Kapitel 10 – Höllenfeuer

Nekomaru eilt durch den runden Gang, auf der Suche nach der zweiten lebenden Seele, die Xenos gespürt hat. Als er an eine Gabelung nach links kommt, geht der Junge in sich und wägt ab. Plötzlich vernehmen seine Ohren ein leises, dumpfes Rufen. Der Hall kommt von links. Sofort biegt er ab und folgt dem kleineren, gerade ins Gestein gehauenen Gang. Der Kerzenschein offenbart zwei vergitterte Zellen zu seinen Seiten. Sie scheinen jedoch leer. Als er dem Gang weiter folgt, stößt er schließlich auf das Ende. Ans kalte Gestein gelehnt, sitzt ein zu Kohle verbrannter Körper. Zu seinen Seiten liegen erneut zwei Zellen. Als er sich einer von ihnen zuwendet, blickt er auf einen alten, grauhaarigen Mann in zerschlissener Robe. Der Blondhaarige erkennt sein markantes, von Falten durchzogenes Gesicht wieder. Es ist der Prophet, den er bereits bei seiner letzten Begegnung mit Ayame kennengelernt hatte. Das bedeutet, dass die andere Präsenz, die Xenos gespürt hat, tatsächlich dessen Schwester sein könnte!

„Nekomaru“, spricht der Mann mit rauer, leiser Stimme. „Wo ist Xenos? Das hier ist eine Falle!“

„Er folgt einer lebenden Präsenz, die er gespürt hat“, entgegnet der Junge und schaut sich nach einem Schlüssel um.

Der Prophet warnt: „Das ist Ayame. Doch ein Ifrit ist bei ihr. Er wird von Wut getrieben und sucht euren Tod. Unsere Wärter, die hiesigen Kultisten, hat er ohne zu zögern getötet.“

Nekomarus Blick wandert durch den Raum. Er hält weiter Ausschau nach dem Schlüssel. In der gegenüberliegenden Zelle fällt ihm dabei etwas anderes ins Auge. Ein mit einem Jutetuch umwickeltes Schwert steht hinter den Gittern an die Wand gelehnt. Ein Ifrit sucht ihren Tod und ein eingewickeltes Schwert. Der Junge verknüpft die Informationen zu einem einzigen logischen Schluss. Der Ifrit ist Krustsho aus dem Zirkus Belial, der Xenos das Dämonenschwert gestohlen hat. Sein Freund wird gleich gegen ihn kämpfen müssen und Xenos‘ Schwert befindet sich hier bei ihm.

„Der Schlüssel liegt im Schoß des Wärters“, gibt der Prophet den entscheidenden Hinweis.

Nekomaru versteht und handelt schnell. Am Boden vor der verkohlten Leiche liegt der gesuchte Schlüssel. Der Junge greift danach und öffnet die Zelle des Mannes. Dann öffnet er die andere Zelle und holt das Dämonenschwert heraus. Entschlossen schauen sich die beiden an und laufen los, um Xenos zur Unterstützung zu eilen.

Der Kampf zwischen Krustsho und Xenos beginnt. Sie stehen sich in der großen Kaverne gegenüber. Der lodernde Flammenring entlang der Wände spendet bedrohlich wirkendes Licht und schneidet Xenos und Ayame von allen Fluchtwegen ab.

„Halte noch etwas durch“, drückt Xenos seine Schwester noch einmal an sich und spricht ihr Kraft zu.

Dann stößt er sich von ihr fort. Der Junge möchte nicht, dass Krustshos Angriffe auch Ayame treffen. Schon geht der Ifrit im Zentrum der Arena zum Angriff über. Mit einem kräftigen Schlag rammt er seine Faust in die Richtung des Nekromanten. Ein Strahl aus Feuer schießt aus seinem ausgestreckten Arm gegen die Höhlenwand. Xenos bleibt in Bewegung. Doch der Flammenstrahl des Ifrit hält an. Er dreht sich mit Xenos mit, welcher versucht, den Abstand zu seinem Gegner zu verringern. Als er vor Krustsho ankommt, beschwört er seinen Geisterdolch und rammt ihn in die Hüfte seines Gegners. Der Ifrit brüllt auf vor Schmerz. Sein Flammenstrahl reißt ab. Mit seiner anderen Faust schlägt er nach dem kleinen Jungen. Dieser schafft es, dem Konter zu entwischen und erneut Abstand aufzubauen.

„Wenn du mich oder meine Schwester tötest, wirst du auf ewig leiden“, versucht Xenos sein Gegenüber einzuschüchtern. „Du würdest Sangras und Nidhöruns Pläne massiv stören, wenn du die Geschwister der Prophezeiung vernichtest.“

Voller Wut geht der Dämon in seinen nächsten Angriff über. Mit schnellen Schlägen schießt er Feuerbälle in Xenos‘ Richtung.

