Kapitel 1 – Prolog: Die dunkle Ära

Langsam legte sich die Abendsonne über das üppig grüne Tal kurz vor dem kleinen Dorf Menotown. Vom hohen Berghang im Norden bahnte sich ein rauschender Wasserfall seinen Weg über mehrere Etappen steil hinab ins fruchtbare Tal. Dieser teilte das sattgrüne Tal durch seinen klarblauen Fluss entzwei. Hohe Bäume, lange Gräser und volle Büsche schmückten die abendliche Landschaft. Alles erstrahlte im orangen Ton der langsam verschwindenden Sonne.

Durch eben dieses Tal zogen die kleinen Geschwister Ayame und Xenos, welche sich auf dem Weg zurück ins Dorf, in ihr sicheres Heim, befanden. Der schwarzhaarige, dunkel gekleidete Xenos folgt dem Weg, um seine Schwester zurückzuführen. Das kleine Mädchen mit langen blonden Haaren springt währenddessen mit viel verbleibender Energie und heiter amüsiertem Gesichtsausdruck links und rechts um ihn herum. Den Tag verbrachten die beiden spielend im Umland und kehrten nun hungrig und müde nach Hause zurück. Doch der immer dunkler werdende und bedrohlicher wirkende Wald barg an diesem Abend mehr als ein paar flüchtende Tiere. Jemand hatte im undurchsichtigen Dickicht Stellung bezogen. Sein Ziel waren jene Kinder, die nun nichtsahnend nur wenige Schritte an ihm vorbeizogen.

Schon schoss der kleine Pfeil eines Blasrohres auf Ayames großen Bruder Xenos. Unmittelbar lähmte ihn das Gift, welches in seinen Körper drang, und er blieb regungslos stehen. Sofort wurde den beiden die drohende Gefahr bewusst. Die kleine Ayame geriet in Panik, zerrte an dem Jungen, doch konnte sie nichts bewirken. Bereits im nächsten Moment trat ein maskierter Mann in schwarzer Kutte aus dem Unterholz hervor. Die Angst der Kinder wuchs. Mit einem Ruck griff er nach dem Mädchen und zog sie zu sich. Die unbekannte Gestalt verlor kein Wort. Er legte Ayame rücksichtslos über seine Schulter und rannte zurück, tiefer ins unwegsame Tal. Neben seiner Angst verbreitete sich beim bewegungsunfähigen Xenos Verzweiflung. Er konnte nichts tun, musste alles mit ansehen.

Ayame strampelte wild und schrie, versuchte mit aller Kraft sich zu befreien. Doch es gab kein Entkommen. Der Entführer war viel zu stark für das Kind. Unter Tränen sah Ayame, wie sie sich immer weiter von Xenos entfernte. Doch schließlich gelang ihr ein einzelner klarer Gedanke. In einem Buch ihrer Mutter las sie einen Zauber. Dieser könnte den Kindern nun helfen. Sie mochte zwar erst sechs Jahre alt sein, doch ihre magischen Fähigkeiten waren bereits stark. Der Verzweiflung nahe, versuchte sie sich an den Wortlaut zu erinnern. Der Sichtkontakt zu ihrem Bruder schwand. Immer mehr Äste und Sträucher verwehrten ihr den Blick Doch ihr gelang es, die Worte wieder abzurufen.

Sie konzentrierte sich auf Xenos und schrie: „Cure paralysis!“

Dieser konnte spüren, wie die Wirkung des Giftes abklang. Nur einen Moment später konnte er seinen Körper wieder vollends kontrollieren. Er zögerte nicht lange und sprintete der vermummten Gestalt nach. Auch der junge Xenos war bereits in der Kunst der Magie bewandert. Mehr noch als seine Schwester. Beide Kinder sind Nachkommen aus einer einst großen, talentierten Familie von Zauberwirkern.

„Spiritus mouit“, rief er und schlug mit aller Kraft vor sich in die Luft.

Der Schlag des Jungen übertrug sich direkt auf das Ziel. Dennoch war er zu schwach, dem großen Mann Einhalt zu gebieten. Unbeirrt setzte der Entführer seine Flucht fort und entfernte sich zunehmend von Xenos. Verzweifelt überlegte Xenos, wie er seine Schwester retten könnte, und entschied sich für einen riskanten Weg. Er beschloss einen der stärksten Zauber zu wirken, die er beherrschte, sogleich er wusste, dass es nicht ungefährlich war.

„Milia flatulentarum pulverem grana!“

Sofort begannen um den Unbekannten herum unzählige Sand- und Staubkörner aufzusteigen und um ihn herum zu kreisen. Kurz darauf folgte eine Vielzahl kleiner Explosionen, die sich zusammen zu einer gewaltigen Explosion ergänzten. Eine heftige Druckwelle erfasste den Jungen, der bemüht war aufrecht stehenzubleiben. Dreck und Schlamm sowie Äste und Blätter schleuderten durch die Luft. Eine riesige Staubwolke erhob sich in den Himmel. Die Explosion wird bis in weite Entfernungen zu hören gewesen sein.

In diesem Moment war Xenos sich siegessicher. Seine Gedanken kreisten um Ayame. Er hoffte, sie nicht schwer verletzt zu haben.

