisenhaus und schaut sich um. Jofra ist nicht zu sehen. Stattdessen entdeckt er Finn. Der strohblonde, für einen Negonier schmächtige Junge ist damit beschäftigt, die große Tafel einzudecken. Er schaut dabei zu Boden. Immer wieder stellen sich ihm zwei andere Jungen in den Weg, welchen er wieder und wieder ausweicht. Die beiden grinsen. Ihnen macht es Spaß Finn zu ärgern, obwohl dieser sie einfach ignoriert. Nekomaru gefällt das nicht. Er möchte Finn helfen. Wie sie Finn immer und immer wieder triezen macht Nekomaru wütend. Finn wehrt sich nicht. Er scheint komplett eingeschüchtert zu sein. In Nekomaru steigt die Blutlust. Er möchte die Ungerechtigkeit beenden, die die beiden Kinder Finn zufügen, und sie stattdessen leiden sehen. In diesem Zusammenhang scheint ihm dieses Gefühl vollkommen unbekannt. Warum empfindet er so? Eigentlich kann ihm diese Situation egal sein. Es ist nicht so, als hätte er sich früher bereits für andere eingesetzt. Ohne Anlass hat er gemordet und gequält. Jetzt auf einmal erlebt er diesen Drang in Verbindung mit einem Grund.

Plötzlich gibt es Geschäpper, gefolgt von hämischem Gelächter. Finn ist gefallen. Die von ihm getragenen Messer und Gabeln sind über dem Boden verteilt. Nekomaru erkennt noch, wie einer der beiden Jungen seinen Fuß zurückzieht. Er hatte Finn ein Bein gestellt. Das bringt den finalen Auslöser für Nekomaru. Wutentbrannt und doch mit kühler Mimik kommt er auf die Kinder zu. Kurz vor ihnen nimmt er sich eines der auf dem Boden liegenden, kleinen Messer. Dann greift er einem der Jungen in die Haare und zieht seinen Kopf nach hinten. Er schreit auf. Im selben Moment sitzt bereits das Messer an seinem Hals. Sein Freund verharrt geschockt.

„Wer hat jetzt die Oberhand“, flüstert Nekomaru in das Ohr des Jungen.

„Wer bist du?“, will dieser wissen. „Bist du verrückt?“

„So schnell kann ein Leben sein Ende finden“, spricht Nekomaru ekstatisch. „So schnell erfährt Ungerechtigkeit ihr Urteil!“

Nekomarus Rausch flammt auf. Er genießt dieses Gefühl der Macht. Er fühlt sich unaufhaltbar. Schnell wendet er das Messer in seiner Hand. Umschlossen wie einen Dolch, hält er es vor die Brust des Jungen. Dann holt er aus.

„Nekomaru, nicht!“, schreit Finn.

Nekomaru verharrt. Sein Herz beginnt heftig zu rasen. Er spürt jeden Schlag schmerzhaft gegen seinen Brustkorb schlagen.

„Tu es nicht, Nekomaru. Bitte. Du darfst ihm nichts tun“, versucht Finn den Jungen zu beruhigen.

Nekomaru kann nicht zustechen: „Sie haben dich schlecht behandelt. Dafür sollten sie bestraft werden.“

„Nicht so, Nekomaru. Bitte lass sie gehen.“

Das Dämonenkind atmet aus. Dann wendet er wieder das Messer und lässt es über die Wange des Jungen streichen.

Mit angsteinflößender Stimme warnt er: „Wenn sich nochmal jemand an Finn vergreift, überkommt denjenigen keine Gnade.“

Damit lässt Nekomaru von ihm ab und schubst ihn von sich weg. Der Junge fällt zu Boden. Schnell rafft er sich wieder auf. Panisch rennen die beiden davon.

„Ich wollte dir helfen“, schaut Nekomaru mit leerem Blick zu Boden.

Finn beginnt das Besteck einzusammeln: „Aber doch nicht so. Du wolltest sie umbringen. Das steht in keinem Verhältnis. Niemand hat soetwas verdient.“

Nekomaru versucht sich zu rechtfertigen: „Du hast auch nicht verdient, dass sie dich so behandeln.“

„Anderen zu schaden ist nie der richtige Weg. Aber man ändert nichts, wenn man das nicht selbst beherzigt.“

„Man ändert aber auch nichts, wenn man gar nichts tut“, spricht Nekomaru ruhig.

Es wird still. Nekomaru beginnt Finn beim Aufräumen zu helfen.

„Warum haben sie das getan?“, will Nekomaru wissen.

