Kapitel 4 – Unruhe an der Westfront

Xenos ist nach Moavir gereist. Moavir ist eine sehr ländlich anmutende Stadt weit im Nord-Westen, an der Grenze zum Ödland-Reich, der Heimat der Orks. Hier, so hat er gehört, soll eine Truppe Orks ihr Lager aufgeschlagen haben. Er hat sich entlang der Grenze durch die Dörfer gefragt. Xenos hofft, dass dies das Lager aus seiner Vision ist.

Der Junge muss nicht lange suchen, bis er das große Lager der Orks findet, welches sich vor der Stadtgrenze befindet und bis in die Stadt hineinreicht. Auf den Straßen sind sowohl Orks als auch Menschen unterwegs. Sie scheinen gut miteinander auszukommen und helfen einander. Er begibt sich in eine kleine Herberge und spricht mit dem dortigen Personal: „Entschuldigen Sie, wohnt hier ein älterer Mann mit weißem Haar und Umhang?“ „Nein, so einen Gast haben wir derzeit nicht.“ „Haben Sie diesen Mann zufällig in der Stadt gesehen?“, will Xenos wissen. Das Personal überlegt: „Nein, auch das nicht. Aber die Orks haben erzählt, dass sie nachts in ihrem Lager eine Person mit einem Umhang umherlaufen sehen haben.“ „Danke, das hilft mir schon mal weiter.“ Mit diesen Worten verschwindet Xenos aus der Herberge und macht sich auf in das Lager der Orks.

Während er durch das Zeltlager der Orks geht, wird er von vielen Orks misstrauisch von der Seite beäugt. Immer wieder kann man leichtes Schnauben hören. Schließlich kommt ein großer, stark bewaffneter Ork frontal auf ihn zu: „Was willst du hier, Kind?“ Xenos schaut zu ihm hoch: „Ich habe gehört, dass nachts eine Person im Umhang durch das Lager streifen soll. Ich interessiere mich dafür. Könnten Sie mir Näheres zu dieser Person erzählen?“ Der Ork schnaubt wütend: „Das geht dich gar nichts an. Bürger, insbesondere kleine neugierige Kinder, sollten sich nicht in die Angelegenheiten des Militärs einmischen. Abgesehen davon, trägst du selbst einen Umhang. Das macht dich auch verdächtig.“ Mit diesen Worten packt der Ork den Jungen am Arm und zieht ihn hinter sich her. „Moment mal“, will Xenos richtigstellen: „ich habe damit nichts zu tun. Ich bin erst heute morgen in die Stadt gekommen. Ich kann es gar nicht gewesen sein.“ Doch der grimmige Ork hört ihm nicht zu.

