Kapitel 2 – Gefahren des Waldes

Die Morgensonne ist bereits zu ihrer Wanderung in den Zenit aufgebrochen. Xenos‘ Mutter Azarni deckt den Tisch liebevoll mit allerlei kleinen Leckereien ein. Dann begibt sich die braunhaarige Frau ins Obergeschoss. Vor dem Zimmer ihres Jungen bleibt sie stehen. Sie klopft kurz an und tritt ein. Leise geht sie durch das große Kinderzimmer und setzt sich an die Bettkante ihres Sohnes. Behutsam legt sie eine Hand auf seinen von der warmen Bettdecke bedeckten Rücken.

„Xenos, steh auf! Du schaffst es sonst nicht bis nach Neuboren.“, weckt ihn Azarni sanft.

„Ja Mama“, murmelt Xenos leise und verschlafen in sein Kissen.

Es ist noch früh am Morgen. Heute beginnt für Xenos eine lange Reise. Der große Kaiser Aerton Gredius hat ihn zu sich geladen, um mit ihm zu sprechen. Er ist das Oberhaupt des einflussreichsten Reiches Atra-Regnums. Die gesamte Welt orientiert sich an den Beschlüssen von ihm und seinem Senat aus der zentral gelegenen Hauptstadt.

Noch immer sucht man nach der vor vier Jahren entführten Ayame, um das Verschmelzen des Totenreiches mit Atra-Regnum zu verhindern. Als verbleibende Hälfte der Geschwister, die das Gleichgewicht und Frieden aufrecht erhalten sollen, wird dem jungen Xenos viel zugemutet. So auch der Besuch des Kaisers, für den er das halbe Land durchqueren muss.

Seine Mutter verlässt das Zimmer: „Beeil dich. Ich habe uns ein leckeres Frühstück zum Abschied zubereitet. Es ist immerhin unsere letzte gemeinsame Mahlzeit für eine Weile.“

Sie klingt leicht traurig und gleichzeitig doch stolz. Azarni hat den Verlust ihrer Tochter noch nicht überwunden. Wie sollte eine Mutter das auch jemals schaffen. Und nun verlässt auch ihr letztes Kind das Haus, welches sie auf unbestimmte Zeit nicht wiedersehen wird. Gleichzeitig weiß sie aber auch, dass ihr Sohn geht, um das nahende Unheil von der Welt abzuwenden. Jedenfalls, da ist sie sich sicher, wird er sein Bestes geben.

Langsam und schläfrig kommt Xenos die Treppe herunter getrottet. Schnell hat er sich sein schwarzes kurzes Oberteil übergezogen sowie seine kurze Stoffhose. Er wischt sich die Augen und setzt sich an den Tisch.

„Guten Morgen mein Schatz“, begrüßt ihn Azarni mit einem Lächeln und setzt sich zu ihm.

Immer noch sichtlich verschlafen erwidert er den Gruß. Xenos‘ Blick schweift über den üppig gedecktenTisch. Erst jetzt bemerkt er, was für leckere Dinge seine Mutter aufgetischt hat.

„Danke Mama. Das sieht wirklich lecker aus!“

Azarni begegnet ihm darauf erneut mit einem Lächeln: „Gern doch. Ich habe dir auch ein Bento für die Reise zurechtgepackt. Aber lass uns ersteinmal essen. Lass es dir schmecken, mein Schatz.“

Die beiden genießen das umfangreiche Frühstück. Der Junge weiß das Essen seiner Mutter zu schätzen, doch er kann sich nicht erinnern je so gut gegessen zu haben. Nach dem leckeren Frühstück macht sich Xenos wieder auf nach oben, um seine Taschen zu packen. Die Zeit des Aufbruchs rückt näher. Am frühen Abend soll er bereits sein Zimmer im Gasthaus von Neuboren beziehen. Der Junge soll nicht erst noch durch die Nacht reisen müssen.

Azarni und ein paar andere Dorfbewohner Menotowns sowie Freunde der Familie warten schon vor der Tür. Dann tritt Xenos aus dem Haus. Er hat seinen dunklen Kapuzenumhang umgelegt und trägt einen vollgepackten Lederbeutel. Azarni kommt zu ihm und überreicht ihrem Sohn das versprochene Bento. Zusätzlich drückt sie ihm ein wenig Geld in die Hand. Einige der Dorfbewohner und Freunde überreichen ihm ebenfalls einen Teil ihrer Ersparnisse für die Reise. Jeder hier ist stolz auf den Jungen.

