Kapitel 3 – Ein neuer Anfang

Nach den Geschehnissen des gestrigen Tages entschieden sich Azarni und Xenos nun doch ihr Haus in Menotown vorerst zu verlassen. Sie packten notdürftig die wichtigsten Dinge zusammen um gehen zu können, bevor die schrecklichen Dämonen ein zweites Mal angreifen konnten. Heimlich verstaute Xenos dabei das Buch, in welchem seine Mutter über die dämonischen Artefakte las, in seinem Beutel. Ohne mit jemandem zu sprechen, reisten sie zurück zum Schloss. Dort angekommen, stellten sie sich gemeinsam auf das Reisesigill, hielten ihre Hände und verschwanden.

Ihr vorbestimmter Ankunftsort ist Erah. Eine schöne alte Stadt mit langer Geschichte. Sie liegt nördlich von Ankrat und nur wenige Kilometer entfernt vom Ufer der weiten Ehla-Bucht, welche für das Kaiserreich wirtschaftlich von hoher Wichtigkeit ist. Die Familie besitzt hier ein Stadthaus. Es ist nicht so groß wie ihr Anwesen in Menotown, aber immer noch von einer angenehmen Größe. Damals, nach dem Verschwinden von ihrem Mann und Xenos‘ Vater, gab Azarni viele Häuser in die Obhut des dortigen Dienstpersonals. Dies ist eines von ihnen. Vom Marktplatz in der Mitte der Stadt bis zum Haus ist es nur ein sehr kurzer Fußmarsch. Es liegt noch im Stadtkern. Erah war immer eine recht reiche und florierende Stadt. Heute wirkt sie viel ruhiger und verschlafener als noch vor einigen Jahren.

„So, hier sind wir, Xenos. Erinnerst du dich noch?“, spricht Azarni zu ihrem Sohn, als sie mit ihrem Gepäck vor ihrem damaligen Haus stehen. Xenos überlegt einen Moment und nickt. Sie klopfen an der verzierten Tür und warten. Nur einen Augenblick später wird geöffnet. Langsam schwenkt die Tür ins Hausinnere bis ein kleiner Spalt offen steht. Zögerlich schaut ein junges Mädchen mit kastanienbraunen Haaren, Brille und einer Dienstmädchenbekleidung nach draußen. Schnell erkennt sie den unerwarteten Besuch und öffnet die Tür komplett. „Frau Nebraa, junger Herr! Wie kommen wir zu dieser Ehre? Tretet doch ein.“ Sie weicht zur Seite um die beiden hinein zu lassen. Azarni und Xenos kommen dem nach und betreten das Haus.

Sie nehmen auf der Couch im großen Wohnbereich Platz. Schnell versammelt sich das gesamte Personal um die Hausherren. Der Dienstbote des Hauses bringt den beiden Gästen Tee und meldet sich zu Wort: „Es ist lange her, dass Ihr hier wart. Was verschlägt Euch nach Erah?“ Während Xenos seinen Tee durch leichtes Pusten abkühlt, antwortet Azarni auf die Frage: „Wir wurden in Menotown angegriffen.“ Das Personal reagiert geschockt. „Wie ihr sicher gehört habt, ist die Kaiserstadt gefallen. Sie wurde von Kreaturen des Totenreiches erobert. Und genau diese Kreaturen scheinen Xenos zu kennen. Dementsprechend haben sie es wohl nun auf die Familie abgesehen.“ Das Dienstmädchen ballt eine Faust: „Das lassen wir aber nicht zu. Keine Sorge, Frau Nebraa, Ihr und der kleine Herr seid hier sicher.“ „Da bin ich mir sicher, Marie“, nickt Azarni: „Aus diesem Grund sind wir hierher gekommen.“

Das Stadthaus mit seinen Bediensteten ist eines von drei Anwesen, die speziell dafür gewählt wurden, der Familie nicht nur eine Unterkunft zu bieten, sondern sie im Ernstfall auch schützen zu können. Hierzu fanden bereits nach dem Erwerb des Hauses wichtige Umbauten statt. Neben verstärkten Wänden und vielen versteckten Fallen gibt es noch einiges mehr, was das Haus zu einer unscheinbaren Festung machen soll. Auch das Dienstpersonal hier hat ein Geheimnis. Insgesamt beschäftigt die Nebraa-Familie hier vier Leute. Rendall, ein älterer grauhaariger Dienstbote, und seine Tochter Marie, das Dienstmädchen, sind neben ihrer Tätigkeit als Diener gut ausgebildete Kämpfer. Sie stammen aus einer in der Dynastie der Keysuke-Familie recht weit unten angesiedelten Familie, die der Familie von Xenos‘ Vater unterstellt war. Sein Vater heiratete damals in die Nebraa-Familie ein. Während die Nebraa-Familie für ihre talentierten Magier bekannt ist, ist die Keysuke-Familie im Kaiserreich für ihre überaus fähigen Kämpfer und herausragenden Taktiker bekannt. Seit Generationen stehen die beiden Häuser in engem Verhältnis zueinander, auch wenn die Nebraa-Familie heute nahezu ausgestorben ist. Die anderen beiden Bediensteten stammen nicht aus Familien, die mit den Nebraa direkt in Verbindung stehen, haben jedoch auch zusätzliche Fähigkeiten, die in einer unscheinbaren Festung durchaus brauchbar sind. So kocht die Köchin Zara, eine ernst wirkende Frau mit weichem Kern, nicht nur leckeres Essen, sondern ist auch Alchemistin. Sie setzt nicht auf Kampfkraft, ist aber dennoch nicht zu unterschätzen. Der vierte Bedienstete ist gleichzeitig auch der Jüngste. Elias, ein Junge mit liebevollem Charakter und dunkelblonden Haaren, ist gerade mal fünfzehn Jahre alt und für den Garten hinter dem Haus zuständig. Er ist gern in der Natur unterwegs, denn er ist Druide. Er wuchs allein nahe der Provinz Menja auf und hatte viel Kontakt zu den dortigen Hochelfen. Ein Magier hatte dem Personal in Erah noch gefehlt. Da Xenos und Elias früher gern zusammen gespielt haben und sich gut verstanden, kam es gelegen ihn hier einzustellen.

