Kapitel 1 – Weckrufe

Als Xenos, eines der beiden auserwählten Kinder, vor einiger Zeit in die Kaiserstadt beordert wurde, war niemandem klar, wie sehr sich die Welt, die sie alle kannten, in nur wenigen Wochen ändern würde. Der Angriff auf Buna durch die Wesen des Totenreiches, kurz nach Beginn der Reise unseres jungen Helden, war nur der Auftakt zu weitaus schlimmerem. Als schließlich die Kaiserstadt ins Visir der Monster geriet, war es bereits zu spät. Erbarmungslos überrannten die scheinbar unbesiegbaren Wesen die prächtige Stadt und töteten alles, was nicht bereits tot war. Regungslos und teils bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt zieren die leblosen Körper von Männern, Frauen, Kindern und Tieren nun die Straßen der Kaiserstadt. In nur einem halben Tageszyklus brachten sie die größte Stadt Atra-Regnums unter ihre Kontrolle. Bis zum Ende kämpften tapfere Krieger, unter ihnen der kleine Xenos, gegen die Eindringlinge aus der anderen Welt. Vergebens. Wenigen der vielen Bewohner gelang die Flucht. Auch der alte Kaiser Aerton Gredius floh durch die unterirdischen Katakomben im letzten Moment aus der Stadt. Der Junge, um den sich unsere Geschichte bis zu diesem Punkt drehte, hatte leider weniger Glück. Nach einem kräftezehrenden Kampf gegen Heres selbst, welcher eine mysteriöse in Xenos verborgene Kraft weckte, machte er sich auf den Weg aus der bereits verlorenen Stadt. Im östlichen Außenbezirk traf er dabei unverhofft auf Heres‘ Sohn Nekomaru. Ein unerbitterlicher Kampf bis in die späten Abendstunden zwischen zwei nahezu gleichwertigen Kontrahenten entbrannte. Im ausdauernden Kampf gingen beide bis an die Grenzen ihrer Belastbarkeit. Doch entgegen aller Erwartungen – wird Xenos besiegt.

Nun ist knapp eine Woche vergangen. Die Kreaturen aus dem Totenreich festigten ihre Stellung in der Kaiserstadt und verleibten sich einige der umliegenden Gebiete ein. In anderen Teilen Atra-Regnums öffneten sich ebenfalls Tore ins Reich der Toten. Die Invasion hat begonnen. Das Kaiserreich droht auseinanderzubrechen. Der Kaiser ist verschwunden. Die Orks beziehen an der Grenze zum Kaiserreich Stellung und dringen, aus dem Westen her, mit einer gewaltigen, angsteinflößenden Armee in kaiserliche Hoheitsgebiete ein. Sie ziehen in Richtung der längst verlorenen Kaiserstadt. Im Osten befinden sich noch immer tausende Menschen aus der Kaiserstadt und den umliegenden, nunmehr auch verlorenen Gebieten auf der Flucht. Vor allem im Neavor-Gebirge, welches das Kaiserreich vom Radonum-Forst, der Heimat der Dunkelelfen, trennt, kommt es immer wieder zu heftigen Reibereien zwischen den Dunkelelfen und den dorthin ziehenden Menschenmassen. Zusammen mit der vierten kaiserlichen Legion, welche nahe der Grenze zur Provinz Menja im Nord-Osten stationiert war, begaben sich Truppen der Hochelfen zur Versorgung und Stabilisierung der Verhältnisse in den Osten des Kaiserreiches.

Die Ereignisse überschlagen sich. Von Tag zu Tag neigt sich unsere Welt mehr dem Abgrund zu. Und gerade in dieser schweren Zeit können weder Ayame noch Xenos für die Bewohner Atra-Regnums einstehen. Denn mit dem Fall Xenos‘ droht die 3. Ära schon vor ihrer Blüte nach nur zehn Jahren bereits zu enden.

