Kapitel 4 – Ein schlechtes Omen

Xenos erwacht, als ihn das laute Treiben draußen auf den Straßen nicht länger weiterschlafen lässt. Er hat die Nacht in der Pension von Shuota verbracht. Dieser bot ihm zum Dank an, kostenlos zu nächtigen und zu speisen. Die Familie der Händler hat ihn als Freund willkommen geheißen. Xenos macht sich rasch fertig und verlässt sein Zimmer. Aus dem Speiseraum hört er das Geklapper der Teller und Tassen. Die anderen sind bereits wach. Das Frühstück ist angerichtet. Er betritt den Speiseraum, begrüßt die Leute und nimmt sich etwas Essen vom kleinen Buffet. Lediglich die Händler sitzen hier. Andere Besucher sind nicht zu sehen. Die kleine Pension, gelegen in der engen Seitengasse, ist leicht zu übersehen.

Xenos setzt sich an den großen langen Tisch, an dem auch die anderen sitzen.

„Heute reist du bereits ab?“, fragt die junge Frau Xenos.

Er nickt: „Es geht nach Buna und dann weiter nach Erzhohn.“

Kumaru senkt den Blick auf seinen Teller.

„Buna?“, spricht einer der Händlermänner. „Das ist wirklich ein schönes Fleckchen. Es ist ein Außenposten der kaiserlichen Armee. Dort wird es dir gefallen. Wir ziehen in ein paar Tagen ebenfalls dorthin weiter.“

Der alte Mann blickt zu Xenos: „Ich wünsche dir viel Glück auf deiner Reise, Junge. Es wird sicher nicht einfach.“

Das junge Mädchen schiebt Xenos eine Holzbox zu und wird leicht rot: „Ein kleines Dankeschön dafür, dass du meinen kleinen Bruder gerettet hast.“

Bei dieser Geste weckt sie bei Xenos Erinnerungen an Ayame. Diese war auch immer sehr fürsorglich.

„Vielen Dank“, erwidert er.

Der Junge öffnet die Box und schaut hinein. Es ist ein Bento, gefüllt mit kulinarischen Speisen aus dem Radonum Forst, der Heimat der Dunkelelfen, sowie Kostbarkeiten aus der Umgebung. Es sieht sehr lecker aus. Wahrscheinlich hat das Mädchen dieses Bento aus den Gütern zubereitet, mit denen die Händler ihr Geschäft führen. Viele dieser kleinen Leckereien hat Xenos noch nie gegessen. Dann kommt er von der liebevoll angerichteten Box ab. Man hört Kumaru ganz leise für einen Moment Schluchzen. Er schaut hoch. Ihm rinnen vereinzelt kleine Tränen über die Wangen.

„Ich will nicht, dass Xenos geht!“

„Aber Kumaru. Xenos muss zur Kaiserstadt. Er kann nicht bei uns bleiben.“, antwortet die ältere Dame. „Außerdem hat er auch eine eigene Familie. Du darfst nicht so egoistisch sein.“

Kumaru atmet kräftig ein. Er besinnt sich. Dann fasst er neue Kraft, springt auf und sagt ernst: „Dann will ich Xenos begleiten.“

Alle, auch Xenos, der sonst nur schwer aus der Fassung zu bringen ist, stoppen abrupt das Essen und schauen erstaunt zu Kumaru. Es herrscht Schweigen.

Schließlich äußert sich Xenos: „Kumaru, du kannst nicht mit mir kommen. Es tut mir leid. Meine Reise ist lang und birgt viele Gefahren. Ebenfalls bist du noch ziemlich jung für solch ein Abenteuer. Du hast doch eine wundervolle Familie. Wieso willst du mich unbedingt begleiten?“

Kumaru setzt sich: „Du bist doch auch noch ein Kind. Ich möchte mit dir kommen und von dir lernen. Du bist so stark und du weißt immer, was zu tun ist.“

„Kumaru“, antwortet die Händlersfrau mit wegbrechender Stimme.

Sie hält sich die Hand vor den Mund. Kumarus Wunsch treibt ihr Tränen in die Augen. Keinesfalls möchte sie ihren Sohn erneut verlieren.

Einer der Männer übernimmt das Wort: „Kumaru, ist das wirklich was du möchtest? Wenn du mit ihm gehst, wer weiß, ob wir uns je wiedersehen werden. Xenos reist weit. Überleg es dir genau.“

Xenos fühlt sich übergangen. Er hat klar gesagt, er könne Kumaru nicht mitnehmen. Er kann nicht auf zwei Leute aufpassen, das kann er nicht. Damals sollte er auch auf seine Schwester achten, doch er konnte nichts für sie tun. Er könnte es sich nicht verzeihen, dass Kumaru wegen ihm etwas zustößt.