Während Xenos sein Zimmer bezieht, kommt Elias hinein. Xenos bemerkt ihn, verstaut jedoch, ohne ihm weitere Bachtung zu schenken, einige seiner Sachen aus dem Beutel im Schrank. „Schön dich mal wieder zu sehen“, beginnt Elias das Gespräch. „Ja“, antwortet Xenos schlicht. „Ihr wart lange nicht mehr hier“, redet der Druide weiter und setzt sich auf einen Stuhl am Tisch. „Stimmt.“ „Komme ich ungelegen?“, will er wissen. Nun wendet sich Xenos vom Schrank ab und geht zu ihm herüber: „Keineswegs. Ich brauche nur mal eine Pause.“ „Dann seid ihr hier richtig“, lächelt der Druide: „Ich habe gehört, du bist verletzt. Vielleicht kann ich dir helfen.“ Xenos überlegt einen Moment und stimmt schließlich zu. Elias schiebt seine Hand vorsichtig unter Xenos‘ Oberteil und schließt die Augen. Xenos atmet einige Male tief ein und aus. Er kann spüren wie Energie in seinen Körper ströhmt. Nach einer Weile öffnet Elias seine Augen wieder und zieht seine Hand hervor: „Ich habe deine Wundheilung um ein Vielfaches beschleunigt. Die meisten Verletzungen sind nur oberflächlich. Die Wunde auf deiner Brust ist hingegen gar nicht gut.“ Der Junge fasst sich an die Wunde. Trotz der Heilung brennt sie noch immer leicht. „Vielen Dank“, äußert sich Xenos. „Keine Ursache“, winkt Elias ab: „Ich werde dann erstmal wieder in den Garten gehen. Ich soll Zara noch einige Kräuter besorgen. Sie will heute ihr berühmtes Nikujaga kochen.“ Er will gerade aus der Tür gehen, als er sich nochmal umdreht: „Ach stimmt, ich sollte dich fragen, ob du zum Markt gehen kannst um Rindfleisch für das Nikujaga zu kaufen.“ „Kein Problem.“

Auf dem Markt angekommen, schaut Xenos sich erst einmal um. Der ganze Platz steht voll mit Ständen, die vielerlei verschiedene Waren anzubieten haben. Schon von weitem konnte man die Marktschreier deutlich hören. Er geht über den großen Markt und schaut sich die abwechslungsreichen Angebote der vielen Händler an. Schließlich bleibt er vor einem weißen Zelt stehen. Am Eingang hängt eine große Holztafel, auf welcher ein in lachsfarbenes Papier gewickeltes Bonbon aufgemalt ist. Aus seiner Tasche holt er das Geld heraus und zählt es noch einmal. Dann verschwindet er im Zeltinneren. Seine Mutter hatte ihm mehr Geld gegeben, als er für das Fleisch benötigen würde. Kurz darauf kommt er mit einer gefüllten Papiertüte wieder heraus. Er holt ein einzelnes Bonbon aus der Tüte, wickelt es aus und steckt es sich in den Mund. Anschließend schaut er sich erneut um und setzt seinen Gang zufrieden fort. Überall riecht es nach den frisch an den Ständen zubereiteten Speisen, was einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt.