„Was hiernach geschieht, ist mir egal. Doch ich nehme dich mit in den Untergang!“

Geschickt weicht der Nekromant den Geschossen aus. Das Ziel des Ifrit ist klar. Er wird es nicht mehr ändern können. Ihm bleibt nur der Sieg. Mit diesem Wissen geht er zum Gegenangriff über.

„Spiritus mouit!“, schreit der Junge und schlägt vor sich in die Luft.

Sein Schlag überträgt sich vor sein Ziel und trifft Krustsho direkt in die Magengrube. Unbeeindruckt absorbiert dessen muskelbepackter Bauch die Energie.

Er lacht auf: „Allein bist du wohl wirklich keine Bedrohung.“

Xenos knirscht mit den Zähnen. Dann beißt sich der Junge in den Daumen. Blut tropft zu Boden. Er will ein Sigill zeichnen.

„Oh nein“, entgegnet Krustsho. „Das kannst du vergessen.“

Wohl wissend, was der Junge vorhat, beschleunigt sich der Flammenwirbel, welcher den Unterleib des Ifrit bildet. Er lässt nicht zu, dass Xenos sich Verstärkung ruft und schnellt ihm entgegen. Der Junge weicht zurück und kreuzt seine Arme zum Blocken, als ihn ein kräftiger Schlag des Dämons trifft. Er verliert den Halt und fliegt einige Meter durch den Raum. Kurz vor dem Flammenring bleibt er liegen. Sofort schließt Krustsho zu ihm auf und holt zu einem weiteren Schlag aus.

„Xenos!“, schreit Ayame und webt verzweifelt einen Zauber. „Motus speculum!“

Krustshos ausgeholte Faust verharrt regungslos. Ayame hat seine Haltung kopiert. Langsam, mit großer Anstrengung senkt sie ihre Hand und der Ifrit tut es ihr gleich. Xenos ist beeindruckt. Die magische Kraft seiner Schwester muss sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt haben. Schnell erhebt er sich, als Krustshos und Ayames Bewegungen auch schon beginnen zu desynchronisieren. Gerade noch rechtzeitig kann sich Xenos aus der misslichen Lage zwischen dem Dämon und der Feuerwand befreien, als die Kontrolle seiner Schwester auch schon bricht.

„Ahhh“, schreit Krustsho voller Zorn. „Wie kannst du es wagen! Ich reduziere dich zu Asche!“

Die Geschwister sind geschockt, als der Ifrit plötzlich sein Ziel wechselt und Xenos keines Blickes mehr würdigt. Er schnellt auf das kleine Mädchen zu und packt sie am Arm. Ihr Bruder versucht ihn aufzuhalten. Schattenhafte Schlieren erheben sich um ihn und schießen auf seinen Gegner zu. Sie umwickeln seinen Oberkörper wie eine gewaltige Würgeschlange ihre Beute. Mit einem kontrollierten Ruck quetschen sie sich zusammen. Doch statt ihre Kraft zu entfalten, reißen sie auseinander und beginnen sich aufzulösen. Krustshos menschlichen Oberkörper umgibt eine Flammenaura. Ihre gleißende Helligkeit hat die Schattenarme zerstört. Im selben Moment schreit Ayame auf vor fürchterlichen Schmerzen. Ihr von Krustshos Hand gegriffener Arm verbrennt unter seiner Berührung. Xenos fühlt sich in die Ecke gedrängt. Seine bisherigen Angriffe haben seinem Gegenüber keine Probleme bereitet. Doch er muss dessen Aufmerksamkeit schleunigst wieder auf sich lenken.

„Milia flatulentarum pulverem grana!“

Millionen kleinster Staubkörner steigen vom Boden rund um Krustsho und Ayame empor. Sie bündeln sich zu kleinen Kügelchen. Parallel schickt Xenos neue Schattenarme aus. Der Ifrit lässt von Ayame ab, um den Zauberbereich zu verlassen. Diesen Moment nutzt der Nekromant, um seine Schwester in seine Schatten einzuhüllen, als auch schon unzählige kleine Explosionen den Raum erschüttern. Ohrenbetäubendes Knallen hallt durch die gesamte Mine. Das Gestein im Zentrum der Explosionen wird brüchig. Von der Höhlendecke brechen Gesteinsbrocken los und schlagen geschossgleich im Boden ein. Der Schatten, der Ayame Schutz bot, ist abgerissen. Er hat seinen Zweck erfüllt.