„Ich weiß, dass es nicht leicht wird für mich, aber ich möchte von Xenos lernen.“

Der alte Mann spricht: „Das letzte Wort hat Xenos. Er entscheidet, ob du ihn begleiten darfst.“

Es wird wieder ruhig. Alle schauen auf den schwarzhaarigen Jungen.

Dann beginnt er: „Nun ja, ich…“

Doch direkt unterbricht ihn Kumaru: „Bitte Xenos! Bring mir bei wie ich stärker werden kann. Ich möchte meine Familie beschützen können und ihnen nicht nur zur Last fallen. Bitte!“

Alle halten den Atem an. Xenos denkt nach. Kann er es wirklich verantworten?

Er trifft eine Entscheidung: „Du hast edle Absichten und weißt, was du willst. Das gefällt mir. Wenn du dir sicher bist, kannst du mit mir kommen. Jedoch wird es gefährlich, sehr gefährlich. Begleite mich nur, wenn du keine Zweifel hast. Es gibt kein Zurück mehr.“

Kumarus Augen beginnen zu glänzen: „Ja, ich möchte mitkommen!“

Sofort springt der Kleine auf und rennt in sein Zimmer. Ob dies die richtige Entscheidung ist? Das denken in diesem Moment sicherlich alle, die noch am Tisch sitzen.

Kurz darauf versammeln sich alle vor dem Eingang. Das Pferd ist bereits gesattelt und zum Aufbruch bereit. Der Abschied fällt nicht leicht. Kumaru wird seine Familie eine lange Zeit nicht sehen. Es erinnert Xenos an den Abschied von seiner Mutter vor zwei Tagen. Er lässt der Familie so viel Zeit wie sie brauchen, bis sich Kumaru schließlich umdreht und nickt. Xenos schwingt sich auf sein Pferd und reicht dem Jungen seine Hand. Er zieht ihn hinter sich auf den Sattel.

„Halt dich gut fest“, verlangt Xenos.

„Pass bitte gut auf meinen Bruder auf“, bittet ihn das kleine Mädchen mit einem stolzen und doch besorgten Lächeln im Gesicht.

Das gleiche Lächeln kennt Xenos von Azarni. Er nickt. Dann gibt er dem Pferd das Zeichen. Im Schritttempo reiten die beiden los. Schließlich passieren sie das Stadttor. Nun treibt Xenos das Pferd zum Galopp an. Sie wollen heute noch Buna erreichen. Kumaru hat Mühe sich auf dem Pferd zu halten. Er gewöhnt sich jedoch schnell daran. Schon nach kurzer Zeit hat er keine Probleme mehr.

Gegen Mittag passieren sie ein sehr kleines Dorf. Es besteht nur aus einigen, wenigen Häusern. Es erinnert Xenos an Menotown, sein Heimatdorf, nur dass in der Nähe dieser Siedlung keine Residenz eines Fürsten zu liegen scheint. Es sieht hier wirklich idyllisch aus. Die Landschaft ist nahezu unberührt. Jeder hier im Dorf grüßt sie und natürlich grüßen die beiden Jungen höflich zurück.

Auch wenn man es Xenos nicht direkt ansieht, stammt der Junge aus einer angesehenen, adligen Familie. Seine Vorfahren väterlicher- als auch mütterlicherseits waren wichtige Leute. Der Clan seines Vaters ist eine große, wichtige Kriegerfamilie.

Die Vorfahren seiner Mutter stammen aus einer bekannten und mächtigen Magierfamilie, die die verschiedensten Gebiete der Magie und Alchemie beherrschte. So lag ihnen auch die Nekromantie im Blut. Als dann die Verfolgung der Nekromanten begann, geriet der Clan in Ungnade. So wichtig wie früher wurde die Adelsfamilie nie wieder. Aber vielleicht ist das auch gut so. Xenos mag es lieber ruhig. Zu viel Trubel hält er nicht lange aus.

Die Kinder machen Rast auf einer Bank vor einem Haus um zu Mittag zu essen. Während des Essens schaut Kumaru immer wieder zu einem Stand in der Nähe. Es ist der Stand eines Schmiedes. Allerhand Waffen befinden sich in seinem kleinen Laden. Von Schwertern über Schilde bis hin zu Speeren und Äxten ist alles zu finden.

Kurz vor ihrer Abreise gibt sich Kumaru einen Ruck:“Du, Xenos, kannst du mir beibringen wie man kämpft?“

Mit einer solchen Frage hat der Junge bereits gerechnet. Er hat Kumarus Interesse am Stand des Schmiedes längst bemerkt.

„Ich kann dir beibringen zu kämpfen. Allerdings habe ich selbst nur ein paar Grundkenntnisse im Umgang mit Waffen. Ich selbst benutze meist Magie“, antwortet er. „Mit welcher Waffe würdest du denn gern kämpfen lernen?“

„Mit einem Schwert!“, erwidert Kumaru glücklich.

