Kapitel 2 – Zu den Wurzeln

Von Volar aus reist Xenos zurück nach Hause. Das nächste Reisesigill befindet sich im Schloss Hohenstein, dem Schloss unmittelbar neben Menotown. Er landet auf dem Marktplatz, welcher im Zentrum liegt. Um ihn herum stehen wenige bürgerliche Häuser, bevor die massive Schlossmauer einen Abschluss bildet.

In vergangenen Zeiten war das Schloss eine starke Festung, die Feinden, die vom südlichen Seeweg ins Kaiserreich eindrangen, Widerstand bot. Das ist jedoch schon lange her. Nach dem letzten großen Krieg vor über einhundert Jahren wurde die Festung aufgegeben. Einige Jahrzehnte später wurde sie schließlich von den Vorfahren des heutigen Fürsten in eine Schlossstadt umgewandelt. Hinter den dicken, schützenden Mauern befindet sich eine kleine, recht wohlhabend wirkende Stadt und das Schloss, welches auf einer erhöhten Position im hinteren Teil der Stadt liegt.

Sofort nach Xenos‘ Ankunft kommen die ersten Bewohner zum Markt um zu schauen, wer dort angereist ist. Durch das Sigil der Stadt kommen nur selten Leute. „Xenos“, ruft eine ältere, beleibtere Frau, als sie ihn erkennt, und kommt auf den Jungen zu: „Du bist zurück! Wie ist es dir ergangen? Wir dachten du wärst tot. Warst du in der Kaiserstadt, als es passiert ist? Wie hast du es heraus geschafft.“ Immer mehr Menschen kommen jetzt auf ihn zu und erkennen ihn. „Schön, dass du wieder bei uns bist.“ „Wie sieht es in der Kaiserstadt jetzt aus?“ „Deine Mutter wird überglücklich sein.“ „Stimmt es, dass der Kaiser gefangen genommen wurde?“ Xenos atmet einmal tief durch. Er fühlt sich überrannt und unwohl. Er hat weder Zeit noch Lust, sich jetzt mit allen zu unterhalten. Zusätzlich verspürt er, trotz der Blätter des Propheten, noch leichte Schmerzen. „Ich … muss zu meiner Mama“, antwortet er schnell und rennt davon. Die Leute schauen ihm nur verwundert nach.

So schnell er kann, rennt er ins benachbarte Menotown: „Ich hoffe, es ist noch nicht zu spät. Ich muss sie retten!“ Nach kurzer Zeit erreicht er die Dorfgrenze von Menotown. Es herrscht reges Treiben. Auch hier erkennt man ihn sofort wieder und er bekommt die selben Fragen gestellt. Xenos rennt jedoch umgehend weiter zum Anwesen. Völlig außer Kräften kommt er schließlich vor dem Haus an. Die Tür ist geschlossen. Er klopft. Niemand öffnet. Er klopft erneut: „Hallo?“ Schließlich hört man ein leises Geräusch von innen und einen Moment später öffnet sich langsam die Tür. Seine Mutter, Azarni, schaut verweint heraus, schlägt die Hand vor den Mund, sinkt vor ihrem Sohn auf die Knie und umarmt ihn ganz fest, bevor sie in Tränen ausbricht. „Mama …“ „Ich dachte du wärst tot“, schluchzt sie. „Mama …“ Xenos erwidert die Umarmung. Im Hintergrund auf dem Tisch sieht er den Brief liegen. Den Brief, welchen er bereits in seiner Vision gesehen hat. Er löst die Umarmung: „Mama, wir müssen gehen.“ Azarni wischt sich die Tränen aus dem Gesicht: „Was? Warum?“ „Bitte Mama, wir müssen weg. Ich bin gekommen um dich abzuholen.“ „Komm doch bitte erstmal rein“, meint Azarni: „Wo sollen wir denn überhaupt hin?“ Sie betreten das große Anwesen, schließen die Tür und gehen zu dem kleinen Tisch, auf welchem der Brief liegt. Xenos schüttelt den Kopf: „Ich weiß es nicht, aber wir können nicht hier bleiben. Was ist mit den anderen Nebraa-Residenzen?“ Azarni geht zur Küche herüber und beginnt Wasser zu erwärmen: „Nach … dem Verschwinden deines Vaters haben wir viele Häuser verkauft. Den Rest haben wir auf unbestimmte Zeit den jeweiligen Dienerschaften überlassen. Aber ich würde wirklich gern hier bleiben.“ „Auf meinem Weg in die Kaiserstadt habe ich Gräfin Viktoria wiedergesehen. Was ist mit unserem früheren Hauptsitz, dem Anwesen in der Nähe ihres Schlosses?“ „Das existiert noch. Es verfällt jedoch seit Jahren.“, antwortet sie und bringt zwei Tassen Tee zum Tisch: „Jetzt erzähl doch bitte erstmal, wie es dir ergangen ist? Ich hätte dich niemals in die Kaiserstadt gehen lassen sollen.“