Als der Staub sich zu legen beginnt, hört Xenos nur ein abfälliges Lachen. Krustsho schwebt auf den Jungen zu. Er lässt sich nichts anmerken, doch seinem Oberkörper sieht man zahlreiche kleine Verletzungen an. In Xenos‘ Gesicht zeichnet sich ein verschmitztes Grinsen ab, als sich vor ihm auf dem Boden ein Blutsigill aktiviert. Die Mimik des Ifrit entgleitet für einen Augenblick, als sich ihm zwei Höllenhunde gegenüberstellen. Sein Feuer wird ihnen nicht viel ausmachen. Mit diabolischem Gebell hetzen sie dem Dämon entgegen und springen ihn an. Krustsho kann dem ersten Hund ausweichen, doch der zweite vergräbt seine Zähne in seinem Arm. Er zieht und zerrt an seiner Beute, als auch der andere Höllenhund erneut zum Angriff ansetzt. Mit großer Disziplin überwindet der Dämon den Schmerz und holt mit seinem Arm Schwung, an dem einer der Hunde hängt. Mit einem kräftigen Ruck schlägt er die Tiere gegeneinander. Die Hunde quietschen auf. Während einer von ihnen über den Platz geschleudert wird, reißt auch der andere los und nimmt ein Stück Fleisch mit sich.

Außer sich vor Rage stürmt Krustsho auf Xenos zu. Der Junge springt zur Seite, doch sein Gegenüber lässt nicht locker. Er unterstützt seinen Angriff mit Feuerbällen, die er nach dem Nekromanten schleudert. Schließlich trifft einer seiner Feuerbälle die Hüfte des Schwarzhaarigen. Die Flammen brennen sich durch die Robe und lassen schwere Verbrennungen auf der Haut zurück. Diesen Moment der Ablenkung nutzt er und packt Xenos am rechten Unterarm. Erneut lässt er sich von seiner Feueraura umgeben. Die Haut an seinem Arm beginnt förmlich zu kochen. Doch dann muss sich der Ifrit auch schon wieder den Höllenhunden zuwenden, die ihren Meister verteidigen wollen. Mit seiner anderen Hand greift er eines der Monster am Hals. Seine Muskeln spannen sich an und mit einem alles übertönenden Kriegsschrei schlägt er den Hund und Xenos vor sich zu Boden, um das zweite Monster zu erschlagen. Ein markgefrierendes Knacken hallt wider. Die Bestien bewegen sich nicht mehr. Von Xenos ertönt ein schmerzerfüllter Schrei. Die schiere körperliche Stärke des Ifrit ist unfassbar. Er schleudert seine Feinde herum, als wären sie halb volle Sandsäcke.

Staub hustend ruft Ayame ihren Bruder. Krustsho zieht den Jungen wieder in die Luft. Seine Schulter ist seltsam deformiert. Mit seiner anderen Hand versucht er, sich an seinem eigenen, verbrannten Arm festzuhalten, der noch im Griff des Ifrit ist. Plötzlich spürt er, wie der Griff förmlich von ihm abreißt, als sich die festgeschmolzene Haut löst und er wie eine Puppe durch die Höhle geschleudert wird. Ohne Möglichkeit den Aufprall zu bremsen, fliegt er gegen Ayame und reißt sie mit zu Boden. Mit letzter Kraft rollt sich der Junge von ihr fort.

„Xenos, dein Arm“, entgegnet Ayame besorgt, als sie auf die ausgekugelte Schulter blickt und das teils verkohlte Fleisch sieht.

Vorsichtig legt sie ihre Hand auf den schwer verletzten Arm und beginnt leise einen Zauber zu weben. Warme Energie durchströmt den Körper ihres Bruders und seine Schmerzen beginnen nachzulassen. Doch Krustsho will es nun endlich zu Ende bringen. Noch immer in Rage, streckt er seine beiden Fäuste von sich. Feuerstrahlen schießen erneut über die gesamte Fläche. Langsam bewegt er sie aufeinander zu. Die Geschwister sind zwischen ihnen gefangen. Der Angriff wird auch Ayame treffen. Das lässt Xenos neue Reserven nutzen. Sein Blick verfinstert sich, als er in seinen Totenschleier übergeht. Der Junge absorbiert schwarze Energie, die sich zu einem Wirbel aus dunklem Nebel manifestiert. Er stellt sich zwischen Ayame und Krustsho und streckt seine verbliebene funktionierende Hand in Richtung des Ifrit.