„Der Fürst von Hohenstein, Eigentümer der umliegenden Ländereien, hat uns eines seiner Pferde geschickt, damit du schneller vorankommst. Er wünscht dir ebenfalls eine gute Reise.“, spricht Azarni zu ihrem Sohn.

Xenos wird allein zur Kaiserstadt reisen. Ein gefährlicher Weg. Die Straßen sind keinesfalls sicher. Dennoch sieht es am kaiserlichen Hof niemand für nötig ihn eskortieren zu lassen. Sie setzen auf die Stärke eines Kindes der Prophezeihung, scheinen aber zu vergessen, dass er trotz allem noch ein Kind ist.

Ein Dorfbewohner führt das dunkelbraune, nahezu schwarze Pferd heran. Xenos schnürt dem Pferd die Taschen auf. Dann dreht er sich zu Azarni um und umarmt sie.

Er flüstert ihr zu: „Ich werde bald wiederkommen. Das verpreche ich.“

Die Zeit des Abschiedes ist gekommen. Niemand weiß, wann Xenos wiederkommen wird. Vielleicht werden sie ihn in wenigen Wochen bereits wiedersehen. Möglicherweise aber auch erst, wenn er erwachsen ist. Ihn gehen zu lassen fällt schwer. Azarni löst schließlich die Umarmung und Xenos schwingt sich auf das große Pferd.

„Bis bald“, spricht Xenos tapfer, doch mit einem gewissen wehmütigen Unterton, „und richtet meinen Dank an den Fürsten aus.“

Dann treibt er sein Pferd an und reitet im Galopp davon. Azarnis Augen werden glasig und eine einzelne Träne rinnt über ihre Wangen. Schnell wischt sie sie beiseite und winkt ihrem Kind nach. Dann verschwindet Xenos hinter der nächsten Ecke. Einen Moment lang bleiben die Leute vor dem Anwesen der Nebraa stehen, bevor sich die Versammlung schweigend auflöst.

Mit gemischten Gefühlen lässt der Junge seine Heimat hinter sich. Nach kurzem Ritt kommt er an dem Wasserfall vorbei, an dem Xenos vor 4 Jahren erbittert versucht hatte, Ayame zu retten. Schwach kann man noch die Kuhle erkennen, an der Xenos seinen Explosionszauber gewirkt hatte. Damals war dieser Zauber für ihn noch sehr kräftezehrend gewesen. Schweigend treibt er sein Pferd an schneller zu reiten. Noch immer wirft er sich sein Versagen vor. Er war nicht stark genug, um seine kleine Schwester zu beschützen. Es macht ihm jedes Mal schwer zu schaffen, wenn er an der Stelle des Kampfplatzes vorbeikommt. Doch um nach Neuboren zu gelangen, führt kein Weg daran vorbei.

Gegen Mittag legt Xenos auf einer kleinen Waldlichtung Rast ein. Er bindet sein Pferd an einen Baum, nimmt sein Bento und setzt sich in den Schatten, den das Blattwerk spendet. Das Pferd trinkt aus einem kleinen Bach, dessen Bett neben dem Baum entlang verläuft.

Xenos öffnet das liebevoll zubereitete Bento, als er das Heranrollen zweier Planwagen bemerkt. Sie halten ebenfalls auf der Lichtung. Eine ältere Frau steigt vom vorderen Wagen ab.

„Hey Junge“, trottet sie langsam zu ihm herüber. „Was machst du denn hier draußen? Normalerweise trifft man hier nie jemanden an.“

Leicht misstrauisch antwortet er: „Ich bin auf dem Weg nach Neuboren.“

Die Frau lächelt: „Da hast du ja noch ein Stückchen vor dir. Wir reisen auch nach Neuboren, um dort unsere Waren zu verkaufen. Weißt du, wir sind fahrende Händler. Wir kaufen Waren aus Ankrat, die die Schiffe von weit her mitbringen. Diese transportieren wir dann nach Neuboren und in die umliegenden Dörfer, um sie weiterzuverkaufen. Gleichzeitig kaufen wir den Dörfern dann Getreide und andere Güter ab, um sie wiederum in Ankrat zu verkaufen. Das ist ein gutes Geschäft. Aber auf meine alten Tage ist das ganze Reisen doch recht mühselig geworden.“

„Das glaube ich Euch“, gibt er ein kleines Lächeln zurück.