„Das haben sie schon immer getan, seit ich hier bin. Ich glaube, es hat damit zu tun, dass Jofra denkt, ich wäre besser als er. Wir erlernen beide das Heilerhandwerk. Die Ärzte meinen immer wieder, ich sei überaus talentiert. Als Nachkomme der Saldrae sollte solches Lob allerdings Jofra zustehen. Es gefällt ihm also nicht, dass ich es bekomme. Da die meisten Kinder hier auf Jofra hören, war es ein leichtes sie gegen mich aufzubringen. Ich hatte wirklich gehofft, dass ich hier einen Freund finden könnte. Aber alle schließen mich nur aus.“

Finn senkt traurig den Kopf. Auch Nekomaru machen Finns Worte traurig. Er wird mitgerissen von einem Schicksal, einem Gefühl, das nicht das Seine ist. Wie kann das sein?

Nekomaru steht auf: „Wie schaffst du es, mich immer wieder zu manipulieren?“

Auch Finn erhebt sich: „Was meinst du?“

„Du lässt mich fühlen, was du fühlst. Warum machst du das?“

Finn schüttelt den Kopf: „Das bin ich nicht. Das ist doch völlig normal. Wir Negonier nennen das Empathie. Es ist, wenn ein Mensch mit einem anderen Menschen mitfühlen kann. Das passiert ständig, wenn wir in Gesellschaft sind. Manchmal ist es stärker und manchmal schwächer.“

Nekomaru tritt Finn gegenüber. Er schaut dem Jungen tief in seine eisblauen Augen. Der Junge kennt diese Empathie nicht. Er empfindet sie zum ersten Mal in seinem Leben, seit er in Rhuna ist. Finn beginnt diese Nähe unangenehm zu werden. Sofort spürt Nekomaru dasselbe. Sie weichen zurück. Finn beginnt seine Arbeit fortzusetzen und die Tafel einzudecken. Nekomaru hilft ihm.
„Warum bist du im Waisenhaus?“, interessiert sich der Junge.

„Meine Eltern sind verstorben. Darum bin ich hier.“

Eltern, soetwas kennt Nekomaru nicht. Sein Vater war Heres. Doch wie kümmern sich Menscheneltern um ihre Kinder? Er hat einmal Xenos‘ Mutter kennengelernt. Sie war wirklich herzlich zu ihrem Kind.

„Wie waren deine Eltern?“

Finn schweigt kurz: „Mein Papa war ein Negonier. Meine Mama kam aus dem nördlichen Kaiserreich. An meinen Papa habe ich allerdings nur wenige Erinnerungen. Seither hat mich nur meine Mama aufgezogen. Doch sie war kein guter Mensch. Seit ich klein bin hat sie mich geschlagen und gedemütigt. Immer wieder hat sie mich einen Schwächling genannt und mit meinem Vater verglichen. Ich hätte mehr Ähnlichkeit mit einem nichtsnützigen Mädchen statt mit einem großen Negonier. Sie hatte sich immer einen starken Sohn gewünscht. Auch als ich begann ein Heiler zu werden und ihr beweisen wollte, dass ich doch etwas kann, hatte sie nur abwertende Worte für mich übrig. Trotz allem habe ich sie geliebt. Vor zwei Jahren wurde meine Mama jedoch schwer krank. Ich habe versucht ihr zu helfen, doch es gelang mir nicht. Seitdem bin ich allein.“

Wieder verspürt Nekomaru diese Traurigkeit. Er spürt genau, was Finn fühlt. Diese tiefsitzende Enttäuschung, das Gefühl der Leere und dieser unerfüllte Wunsch nach Liebe und Akzeptanz.

Die lange Tafel ist fertig eingedeckt. Nekomaru schaut auf zu Finn. Seine Augen wirken glasig. Mit diesem Gespräch hat Nekomaru Wunden wieder aufgerissen, die der Junge versuchte zu verbergen. Der Dämonenjunge weiß nicht, wie man mit soloch einer Situation umgeht, aber er möchte seinem Gegenüber helfen. Er beginnt in seinem Kopf passende Worte zu suchen.

Nekomaru geht zu ihm: „Finn, ich muss jetzt gehen. Es tut mir leid.“

„Es gibt nichts, was du entschuldigen müsstest.“

„Es war schön dich kennengelernt zu haben. Ich will, dass du so bleibst wie du bist“, reiht Nekomaru überlegt Wort an Wort. „So wie ich dich kennengelernt habe, habe ich jemanden wirklich gutherzigen und hilfsbereiten getroffen, dem es im Leben nicht leicht gemacht wird, der aber unglaubliches Talent in sich trägt. Lass dir von den anderen nichts falsches einreden.“

Dann macht Nekomaru noch einen Schritt nach vorne. Zögerlich schließt er Finn in die Arme. Als er die Umarmung schließlich wieder löst, schaut Finn berührt zu Boden. Nekomaru verabschiedet sich und verlässt das Waisenhaus. Auf dem Weg hinaus hört er das leise Schluchzen des Jungen.


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.09.2019
Zuletzt bearbeitet: 14.08.2019
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