Mit dunkler Stimme spricht Xenos: „Knochenwachstum.“

Das Fleisch auf der Innenseite seiner Handfläche und Finger beginnt sich aufzulösen. Es legt die Knochen der darunterliegenden Hand frei. Das Feuer von den Seiten kommt näher, als sich Xenos‘ skelettierte Hand zu duplizieren beginnt. Immer mehr Knochenhände legen sich neben- und voreinander. Sie bilden ein Schild, als auch schon der Flammenstrahl von Krustsho auf sie trifft. Er hüllt die Kinder in einem gewaltigen Feuerinferno. Nur durch die Knochenbarriere sind sie vor den direkten Flammen geschützt. Doch die Hitze hinter dem Schild ist unerträglich. Der Schweiß in ihren Gesichtern verdampft sofort. Zudem verschlingt das Feuer die Knochen vor sich genauso schnell wie diese sich replizieren.

Nekomaru und der Prophet erblicken schließlich den Schein des Feuers am Ausgang ihres Korridors. Als sie durch die Flammen blicken, sehen sie das Bild von Krustsho, der Xenos und Ayame in der ausweglosen Flammenhölle gefangenhält. So sehr sie auch wollen, sie können den Feuerzirkel nicht durchbrechen, ohne selbst lebensbedrohliche Verbrennungen zu erleiden.

„Xenos!“, ruft Nekomaru mit dem vollen Potenzial seiner Stimme. „Wir sind hier! Halte durch!“

Sofort beginnt der Junge, das lose Gestein des festgetretenen Bodens auf die Flammen zu werfen. Er hofft, so eine Schneise schlagen zu können. Doch egal wie viel Geröll er auch hineinschaufelt, das Feuer wird nicht weniger.

Amüsiert lacht Krustsho und wendet sich dem Jungen zu: „Geduld, Nekomaru. Du bekommst gleich auch die Möglichkeit, gegen mich zu kämpfen. Aber du hast ebenso keine Chance gegen mich. Allein seid ihr Kinder nichts! Und dich zu besiegen wird noch viel einfacher. Mit deiner Sense müsstest du erstmal an mich herankommen. Dazu werde ich dir keine Gelegenheit geben.“

Plötzlich spürt der Ifrit, wie etwas gegen seine Fäuste stößt, die noch in Richtung des Nekromanten gerichtet sind. Die Feuerstrahlen erlöschen und er blickt auf eine verkohlte Knochenbarriere. Diese verliert ihre Struktur und die einzelnen Teile fallen klappernd zu Boden. Dahinter stehen Xenos und Ayame. Sie haben den Moment genutzt, um vorzupreschen. Mit kaltem Blick rammt Xenos mit der rechten Hand seinen Geisterdolch direkt in die Brust des Dämons. Sein Arm ist wieder vollständig regeneriert. Die Brandwunden sind verschwunden. Auch Ayames Arm ist geheilt. Langsam beginnt sich auch neues Gewebe um Xenos‘ skelettierte linke Hand zu bilden.

Ungläubig gewinnt Krustsho Abstand: „Das kann nicht sein!“

„Du solltest mich nicht unterschätzen“, spricht Xenos mit monotoner Stimme. „Und dasselbe gilt wohl auch für meine Schwester.“

„Xenos!“, ruft Nekomaru voller Freude. „Dein Schwert!“

Mit Schwung schleudert er das eingepackte Dämonenschwert durch die Flammen. Der Jutestoff verbrennt augenblicklich, doch die Waffe landet im Inneren der Feuerarena. Sofort sprintet der Junge los. Doch Krustsho hat kein Interesse, ihn an diese Waffe gelangen zu lassen. Wird er von dieser Waffe getötet, würde das seine gesamte Existenz auslöschen. Jeder Dämon hat Angst vor diesen mächtigen Waffen. Sofort schießen unzählige Feuerbälle auf den Jungen zu. Xenos bleibt nichts übrig, als von seinem Weg abzuweichen und zurückzufallen. Nekomaru und der Prophet fiebern mit dem Schwarzhaarigen mit. Er muss es irgendwie schaffen, an seine Waffe zu gelangen.

Dann erklingt plötzlich ein stolzer Ruf von Ayame: „Ich habe es, Xenos!“

Die Blicke aller Anwesenden schnellen in die Richtung des Mädchens, das im Begriff ist, nach dem verfluchten Schwert zu greifen. Während Xenos und Krustsho im Kampf waren, konnte sie sich unbemerkt davonstehlen. „Nein!“, schreien ihr alle synchron aus vollster Kehle entgegen.

Eine Dämonenwaffe entscheidet, wer sein Träger wird. Ist die Seele des Trägers ihrer Macht nicht gewachsen, zwingt die Waffe ihr ihren Willen auf. Wahnsinn und Zerstörungslust nisten sich im Wirtskörper ein und zerfressen langsam den Verstand.

Doch es ist zu spät. In diesem Moment umschließen ihre kleinen Hände die Waffe, was ihre unschuldige Seele sofort korrumpieren lässt.


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.03.2021
Zuletzt bearbeitet: ———-
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