Währenddessen steigen noch fünf weitere Leute aus den beiden Wagen. Ein Mädchen im Alter von ungefähr neun Jahren gefolgt von einem älteren Herren, der vermutlich der Gatte der Frau ist, mit der Xenos sich unterhält, sowie zwei Männer und eine Frau. Vor einem ihrer Wagen breiten die Männer eine kleine Decke aus, auf die sich die Händler setzen. Die Frau holt einen großen Korb gefüllt mit Speisen aus dem hinteren Gefährt und verteilt diese mittig auf der Decke. Jeder der Leute nimmt sich zufrieden einen Teil davon und gemeinsam beginnen sie zu essen.

„Willst du nicht mit uns essen?“, bietet die ältere Frau Xenos an. „Wir hätten genug da. Außerdem macht allein zu essen doch gar keinen Spaß.“

„Vielen Dank für Euer Angebot, aber ich esse lieber für mich allein“, erwidert Xenos. „Außerdem möchte ich Euch auch nur ungern zur Last fallen.“

„Ach, das macht uns doch nichts aus. Wir haben gern Gäste bei uns. Aber wenn du darauf bestehst. Du darfst dich aber gern zu uns gesellen. Das Angebot bleibt bestehen.“

Mit diesen Worten kehrt die alte Dame zurück zu ihrer Gruppe, wo sie sich neben dem kleinen Mädchen auf die Decke setzt und ebenfalls zu essen beginnt. Unfreiwillig bekommt Xenos einen Ausschnitt des Gesprächs mit, welches sich während des Mahls der Gruppe ergibt.

„Nun beginnt wieder der gefährlichste Teil der Strecke. Ich wünschte, diese Diebe wären gar nicht erst in den Wald gekommen“, spricht die jüngere Frau besorgt in die Runde.

Die ältere Frau seufzt: „Da hast du recht, Liebes. Es war wesentlich einfacher ohne sie. Mir tun die anderen Händler leid, die nicht von den Banditen wissen und ihnen in die Falle gehen, wenn …“

„Denen werd ich’s schon noch zeigen! Sie werden es noch bereuen, dass sie beim letzten Mal meinen Sohn mitgenommen haben“, unterbricht sie einer der Männer voller Wut.

Nach dieser Aussage bricht die jüngere Frau in Tränen aus. Mit gesenktem Blick und tiefer Stimme spricht der ältere Mann: „Hätten wir doch nur genug Geld, um einen Söldner zu bezahlen, der unsere Karawane heil nach Neuboren bringt. Dann wäre das alles nicht passiert.“

Das kleine Mädchen fängt an zu weinen. Es kuschelt sich an die Frau: „Mama ich habe Angst. Ich will nicht, dass noch jemandem von uns etwas zustößt.“

Die Frau wischt sich ihre Tränen aus dem Gesicht und streicht dem Kind durch die Haare.

Xenos senkt seinen Blick und denkt einen Moment nach: „So wie es sich anhört, bereiten diese Diebe den Reisenden in der Gegend große Probleme. Wenn ich mit den Händlern gehe, könnte ich, sollten sie erneut auf die Banditengruppe treffen, die Händler verteidigen. Allerdings wären sie bei ihrer nächsten Reise wieder schutzlos. Die Diebe könnten dann aber noch aggressiver sein, weil die Händlergruppe Widerstand geleistet hat. Wenn schon, dann müsste ich es schaffen, die Gruppe Gesetzloser zu vertreiben oder gar komplett unschädlich zu machen. Natürlich könnte es auch ganz anders kommen und diese vermeintlichen Händler sind selbst Kriminelle, die mich und andere Reisende in eine Falle locken wollen. Dieses Risiko und auch, dass vielleicht etwas noch Unvorhergeseheneres passiert, sollte ich nicht unterschätzen. Ich darf meine Aufgabe schließlich nicht aus den Augen verlieren.“

Im Verlauf der Rast bekommt Xenos noch einzelne weitere Gesprächsfetzen mit. Er schlussfolgert, dass die Händler wirklich in einer misslichen Lage stecken. Sie haben beide das selbe Ziel. Also beschließt er, sich ihnen bis Neuboren anzuschließen.