Er hätte nicht gedacht, dass Xenos so positiv reagiert.

„Dann wollen wir mal sehen, ob wir ein Schwert für dich bekommen“, sagt Xenos. „Du bekommst allerdings nur ein einfaches Schwert! Außerdem musst du mir versprechen, damit aufzupassen und verantwortlich umzugehen.“

Kumaru nickt.

„Entschuldigt bitte“, wendet sich Xenos an den Schmied. „Habt Ihr Schwerter, die vielleicht etwas leichter und kleiner sind?“

Er lacht auf: „Was wollt ihr Kinder denn mit einem Schwert? Wenn ihr größer seid, verkaufe ich euch gern etwas. Ich kann euch beiden Kleinen ein Holzschwert geben.“

Natürlich wird der Junge wieder unterschätzt. Xenos ist dies bereits gewöhnt, es war schließlich nie anders. Der Junge pfeift und sein schwarzes Pferd, welches er vom Fürsten von Hohenstein bekam, kommt angetrabt. Neben dem Wappen des Fürsten ist auch klar das Wappen des Kaisers zu erkennen.

„Woher habt ihr dieses Pferd?“, will der Schmied wissen.

„Der Fürst von Schloss Hohenstein hat es mir für die Reise zur Kaiserstadt zur Verfügung gestellt. Kaiser Aerton Gredius erwartet mich dort zu einer Audienz.“

Der Schmied reagiert ungläubig. Doch die Worte des Kindes wirken dennoch überzeugend.

„Du scheinst eine wichtige Person zu sein. Trotz deines Alters wirkst du ziemlich reif. Aber es tut mir leid, selbst wenn ich wollte, könnte ich dir im Moment kein Schwert verkaufen. Ich habe nur Schwerter aus schwerem Material. Die kannst du keinesfalls führen. Dafür bist du wahrlich noch zu klein. Jedoch kann ich dir einen Dolch anbieten, wenn du möchtest. Ansonsten hätte ich nur noch ein verstärktes Holzschwert“, versucht der Schmied zu helfen.

„Möchtest du mit einem Dolch arbeiten oder bevorzugst du das Holzschwert?“, richtet sich Xenos an Kumaru.

Dieser ist ein wenig enttäuscht: „Ich möchte mit einem Schwert lernen. Ich kann auch dieses Holzschwert benutzen. Zum Üben wird es reichen. Ich will mich schließlich nicht in eine Schlacht stürzen.“

Der Schmied nickt seine Entscheidung ab und holt ihm sein neues Schwert.

„Hier bitte, Kleiner“, übergibt er ihm die Waffe. „Ich gebe dir sogar eine Lederscheide dazu. Damit kannst du es dir an den Gürtel hängen.“

Die beiden Kinder bedanken sich und bezahlen. Dann brechen sie wieder auf. Die Pause war etwas länger als geplant. Im Trab verlassen sie das Dorf, bis sie wieder in den Galopp übergehen. Die beiden müssen heute noch den Außenposten Buna erreichen.

Zur gleichen Zeit im Reich der Toten…

Eine unbekannte, schattenhafte Stimme krächzt aus der Dunkelheit: „Meister, das Kind der Prophezeihung bewegt sich in Richtung Buna.“

„Wunderbar. Es läuft also alles nach Plan“, antwortet eine viel grausamere, unheimlichere Stimme.

Sie erklingt von einer riesigen Gestalt, die auf einem großen dunklen Thron zu sitzen scheint. Lediglich ihre Umrisse sind zu erkennen.

„Nun ja“, krächzt wieder die Stimme aus der Dunkelheit, „es begleitet ihn jemand. Es scheint ein kleiner Bauernjunge zu sein.“

„Ist das wichtig? Es wird ohnehin unzählige Tote geben. Da macht es eine kleine, dumme Menschenseele mehr oder weniger nicht aus“, lacht der unbekannte Meister schrecklich schrill auf.

„Jawohl, mein Fürst.“

Mit furchteinflößender, ruhiger Stimme redet sich die Stimme vom Thron langsam in Ekstase: „Noch ist Xenos schwach, noch wird es ein Leichtes sein, ihn gefangenzunehmen. Bald wird die Welt der erbärmlichen Erdenkreaturen uns gehören! Sie wird denen gehören, denen dieser von Harmonie und Friede verseuchte Planet schon lange rechtmäßig zusteht. Und jetzt ist der Moment gekommen. Der Krieg beginnt. Die erste große Schlacht wird geschlagen werden. Und endlich … endlich kann der Hass sich frei ausbreiten. Bald schon … HERRSCHEN WIR!“

Ein noch schrilleres und lauteres Lachen hallt durch den unendlich scheinenden schwarzen Raum.


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.03.2015
Zuletzt bearbeitet: 04.09.2019
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