Schließlich findet der Junge einen kleinen Stand mit frischem Fleisch. Er tritt heran und spricht herauf zu einer Frau mit weißer Fleischerschürze: „Guten Tag. Ich brauche ein großes Stück Rindfleisch.“ Die wohlgenährte Frau lächelt ihn an: „Ach, wie süß. Wo kommst du denn her? Du möchtest ein Stück Fleisch? Das ist aber nicht billig. Besonders ein gutes Stück Rindfleisch ist teuer. Kannst du dir das überhaupt leisten, Kleiner?“ Xenos tut einfach so als überhörte er die Worte der netten Frau und holt sein Geld heraus. „Oh, na gut“, spricht die Fleischerin mit leicht verblüffter Stimme. „Das wird wohl reichen. Welches Stück darf es denn sein? Ich habe ein schönes Filetstück. Was willst du denn kochen?“ „Nikujaga“, antwortet Xenos schlicht. „Da habe ich das perfekte Stück für dich.“ Sie verschwindet unter dem Thresen und holt ein großes Stück Fleisch hervor: „Dieses Stück ist perfekt geeignet. Es wird nicht zu weich und ist durch die feine Fettmaserung sehr geschmacksintensiv. Damit gelingt jedes Nikujaga.“ „Das wird schon passen“, antwortet Xenos und legt das Geld auf den Thresen. Sie packt das Fleisch ein und reicht dem Jungen sein Wechselgeld sowie das verpackte Fleischstück. Mit einer Verbeugung verabschieden sich die beiden voneinander.

Auf dem Rückweg geht Xenos die andere Seite des Marktes ab. Auch hier gibt es verschiedenste Waren aus allen Regionen Atra-Regnums. Vor allem aus dem benachbarten Radonum-Forst lässt sich hier viel finden. Als Xenos an einem weiteren Stand vorbei geht, stellt sich ihm die recht freizügig gekleidete Verkäuferin dieses Standes plötzlich in den Weg. Die Frau mit langen, roten, leicht lockigen Haaren beugt sich hinab, kneift die Augen zusammen und begutachtet ihn genau. „Nein, wie süß bist du denn“, verliert sie die Fassung und reagiert völlig enthusiastisch. Der Junge weiß gar nicht wie ihm geschieht, als sie beginnt ihm wiederholt auf den Kopf zu patschen. Xenos weicht zurück: „Kennen wir uns?“ „Nein, aber das ist gar nicht schlimm.“ Sie reicht ihm die Hand: „Ich bin Guren, Guren Etchiko. Die schnellste fahrende Händlerin ganz Atra-Regnums. Ich war lange Zeit die schnellste Händlerin des Kaiserreiches, aber dann habe ich beschlossen, auch mal den anderen Völkern einen Besuch abzustatten.“ Ohne ihre Hand zu schütteln antwortet er: „Xenos.“ Ein breites Lächeln zieht sich über ihr Gesicht: „Was für ein schöner Name. Lass mich so einem süßen Kerl wie dir etwas schenken.“ Sie zieht ihn mit hinüber zu ihrem Stand. Es ist lediglich ein mit allem möglichen Krimskrams gedeckter Tisch vor einem offenen Planwagen, in dem sie nun wild herumwühlt. Dann drückt sie ihm eine faustgroße durchsichtige Kugel in die Hand. „D-Danke. Was ist das“, will Xenos wissen. „Gib ihr mal einen Stoß.“ Xenos schlägt die mysteriöse Kugel misstrauisch mit der Hand. Daraufhin beginnt sie weiß zu leuchten. „Es ist eine Leuchtekugel! Die Hochelfen benutzen solche Dinger überall in der Provinz. Sie haben auch einen richtigen Namen dafür. Ich glaube, es war Glüh-ball … oder so. Sie stellen sie aus Glühwürmchen her, glaube ich, und durch Stoßeinwirkung kann man die Kugeln an- und ausschalten. Wirklich praktisch.“ Xenos schaut sich die Hochelfenerfindung an und schaut anschließend hoch zu Guren: „Vielen Dank, das ist wirklich praktisch.“ Sie setzt ein breites Grinsen auf. „Ich muss dann jetzt aber los“, ergänzt Xenos. „Kein Problem, Kleiner. Vielleicht sehen wir uns ja nochmal wieder.“, verabschiedet sie ihn und wuschelt ihm durch seine Haare.

Zuhause angekommen, gibt er das Fleisch in der Küche bei Zara ab und verschwindet auf seinem Zimmer. Er öffnet seinen Beutel und holt das Buch mit dem schwarzen Einband heraus. Er schlägt es auf und beginnt zu lesen. Eine ganze Weile sucht er im Buch nach Informationen über die dämonischen Artefakte, doch viel ist nicht beschrieben. Aber das Schwert, der Hammer und die Sense werden flüchtig erwähnt. Gerade das Schwert ist für ihn besonders interessant, denn entgegen dem Rat von Azarni will er es sich zu eigen machen um Nekomaru und anschließend Heres zu besiegen. Leider lässt sich weder beim Schwert noch beim Hammer herauslesen, wo sie versteckt sind. Nur von einer Familie wird geschrieben, die in Verbindung mit der Legende erwähnt wird. Immer wieder taucht ihr Name auf. Der Name einer alten dunkelelfischen Nekromantenfamilie: Rhyl.

Er wird dieser Spur nachgehen, doch vorher muss er seine Schwester retten. Jetzt, wo er weiß, wo sie ist, muss er sie befreien! Gleich morgen wird er aufbrechen.


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.10.2016
Zuletzt bearbeitet: 19.12.2019
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