Nach dem Essen machen sich Xenos und die Gruppe der Händler wieder aufbruchbereit. Dann atmet der Junge noch einmal tief durch und geht herüber zur alten Frau.

„Ihr habt vorhin gemeint, wir müssten in die selbe Richtung. Habt Ihr etwas dagegen, wenn ich mich Euch bis Neuboren anschließe?“

„Oh nein, ganz und gar nicht. Das würde uns wirklich freuen“, begegnet ihm die alte Frau. „Wir haben gern andere Leute bei uns.“

Daraufhin nickt Xenos ihr zu und geht sein Pferd losbinden. Gemeinsam setzt die Gruppe ihre Reise fort. Auf dem Weg kommt Xenos mit den Leuten ins Gespräch. Sie erzählen ihm auch von den Dieben im Wald. Daraufhin meint einer der Männer, dass es gut für Xenos ist, dass er seinen Weg nicht allein fortsetzen muss.

„Was verschlägt dich eigentlich nach Neuboren?“, wird Xenos schließlich gefragt.

„Ich nächtige dort im Gasthaus Ochsenhuf. Morgen reise ich bereits weiter.“

„Wohin?“, fragt das kleine Mädchen neugierig.

„Mein Ziel ist die Kaiserstadt.“

Die Leute schauen Xenos erstaunt an.

„Das ist aber ein weiter Weg“, meint die junge Frau.

Die ältere Dame fragt: „Du gehst allein bis zur Kaiserstadt? Was möchtest du denn so weit weg?“

Xenos überlegt. Von seinem bevorstehenden Treffen mit dem Kaiser möchte er eher ungern erzählen. Und erst recht nicht über den Grund der Audienz. Schnell überlegt er sich eine Lüge. Doch bevor er auf die Frage der Frau antworten kann, zischen plötzlich zwei Pfeile vorbei. Sofort bleibt die Karawane stehen. Vor ihnen springen drei bewaffnete Männer auf die unebene Straße. Schnell verstecken sich die Frauen sowie der ältere Herr angsterfüllt im Innneren der Wagen. Die beiden Männer springen hastig aus den Wagen. Xenos springt vom Pferd.

„Schnell, versteck dich Kleiner, lass das die Männer übernehmen“, flüstert ihm die alte Frau zu. „Ich kann es nicht verantworten, dass dir etwas passiert.“

Xenos reagiert entschlossen: „Ich mag klein aussehen, aber man sollte mich nicht unterschätzen. Ihr wurdet schon einmal überfallen. Eure Männer allein scheinen gegen sie nicht viel ausrichten zu können. Also lasst mich ihnen helfen.“

Die alte Frau schaut verdutzt aus ihrem Versteck hervor. Xenos geht in Kampfstellung.

Einer der Angreifer beginnt zu lachen: „Was soll denn das werden? Wo habt ihr denn das Kind gefunden? Das ist doch armselig.“

Provozierend kontert Xenos: „Armselig ist es, die Schwachen auszubeuten, die hart für ihr Geld arbeiten.“

„Pass lieber auf, was du sagst oder willst du uns reizen?“, fragt einer der Diebe, der scheinbar der Anführer der Gruppe ist. „Bis eben hätten wir dich vielleicht einfach gehen lassen. Jämmerliches kleines Kind!“

Er zieht seinen Säbel und rennt auf Xenos zu, während die anderen beiden ihre Bögen spannen.

Der Junge senkt den Kopf: „Jämmerlich und klein, ja?“

Die Pfeile schnellen los, als der Säbelhieb auf Xenos niedergeht. In diesem Moment hebt Xenos abrupt den Kopf.

Er grinst schelmisch: „Concursores fluctus!“

Sofort breitet sich eine Druckwelle aus, die den Angreifer sowie die Pfeile zurückschleudert. Die Diebe als auch die Händler reagieren überrascht.