„Willkommen zuhause, Bruder“, sagt Ayame mit ruhiger, leicht hallender Stimme und zieht Xenos zu sich ins Licht. „Du-du bist tot?“, möchte er wissen, nimmt auch ihre andere Hand und schaut ihr tief in die Augen. „Schon lange. Ich wurde hingerichtet, als die Orks das Versteck meiner Entführer stürmten.“ Es ist still. Schließlich äußert sich Xenos: „Ich habe versagt.“ „Schon gut. Du hast dein Bestes gegeben. Ich bin stolz auf dich.“ Ihre Stirnen berühren sich und sie sinken zu Boden auf eine Art großes, weißes, weiches Kissen. Erneut ist es ruhig. „Was nun?“, will Xenos wissen. „Wir werden von hier zuschauen, wie es mit der Welt weitergeht.“ Ein Blick auf die Kaiserstadt bietet sich unter ihnen. Noch schwelende Brände sorgen für weit aufsteigende Rauchsäulen und Dämonen wandeln durch die verlassenen Straßen. Als nächstes offenbart sich den beiden ein Blick in den beschädigten Thronsaal. Heres sitzt selbstgefällig grinsend auf dem prunkvollen Thron, während Nekomaru neben ihm steht. Sein Blick ist auf den Boden gerichtet, während er sich auf seiner Sense abstützt. „Nekomaru … „, murmelt Xenos. Dann verschwindet das Bild. Es erscheint wieder und zeigt Menotown. Langsam fährt der Blick ins Nebraa-Anwesen. Azarni sitzt im Wohnzimmer. Sie wischt mit ihren Händen über ihre Augen. Tränen fließen über ihre Wangen. Vor ihr auf dem Tisch liegt ein Brief. Er trägt das Siegel der Kaiserstadt. Das Bild zeigt nun den Brief. Es ist ein Schreiben der Armee, geschrieben drei Tage nach der Eroberung der Kaiserstadt. Xenos hat es nicht aus der Stadt geschafft. Es heißt, er sei ein tapferer Junge gewesen, der schon in seinem jungen Alter bereit war sein Leben für sein Land zu geben. Xenos wundert sich: „Es sind bereits mehrere Tage vergangen?“ Doch er erhält keine Antwort.

Schließlich wird den beiden Geschwistern wieder ein neues Ereignis gezeigt. Sie sehen eine gewaltige Menschenmasse, die ohne Ziel durch verschneite Berge zieht. Die Leute befinden sich in einem erbärmlichen Zustand. Die Sicht schwenkt weiter zu einer Berggarnison der Dunkelelfen in einem engen Pass. Die Tore sind verschlossen. Soldaten stehen auf den Mauern. Aus der Ferne nähern sich die hilfsbedürftigen Menschen. Sie erbitten Nahrung und Wasser, doch die Elfen bleiben auf den Mauern. Das Tor bleibt geschlossen. „Bitte, helft uns doch“, äußert sich ein Mann im mittleren Alter: „Wir haben Frauen und Kinder. Unser Zuhause, die Kaiserstadt, wurde zerstört. Wir wissen nicht wohin.“ Die Menschen sammeln sich vor dem Tor. Ein Kommandant der Dunkelelfen meldet sich zu Wort: „Wir werden euch nicht einlassen. Kehrt um! Ihr habt keine Genehmigung den Radonum-Forst, die Heimat der Dunkelelfen, zu betreten.“ Immer mehr Menschen drängen von hinten nach. „Wenn ihr uns zurückschickt, schickt ihr uns in den Tod“, versucht der dürre Mann den Kommandanten zu überzeugen. Dieser ruft jedoch nur von den Mauern: „Tretet zurück!“ Einige der Menschen wollen umkehren, doch durch den Druck der Nachkommenden ist es ihnen nicht möglich den Pass zurückzuwandern. „Letzter Aufruf!“ Die Menschen vor dem Tor verzweifeln. Schließlich wird von der Mauer über dem Tor ein Kessel brennendes Pech hinuntergegossen. Entsetzliche Schreie dringen durch die Berge. Xenos knirscht mit den Zähnen: „Ihr habt die Möglichkeit diesen Leuten zu helfen, es würde euch keinen Nachteil bringen. Doch was tut ihr? Ihr tötet sie.“