Langsam wird Xenos etwas gelassener: „Die Reise war, neben einigen Zwischenfällen, eigentlich recht angenehm. Kurz nach meinem Aufbruch habe ich eine Händlerfamilie getroffen, dessen Sohn, Kumaru, von Banditen entführt wurde. Ich habe ihn gerettet und zurück gebracht. Er hat Freundschaft zu mir geschlossen und wir sind ein Stück zusammen weitergereist. In Buna kam es dann zu einem Zwischenfall. Du hast sicher davon gehört.“ Azarni ist erschrocken: „Du warst in Buna? Und ich hatte gebetet, du wärst schon längst durch die Stadt gekommen, bevor es geschah.“ „Nein, leider nicht. Aber das hätte keinen Unterschied gemacht. Der Angriff in Buna hat direkt auf mich gezielt. Sie haben auf mich gewartet.“ Seine Mutter erschreckt erneut: „Die Stadt wurde doch von Dämonen und Geistern heimgesucht. Was sollten sie von dir wollen?“ „Ayame und ich sind die Auserwählten. So wollen sie wohl mich ebenfalls haben. Das habe ich aber erst viel später erfahren. Ich habe viele Informationen erst von einem Propheten und Ignis, einem Dämonenfürst, erfahren.“ Azarni wird förmlich schwarz vor Augen: „Oh Gott, mein Junge! Das meinst du doch nicht ernst, oder?“ „Doch. Aber Ignis und der Prophet sind auf unserer Seite. Wer Buna und die Kaiserstadt angriff war Heres, der Bruder von Ignis.“ „Und Heres kennt dich?“ „Ja, scheinbar schon. Er scheint zu wissen, wer ich bin. In der Kaiserstadt habe ich gegen ihn kämpfen müssen, um dem Kaiser die Flucht zu ermöglichen.“ Azarni fasst sich an den Kopf und muss sich setzen. „Aber Ignis hat mir geholfen und ich konnte noch rechtzeitig aus der Kaiserstadt fliehen. Doch dann bin ich noch auf einen verrückten Jungen getroffen, der tatsächlich behauptet, der Sohn von Heres zu sein. Er hat mich mit seiner Sense angegriffen. Ich hatte es wirklich schwer, gegen ihn zu kämpfen, da seine Sense sämtliche magischen Energien und Kreaturen mit Leichtigkeit auslischt.“ Azarni wird hellhörig: „Eine Sense mit solcher Kraft? Kann das sein? Er besaß eine dämonische Waffe! Und du hast es geschafft ihn dennoch zu besiegen?“ Xenos kratzt sich am Hinterkopf: „Nicht direkt. Ehrlich gesagt habe ich verloren und wurde schwer verletzt. Doch der Prophet scheint mich gerettet zu haben.“ Seine Mutter nickt und geht herüber zu einem Bücherregal: „Du hattest wirklich Glück. Gegen den Träger einer dämonischen Waffe hat ein normaler Sterblicher in der Regel keine Chance.“ Sie schlägt ein Buch mit schwarzem Einband auf. „Die dämonischen Waffen gehören zu den dämonischen Artefakten. Die Artefakte besitzen unmenschlich starke und gefährliche Kräfte. Sie liegen normalerweise versiegelt im Reich der Toten, aber über die Jahrhunderte ist ihr genauer Aufenthaltsort vollkommen in Vergessenheit geraten. Es ist nicht viel über sie bekannt. Eine Sense wird nur einmalig erwähnt, sonst ist sie gänzlich unbekannt. Die früheren Nekromanten wussten nur von einem Schwert und einem Hammer. Eine Legende erzählt, dass einst ein starker und mutiger Nekromant das Schwert zu seinem machte. Er stellte sich einem Dunkelelfen, welcher den Hammer besaß. Der Hammer hatte von dem als stark geltenden Dunkelelfen Besitz ergriffen.“ Xenos denkt laut nach: „Der Junge, Nekomaru, lebt noch. Er will mich tot sehen und wird mich sicher suchen. Ich brauche das Schwert! Ich muss ihn besiegen.“ „Nein“, ruft ihm Azarni laut zu: „das ist viel zu gefährlich! Wenn der Geist der Person zu schwach ist, ergreift die Waffe Besitz von seinem Träger.“ „Ich denke, das wird kein Problem sein.“ „Ich weiß, dass dein Geist durchaus stark ist“, erwidert sie und schüttelt den Kopf: „Doch selbst die besten Nekromanten, welche immer einen immens starken Geist besaßen, haben sich das nicht zugetraut. Dazu kommt, dass du immer noch ein Kind bist, dein Geist entwickelt sich noch weiter. Er wird noch stärker. Vielleicht wirst du irgendwann bereit sein, aber nicht jetzt.“ Der Junge erhebt sich: „Aber Mama, …“