Der Anführer rafft sich wieder auf und tritt vor: „Ich habe dich wohl unterschätzt, jedoch bist du immer noch nur ein Kind.“

Er nimmt erneut Anlauf. Xenos reagiert schnell und wirkt den selben Zauber erneut. Genau darauf hat der Mann gewartet. Er setzt dem Zauber des Jungen den selbigen entgegen. Die beiden Druckwellen prallen aufeinander und neutralisieren sich. Nun hat er freie Bahn und sticht Xenos in den Brustkorb. Die Händler sind geschockt. Der Junge wird bleich. Seine schwarze Kleidung färbt sich rot. Zufrieden zieht der Mann seinen Säbel aus dem Leib des Kindes und stößt es mit einem Fußtritt von sich fort. Xenos fällt regungslos zu Boden.

„Das kam plötzlich.“, erklingt Xenos‘ Stimme. „Ich habe mit einem Konter gerechnet, aber das hätte ich nicht erwartet.“

Die Diebe schauen sich ungläubig um. Sie entdecken den Jungen oben auf dem Planwagen sitzend, die Situation unter ihm beobachtend.

„Das ICH, welches Ihr vermeintlich getroffen habt, war nicht ich.“, erklärt Xenos.

„Eine Illusion!“, meint der Banditenanführer.

Die Händler atmen auf.

„So kann man es sagen“, zuckt Xenos mit den Schultern. „Dieser Zauber kostet mich immer eine Menge Energie. Also bringen wir es jetzt besser zum Abschluss. Ich muss heute noch nach Neuboren.“ Er wendet sich an die anderen beiden Diebe: „Damnum imperium.“

Diese spannen blitzschnell ihren Bögen und schießen ohne zu zögern je einen Pfeil auf ihren Anführer. Vom Rücken her durchdringen sie seinen Torso.

Der Mann sackt auf die Knie: „Nein, das kann nicht sein. Ich kann mich doch nicht von einem kleinen Kind besiegen lassen!“

Schließlich fällt er leblos zur Seite. Die anderen beiden Diebe realisieren ihre Tat. Panik steigt in ihnen auf und sie fliehen hastig zurück in den Wald.

Zufrieden springt der Junge vom Wagen: „Ich habe doch gesagt, man sollte mich nicht unterschätzen.“

Regungslos und ungläubig blicken sich die beiden Händlermänner an.

„Ich komme bald zurück. Wir treffen uns in Neuboren.“

Schon verschwindet er im Dickicht, in welches die beiden Banditen geflohen sind.

„Umbra step“, spricht er leise. Sein Körper verschwindet und zurück bleibt lediglich sein Schatten. In dieser Form beginnt er den flüchtenden Dieben zu folgen.

Als sich die Abenddämmerung langsam über den dichten Wald legt, kommen die Diebe an ihrem Versteck an. Es ist eine kleine Erdhöhle kurz vor Neuboren. Vor dem Eingang ist ein kleiner Feuerplatz, um welchen einige Tierknochen verstreut liegen. Der gesamte Platz ist unordentlich und vermüllt. In der Höhle sind Schlafplätze mit Fell ausgelegt. In der Ecke steht ein Holzkäfig. Dieser scheint nicht leer zu sein, doch kann Xenos nicht erkennen, wer oder was genau sich in diesem Käfig befindet.

Eine ganze Weile wartet Xenos hinter einer dicken Eiche versteckt. Seine Gestalt hat er bereits zurückerhalten. Er belauscht die Gespräche der beiden.

„Was war das nur für ein komischer Typ, der da bei den Händlern war?“, fragt einer den anderen.

„Keine Ahnung. Aber er war wirklich stark. Er hat unseren Boss mit nur zwei Angriffen kaltgemacht. Wir können froh sein, dass wir entkommen sind.“

Plötzlich ertönt eine dritte Stimme: „Welche Händler meint ihr? Meint ihr meine Eltern? Habt ihr sie wieder überfallen?“

Es ist die Stimme eines kleinen Jungen. Womöglich von dem Jungen, den die Diebe vor kurzer Zeit entführt haben. Auf die Frage des Jungen hin tritt einer der zwei gegen den Käfig.