Als die Staubwolke sich langsam zu legen begann, trat aus ihr der maskierte Verbrecher. Xenos war geschockt. Die ganze Explosion schien ihm kaum etwas angetan zu haben. Augenscheinlich wurde nur seine schwarze Kutte zerrissen und beschmutzt. Noch immer hielt er Ayame fest umschlossen auf seiner Schulter. Sie schien das Bewusstsein verloren zu haben. Der Junge konnte es nicht glauben. Physisch war er dem Mann komplett unterlegen. Aber auch seine stärksten Zauber richteten nichts gegen ihn aus. Er war einfach zu schwach, um seine Schwester zu retten.

Mit wütendem Gang begann der Entführer, sich Xenos plötzlich wieder zu nähern. Die Angst des Jungen wuchs ins Unermessliche. Kurz vor dem Kind blieb er stehen. Noch immer schwieg er. Weniger als ein Schritt trennte die beiden noch voneinander.

Dann flüsterte der Mann leise in einer angsteinflößenden Stimmlage: „Captando nectens.“

Der Boden unter den Füßen des Jungen brach auf. Mit Dornen besetzte Ranken schossen in den Himmel und zogen ihn mit sich hinauf. Für den Jungen war es unmöglich zu entkommen. Umschlungen und gefesselt hing Xenos mehrere Meter über dem Boden. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, begann der unbekannte Fremde seinen Weg fortzusetzen. Mit aller Kraft versuchte Xenos, sich aus den Schlingen zu befreien. Immer weiter wand er sich und versuchte, den kräftigen Griff der magischen Pflanzen zu lösen, doch es half nicht. Er musste zusehen, wie sich der Mann mit seiner Schwester immer weiter in Richtung des tosenden Wasserfalls entfernte. Schließlich verschwand er mit Ayame auf dem Arm hinter dem laut niederfallenden Wasservorhang und entkam Xenos‘ Blicken.

Als die ersten Sterne zu sehen waren, stießen die Menschen aus Menotown auf den in den Ranken gefangenen Jungen. Sie hörten die Explosionen und erblickten die Staubwolke, die in den Abendhimmel aufstieg. Nahezu bewusstlos hing Xenos in den Schlingpflanzen. Mit aller Kraft hatte er versucht zu entkommen. Vorsichtig schnitten die Bewohner das entkräftete Kind los und brachten es in Sicherheit.

Nachdem der Junge wieder etwas zu Kräften gekommen war, berichtete er von dem furchtbaren Vorfall, der sich an jenem Abend im Tal abspielte. Die nächsten Tage und Wochen suchten alle verfügbaren Kräfte der umliegenden Ländereien nach dem Mädchen. Doch jede Spur verlief sich. Der Hohlraum hinter dem Wasserfall, in dem der Entführer verschwunden sein sollte, konnte nie gefunden werden. Alles, was man fand, war lediglich eine massive Felswand.

Dies war das Ereignis, welches die Welt verändern sollte. Ein schicksalhafter Tag für die Einwohner ganz Atra-Regnums. Doch nur wenigen war dies bewusst. Xenos, ein zurückhaltender, höflicher und trotzdem selbstbewusster Junge, in dem die Kräfte eines mächtigen Nekromanten schlummern, und Ayame, ein zuvorkommendes und gutherziges junges Mädchen, mit starken magischen Kräften. Zusammen sollten sie das Gleichgewicht zwischen den Welten wahren. Das Gleichgewicht zwischen der Welt der Lebenden und des Totenreiches. Hierbei repräsentieren die beiden Geschwister jeweils gegenteilige Seiten, sind grundverschieden und können trotzdem nicht ohne den anderen. Nur zusammen ist es ihnen möglich, ihrer Aufgabe gerechtzuwerden. Ohne ihr Zusammenspiel gerät das Gleichgewicht aus den Fugen und der Frieden wird gebrochen. Sie sind die ersten Kinder einer neuen Generation von Geschwisterpaaren der Jahrhunderte alten Prophezeihung, die sich Leben für Leben wiederholt.

Nun schreiben wir das 10. Jahr der 3. Ära. Vier Jahre sind seit der Entführung Ayames vergangen. Ihre Abwesenheit macht sich bemerkbar. Immer weiter verschmelzen die Welten der Lebenden und Toten miteinander. Immer weiter vergiftet die negative Welt des Todes die der Lebenden. Schlechte Emotionen wie Hass und Wut greifen um sich. Bald schon wird es den Dämonen, Geistern und anderen Kreaturen kein Problem mehr bereiten, in die ihnen verbotene Welt vorzudringen.

Viele Jahre über viele Generationen versuchten Sympathisanten und Kultisten, die im Bund mit den bösen Mächten des Totenreiches standen, die jeweiligen Geschwisterpaare zu trennen und das Ende der bekannten Welt und Machtverhältnisse heraufzubeschwören. Zahllose vorbeugende Gegenmaßnahmen, wie auch das generelle Verbot der Nekromantie, wurden von den Obersten der Welt umgesetzt. Doch schließlich ist es den von den dunklen Mächten Verführten gelungen, die Geschwister der Prophezeihung zu trennen – in der verwundbarsten Stunde der jungen Helden.

Schon lange versucht man, Ayame wiederzufinden. Es bleibt nicht mehr viel Zeit. Dies ist auch dem jungen Xenos bewusst. Doch momentan steht er allein. Es bleibt ihm nichts anderes übrig als genug Zeit zu gewinnen, um seine Schwester zu finden. Eine unmenschlich schwere Last für ein Kind. Ob er es schafft, wird die Zukunft schon bald zeigen.


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.12.2014
Zuletzt bearbeitet: 14.08.2019
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Kommentare

  • Mia | 23. Februar 2021 um 20:08 Uhr

    Gghnhh