Mit einem lauten Krachen wird die Eingangstür plötzlich aus den Angeln gerissen und fliegt in den Raum. Zwei grässliche Dämonenfratzen schauen ins Innere: „Hallo!“ Sie wollen gerade eintreten, als Xenos ihnen entgegen springt und aus vollem Hals schreit: „Concursores fluctus!“ Eine gewaltige Druckwelle wird freigesetzt und rast auf die beiden Dämonen zu. Sie werden mitsamt Türrahmen und einigen Teilen des Mauerwerks weggeschleudert. „Wir müssen weg“, ruft Xenos Azarni zu, welche zu einem Fenster herüber rennt und es weit öffnet. Sie wendet sich Xenos zu: „Wir klettern hier raus.“ Gerade als sie ihren Fuß auf das Fensterbrett stellen will, steht schon einer der Dämonen vor diesem: „Nicht wegrennen.“ Der andere Dämon befindet sich bei Xenos und redet auf ihn ein: „Du bist hier? Wir wollten eigentlich nur zu deiner Mutter.“ Er grinst. Xenos macht einen Satz zurück: „Spiritus mouit.“ Der Junge schlägt vor sich und der Schlag überträgt sich auf seinen Gegner. Dieser bleibt jedoch sichtlich unbeeindruckt, macht zwei Schritte nach vorn und packt Xenos am Arm. Mit Leichtigkeit hebt er den Jungen an und wirft ihn gegen das Bücherregal am Ende des Raumes. Azarni will schnell zu ihrem Sohn eilen, als sie von dem ihr gegenüber stehenden Dämonen gepackt wird: „Du bleibst schön hier. Wir haben einen Auftrag.“ „Lass mich los, du Scheusal!“ Xenos hört die Worte seiner Mutter, will sich aufraffen um ihr zu helfen, doch kann sich vor Schmerz kaum rühren. Mit seinen starken Verletzungen kann er keinen langen Kampf führen. Dann beißt er sich in einen seiner Finger. Er kneift die Augen zusammen. Sein Mundraum färbt sich rot. Dann hält er den Finger zu Boden. Blut tropft auf den alten gemaserten Holzboden. Dann entspannt sich Xenos. Ein Sigil zeichnet sich. Zwei riesige Höllenhunde springen hervor und stürzen auf die Dämonen. Ruppig und aggressiv attackieren sie die durchaus starken Dämonen, während Xenos unter starken Schmerzen nichts weiter ausrichten kann. Durch die Attacke der Hunde schafft es Azarni sich wieder loszureißen: „Painful lietus!“ Über dem Dämonen am Fenster bilden sich lange, sehr dünne Stäbchen, die beginnen auf ihn niederzuschießen. Sie dringen in seinen Körper ein. Dieses und die zusätzlichen Angriffe von Xenos‘ Dienern setzten ihm nun doch zu. Er ruft seinem grässlichen Gefährten zu: „Das wird zu viel, mit so viel Arbeit hatte ich nicht gerechnet. Lass uns einen anderen Zeitpunkt abpassen.“ So schnell wie sie kamen verschwinden sie sogleich auch wieder. Xenos‘ Diener kehren zurück ins Sigil und Xenos verliert das Bewusstsein.