„Halt die Klappe Kleiner, das geht dich gar nichts an. Morgen gehen wir. Wenn wir ihm nochmal begegnen, werden wir es wohl nicht überleben. Es gibt andere, ruhigere Orte.“

Der andere Bandit stimmt zu und deutet auf den Käfig: „Und was machen wir mit ihm hier?“

„Ich weiß es nicht“, erwidert der andere. „Der Boss wollte ihn unbedingt haben.“

„Dann lass uns ihn mitnehmen und unterwegs irgendwo loswerden“, spricht der dünnere der beiden.

Sein Kamerad reagiert entsetzt: „Du meinst, wir sollen ihn töten?“

Diese Worte hörend, beginnt der Junge im Käftig zu weinen. Nun reicht es Xenos. Er hat genug gehört.

„Spiritus Dagger.“

In seiner Hand manifestiert sich ein geisterhafter Dolch. Leise schleicht er auf das Lager zu. Er steht noch ein Stück entfernt vom Eingang der Höhle, als sich das Gespräch fortsetzt.

„Ja natürlich töten, was sonst? Hast du eine bessere Idee? Er ist doch zu nichts zu gebrauchen.“

Der Dickere steht auf und sagt verärgert: „Da mache ich nicht mit! Ich töte kein unschuldiges Kind!“

Daraufhin verlässt er wütend die Höhle. Sein Freund schaut verwirrt, stürmt ihm dann aber hinterher. Das ist Xenos’ Chance. Er schleicht sich schnell und leise in die Höhle. Der kleine Junge erblickt ihn und bekommt Angst. Xenos hält seinen Finger auf seinen Mund. Mit dem Dolch schneidet er die Seile durch, die den Käfig zusammenhalten. Er beruhigt den kleinen Jungen, meint, dass er seine Eltern kenne. Der Junge zögert. Doch dann folgt er Xenos. Leise schleichen die beiden sich davon und verstecken sich im Gestrüpp nahe des Camps. Die beiden Diebe kehren zurück zu ihrem Lager. Entsetzt erblicken sie die offene Tür des Käfigs.

„Das kann er nicht selbst gewesen sein. Jemand ist hier!“

Doch statt zu prüfen, ob sich ihre Theorie bestätigt, packt die beiden die Angst. Schnell schnappen sie nur ihre nötigsten Sachen und fliehen tiefer in den Wald.

Einen Moment überlegt Xenos, ob er ihnen nachrennen soll. Sein Blick fällt auf den Jungen, der neben ihm liegt. Er ist vielleicht gerade einmal acht Jahre alt. Er zittert vor Angst. Wenn Xenos den Dieben jetzt folgt und den Jungen zurücklässt, wer weiß, was dann passieren würde. So entschließt er sich, gemeinsam mit ihm nach Neuboren aufzubrechen.

Es ist bereits dunkel, als die beiden Kinder in der Stadt ankommen. Der Junge hat sich zwischenzeitlich wieder etwas beruhigt. Xenos hat ihm erzählt, wie er seine Familie kennengelernt hat. Er hat ihm versprochen, ihn zurückzubringen. Eine Weile irren die beiden noch durch die Stadt, können jedoch die Händler nicht finden.

„Was hälst du davon, wenn wir uns ersteinmal ausruhen und morgen nach deiner Familie schauen?“, gibt Xenos die Suche schließlich auf. „Du hast doch bestimmt auch großen Hunger und müde bist du sicher auch.“

Der Junge nickt zufrieden. Xenos nimmt ihn an die Hand und gemeinsam gehen sie zum Gasthaus Ochsenhuf. Dort angekommen, bestellen sich die beiden Jungen eine große Reispfanne. Hastig verschlingt der Junge einen Großteil davon. Die Tage in Gefangenschaft haben ihm zugesetzt. Nach dem reichlichen Essen entscheiden sie sich, auf ihr kärglich eingerichtetes Zimmer zu gehen und den Tag langsam ausklingen zu lassen. Doch es dauert nicht lange, bis sie erschöpft einschlafen. Was sie morgen wohl erwarten wird?


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.01.2015
Zuletzt bearbeitet: 04.09.2019
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