Erneut wechselt das Bild. Eine Kleinstadt des Kaiserreiches ist zu sehen. Ein Zeltlager der Orkarmee steht vor dem Ort. Kaiserliche und Orks stehen sich nicht feindlich gegenüber. Sie arbeiten zusammen. „Was machen die Orks in kaiserlichen Gebieten? Derzeit befinden sich keine Orkstützpunkte im Kaiserreich!“ Erneut erhält Xenos keine Antwort von Ayame. Eine Truppe aus knapp 500 bewaffneten Orks setzt sich in Bewegung. Sie ziehen zu einer in der Ferne stehenden Burgruine. Dort angekommen, beginnt plötzlich ein Kampf. Vermummte Magier beziehen auf der Ruine Stellung. Sie sind den Orks jedoch unterlegen. Kurz darauf dringt ein Stoßtrupp der Krieger in unterirdische Katakomben vor. Sie finden sich in einem Zellentrakt wieder. Doch kurzerhand schwenkt das Bild zurück zum Nebraa-Anwesen in Menotown. Zwei Dämonen hoher Ordnung treten in diesem Moment die Tür ein. Xenos fährt auf, doch schon befinden sie sich wieder bei den Orks im Zellentrakt. „Bis hier her und nicht weiter“, ruft eine vermummte Gestalt am Ende des Traktes. Sie hält einer gefesselten Person ein Messer an den Hals. Die kriegerischen Orks bleiben einen Moment stehen, stürmen dann aber los. Schon wird das Bild wieder unterbrochen und man sieht wieder das Nebraa-Anwesen. Die Dämonen nehmen in diesem Moment Azarni in die Mangel und drücken sie zu Boden. Einer der Dämonen zieht ein Schwert: „Stopp“, schreit Xenos, doch erneut sieht man den Zellentrackt. Man erkennt es nun genauer. Die gefesselte Person ist ein Mädchen. Es ist Ayame. „Was? Ich dachte du wärst schon lange tot?“, fährt Xenos auf. In diesem Moment schneidet das Messer durch ihre Kehle. Sofort wird wieder das Anwesen sichtbar, in welchem der Dämon Azarni das Schwert in den Rücken rammt. Dann ist kein Bild mehr zu sehen.

Xenos fasst sich an den Kopf: „Nein, nein, das kann nicht sein.“ Unter ihnen sieht man nun ganz Atra-Regnum. Überall entstehen Flecken verbrannter Erde und Tore ins Totenreich tauchen auf. Immer mehr von diesen Portalen übersäen den Kontinent. „Das kann doch gar nicht sein“, verzweifelt Xenos: „Die Welt geht unter, nur weil ich gestorben bin.“ Der Junge schließt die Augen: „Unwahr, unwahr, unwahr. Es ist alles falsch! Nach dem Tod landet man im Totenreich. Ist das hier das Totenreich? Es macht nicht den Eindruck. Zusätzlich gab es keine Orkarmeedivision im Kaiserreich bevor ich starb. So ist es unmöglich, dass sie das Versteck von Ayames Entführern stürmten und sie so schon vor mir hier war. Und Mama ist auch nicht hier. Wo ist sie, wenn sie doch auch tot ist? Und der Brief.“ Plötzlich wird ihm alles klar. Er steht auf. Ayame rafft sich auf und will ihn in den Arm nehmen, doch er stößt sie zurück: „Das ist falsch! Diese Ereignisse sind nie passiert! Sie sind noch nicht passiert.“ Er schweigt. „Ich muss sie doch verhindern können“, schreit er Ayame an und rüttelt an ihr: „Sag mir wie!“ Der helle, weiße Raum um sie beginnt zu bröckeln. Schwarze, dunkle Schatten kommen hervor. „Das ist alles nicht wahr. Nicht wahr!“