Als er wieder zu sich kommt, befindet er sich in seinem Bett. Seine Verbände wurden erneuert und neben seinem Bett steht eine Schüssel sauberes Wasser. Er schaut sich in seinem Zimmer um. Es ist noch genau so wie er es verlassen hat. „Mama“, denkt er sich. Langsam kommen die Erinnerungen an den Kampf wieder. Dann wird er blass. „Ich habe Nekromantie verwendet. Nein! Jetzt … weiß sie Bescheid. Aber ich hatte doch keine andere Wahl! Sonst hätten sie uns getötet. Jetzt weiß sie es. Niemand darf davon wissen! Sonst tötet man mich!“ Er überlegt. „Was kann ich tun. Ich muss verhindern, dass sie es weitererzählen kann. Ihr Gedächtnis löschen? Wie? Das kann ich nicht. Dann muss ich anders sichergehen, dass sie es niemals verraten kann. Ich … muss sie töten. Aber das will ich nicht! Vielleicht rede ich erst mit ihr. Wenn sie es tatsächlich realisiert hat, bleibt mir nichts anderes übrig. Dann muss ich es tun. … Nein! Ich kann sie nicht töten. Doch ich muss. Es gibt keinen anderen Weg. Ich kann es nicht riskieren, dass dieses Geheimnis aufgedeckt wird. Ich muss weiterleben. Egal was es kostet.“

Langsam richtet er sich in seinem Bett auf: „Mama.“ Dann beißt er sich wieder in den Finger. „Komm, mein Diener!“ Ein Sigil bildet sich auf dem Zimmerboden und ein untoter Soldat steigt empor. „Hör zu“, spricht er widerwillig zu seinem Diener: „ich befehle dir, meine Mama mit dir zu nehmen, wenn sie mein Geheimnis kennt.“ Der Tote nickt.

Niedergeschlagen und bedrückt wankt er langsam und leise die Treppe hinunter. Sein Diener folgt ihm unaufgefordert. Azarni steht in der Küche. Sie bereitet Xenos‘ Lieblingsspeise zu – Reisbällchen mit Gesichtern. Leise summt sie dabei. Xenos zögert: „Ich kann das nicht. Sie ist doch meine Mama. Egal ob sie es nun weiß oder nicht.“ Er hasst sich selbst für das, was gleich passieren könnte. Vorsichtig betritt er die Küche. Die Wache wartet hinter der Tür. Azarni steht mit dem Rücken zu ihm: „Ah, Xenos mein Schatz. Du bist wach. Weißt du, egal was du tust und tun wirst, ich werde dich immer lieben. Ich hab‘ dich lieb.“ Weiß sie, was er geplant hat? Xenos ist verzweifelt. Er kann es einfach nicht. Es ist ihm egal, ob sie es nun weiß oder nicht. Dann soll sie es eben verraten. Jeden anderen hätte er ohne zu zögern zum Schweigen bringen können. Nicht jedoch seine Mutter, seine eigene Familie. Sein Diener hinter der Tür sinkt langsam zurück in den Boden. Xenos hat ihn zurück befohlen. Der kleine Junge sinkt auf die Knie und beginnt bitterlich zu weinen. „Ich kann das nicht“, sagt er. Azarni dreht sich zu ihm um: „Oh, mein Junge. Was ist denn los?“ Sie geht zu ihm, nimmt ihn in die Arme und tröstet ihn. Er ist eben immer noch ein Kind. „Mama, ich kann das nicht. Du hast es doch gesehen, oder? Ich meine meinen Zauber bei den Dämonen“, schluchzt Xenos. Azarni nickt. Dann sagt sie etwas, was Xenos nie für möglich gehalten hätte: „Ich wusste es schon lange.“ „Was?“, erschreckt Xenos und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht: „Woher?“ Lächelnd sagt sie ruhig: „Ich bin eine Mutter.“ Sie drückt ihn an sich: „Ich weiß, dass du nicht riskieren kannst, dass es jemand erfährt, aber sei dir gewiss, bei mir ist dein Geheimnis sicher. Das war es jahrelang. Und ich bin so stolz auf dich. Das war ich immer.“


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.09.2016
Zuletzt bearbeitet: 26.08.2017
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