„Nicht wahr“, schreit Xenos und fährt aus dem Liegen hoch. Er spürt plötzlich wieder Schmerzen und sackt zurück. Der Junge befindet sich auf einem Blätterbett in einer dunklen Höhle. Mit seiner Hand fährt er über die schmerzende Stelle. Es ist ein Verband um sie gewickelt. Dann wird ihm kalt. Er trägt nur seine Unterwäsche und über seinen ganzen Körper verteilt befinden sich weitere zahlreiche Verbände. „Du bist wach“, hört er eine vertraute Stimme sagen. Aus dem Dunkeln erscheint der Prophet. Er legt eine Decke über den Jungen. „Ich-ich bin nicht tot.“ „Natürlich nicht. Es gliche dem Weltuntergang, wenn du sterben würdest.“ „Ich-ich war tot“, stammelt Xenos: „Nein, war ich nicht. D-da war ein Licht. I-ich war bei Ayame. Ich habe gesehen was passieren wird.“ Der alte Prophet legt seine Hand auf Xenos‘ Schulter: „Bleib ruhig, mein Junge. Du bist immer noch verletzt.“ „J-ja“, stimmt Xenos zu: „Wie habe ich den Kampf in der Kaiserstadt gegen Nekomaru überlebt? Ich erinnere mich nur noch an ein grelles Licht.“ Der Prophet schmunzelt kurz: „Ich weiß es nicht. Ich fand dich bewusstlos vor der Stadt.“ Man merkt, dass dies nicht die Wahrheit ist, doch Xenos belässt es vorerst dabei. Es gibt momentan wichtigeres. „Ich habe gesehen, wie die Orks in kaiserliche Gebiete eindrangen und eine Burgruine stürmten, in der Ayame gefangen gehalten wird.“ „Das ist doch gut“, antwortet der Prophet: „Dann werden wir Ayame bald wieder bei uns haben.“ „Nein, Ayame kam dabei ums Leben.“ Es ist kurz ruhig. „Das ist schlecht. Das müssen wir um jeden Preis verhindern“, erwidert der Prophet. „Aber gleichzeitig habe ich auch gesehen, wie Dämonen nach Menotown kamen um meine Mama zu töten. Das muss ich auch verhindern!“ „Du kannst nicht an zwei Orten gleichzeitig sein und dazu noch in dieser Verfassung!“ „Dann wird jemand sterben, der mir wichtig ist. Es muss einen Weg geben.“ Der alte Mann überlegt: „Beschreibe mir den Ort, den du gesehen hast. Ich werde ihn aufsuchen und die Orkarmee im Kaiserreich hinhalten solange ich kann. Du wirst zurück nach Menotown gehen, deine Mutter retten und dann zu mir kommen. Ich schicke dir einen Brief nach Hause.“ Xenos nickt. Der Mann reicht ihm ein Bündel Blätter: „Kaue auf ihnen. Sie werden deine Schmerzen unterdrücken. Du brauchst eins alle sechs Stunden. Wir befinden uns östlich der Kaiserstadt. Begib dich nach Volar. Die Stadt hat ein Portalsigil. Du hattest einen Portalstein bei dir, als ich dich fand. Mit ihm kannst du zurück zum Schloss Hohenstein reisen, was direkt neben Menotown liegt.“ „Volar, dahin sollten sich die Bürger der Kaiserstadt zurückziehen.“ „Ja, aber einige von ihnen sind weiter in den Osten gezogen. Sie ziehen durch das Neavor-Gebirge in den Radonum-Forst. Die von den Hochelfen bereitgestellten Mittel reichen nicht aus.“ „Die Dunkelelfen werden sie nicht passieren lassen …“ Der Prophet schaut zu Boden: „Das stimmt. An von den Dunkelelfen gesicherten Grenzpässen gibt es immer wieder Konflikte. Darum können wir uns jedoch nicht auch noch kümmern. Ganz Atra-Regnum ist in der letzten Woche in Aufruhr gekommen.“ „Der letzter Woche?“ „Du hast knapp eine Woche geschlafen. Vieles ist passiert.“ …

Der Prophet klärt Xenos über die aktuelle Situation auf, bevor er den Jungen schließlich allein in der Höhle zurücklässt. Dieser macht sich kurz danach auch zum Aufbruch bereit. Er muss zurück nach Hause, denn er lebt und hat das Schicksal Atra-Regnums in der Hand!


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.08.2016
Zuletzt bearbeitet: 02.05.2017
Teile, um uns zu unterstützen:

Hinterlasse einen Kommentar

Kommentare von Gästen werden immer erst geprüft. Melde dich an, um deine Kommentare sofort zu sehen.