Er zerrt ihn bis in ein großes Zelt in der Mitte des Lagers. Hier schubst er ihn in die Mitte des Zeltes. Xenos hat Mühe sich zu fangen und nicht hinzufallen. Er schaut sich um. Im Zelt stehen verschiedene andere Orks im Kreis um ihn herum. Ein Ork sitzt auf einem großen prunkvollen Stuhl. Dann äußert sich der Ork, welcher ihn hierher brachte: „Ich habe einen Knirps gefunden, der sich hier im Lager verdächtig gemacht hat. Er trägt einen Umhang wie der Störenfried, der in den Nächten unsere Truppen verzaubert.“ Daraufhin will Xenos etwas sagen, doch er wird direkt von dem großen Ork auf dem Stuhl unterbrochen: „Schweig still, Kind. Ich bin General Uogh Bar. Meine Truppe ist auf dem Weg zur Kaiserstadt und wir lassen uns nicht länger durch die kleinen Zauber eines missratenen Menschenkindes von unserem Ziel abhalten. Nun, hast du etwas zu deiner Verteidigung zu sagen?“ „Ich war das nicht“, ist das erste, was Xenos herausbringt: „Wie ich Ihrem Soldaten schon sagte, bin ich erst seit heute morgen in der Stadt. Ich kann es unmöglich gewesen sein. Abgesehen davon, womit soll ich überhaupt eure Truppen verzaubert haben?“ „Das weißt du doch ganz genau, Zauberer. In der Nacht verzauberst du unsere Truppen und am nächsten Morgen sind sie träge und wollen sich kein Stück mehr bewegen.“ „So einen Zauber kenne ich gar nicht.“ „Aha“, ruft der General aus: „also gibst du zu, dass du ein Zauberer bist!“ Xenos überlegt, was er nun antworten soll. Orks sehen sämtliche Magie als dämonisches Machwerk. Bis auf ein paar Schamanen benutzen Orks aus diesem Grund keine Zauberei. Sie ist nicht verboten, wird von der Bevölkerung aber weitgehend verpöhnt. Schließlich entschließt sich Xenos zu lügen: „Ich bin kein Zauberer. Ich habe keinerlei magische Kräfte, selbst wenn ich wollte, könnte ich keine Zauber wirken.“ Diese Antwort scheint die Orks noch immer nicht von seiner Unschuld überzeugt zu haben: „Man kann viel erzählen. Durchsucht seine Sachen.“ Xenos lässt das Ganze über sich ergehen, wohl wissend, dass sie nichts finden werden, denn er benutzt für seine Zauber keinerlei magische Artefakte oder andere Hilfsmittel. Plötzlich holt ein Ork allerdings eine kleine Box aus Xenos‘ Tasche. Er öffnet sie und präsentiert den Inhalt seinem General. Dieser rümpft die Nase: „Was ist das? Eine abgetrennte Hand?“ Es ist ein Übungswerkzeug und Spielzeug für Nekromantenlehrlinge. Doch wie es aussieht, wissen die Orks darüber nicht Bescheid. Xenos drückt eine kleine Träne aus seinen Augen und beginnt zu schluchzen: „Es-es ist die Hand meiner Mutter. Eines Nachts ging unser bescheidenes Haus in Flammen auf. Sie hat es nicht mehr heraus geschafft. Ihre Hand ist das letzte Erinnerungsstück an sie, was ich noch habe.“ „Krank“, winkt der General ab und sein Untergebener verschließt die Box. Innerlich steigt in Xenos ein Grinsen auf, doch er unterdrückt es. Er hat sich gut aus der Affäre gezogen. Doch dann holt ein anderer Ork die durchsichtige Kugel heraus, die der Junge in Erah von der verrückten fahrenden Händlerin Guren geschenkt bekommen hat. Sie fällt aus seinen groben Händen, schlägt auf dem Boden auf und beginnt zu leuchten. „Zauberei“, schreit der Ork. „Erklär dich, Menschenkind“, verlangt General Uogh Bar. Xenos seufzt: „Das ist eine Leuchtkugel oder so. Den genauen Namen kenne ich auch nicht. Sie wurde von den Hochelfen aus Glühwürmchen hergestellt. Es ist keine Magie, sondern Alchemie.“ Diese Erklärung scheint den Orks allerdings nicht besonders zu gefallen. Wahrscheinlich verstehen sie von Alchemie genau so wenig wie von Magie. „Alchemie“, wird der General laut: „das ist doch genau so ein Schwachsinn. Du bist schuldig und deine magische Kugel ist der Beweis!“ Er macht eine kurze Pause, doch bevor Xenos sich erneut versuchen kann zu erklären, beginnt er weiterzusprechen: „Du wirst bestraft werden für deine Machenschaften. Du hast der Armee viel Zeit gekostet. Wir werden für das Menschenvolk ein Exempel statuieren. Wer sich der Armee in den Weg stellt, wird dafür büßen. Du wirst im Morgengrauen vor allen Augen hingerichtet!“ Xenos bleibt der Atem stehen. „Sperrt ihn weg“, verlangt der General.

Schnell verbreitet sich in der Stadt die Nachricht über die morgige Hinrichtung eines kleinen Menschenjungen als Schuldigen an den Problemen im Orklager. Dies stößt bei vielen Einwohnern auf Unmut. Noch am selben Tag kommt der Präfekt der Stadt persönlich ins Zeltlager der Orks, um mit General Uogh Bar zu sprechen. Doch all seine Bemühungen erweichen den Truppführer nicht. Die Orks sind weitgehend bekannt für ihre Disziplin und Loyalität, besonders in ihrer Armee. Aber sie sind ebenso bekannt für die Härte ihrer Strafen bei Verstößen gegen ihre Gesetze, insbesondere wenn ihre starke und brutale Armee involviert ist. So kommt der Präfekt nach langen Verhandlungen ohne Erfolg zurück in die Stadt. Bis zum Abend nimmt die Verärgerung der Bewohner immer weiter zu. Schließlich berufen die Bürger im größten Wirtshaus der Stadt eigenständig eine Versammlung ein.

„Wir können das unrechtmäßige Urteil der Orks nicht einfach hinnehmen“, äußert sich ein Mann, der beginnt vor den anderen zu sprechen: „Sie mögen vielleicht gekommen sein um die Kaiserstadt zu befreien und uns Menschen zu helfen, doch das gibt ihnen noch lange nicht das Recht über unsere Kinder zu richten.“ Die Leute jubeln und klatschen. „Da unser Präfekt ohne ein Ergebnis zurückkam, scheinen sie sich nicht einfach durch bitten und betteln überzeugen zu lassen. Wir müssen einen anderen Weg finden. Hat jemand eine Idee?“ Ein anderer Mann aus der Menge steht auf: „Wir könnten uns zum Zelt schleichen, in dem der Junge gefangen gehalten wird, und ihn befreien.“ Ein Getuschel geht durch die Menge. Dann erhebt sich ein älterer Bürger: „Die Orks sind heute besonders wachsam. Ich denke, es wird schwer sich dort heimlich einzuschleusen und auch wieder heraus zu kommen.“ Daraufhin äußert sich eine Frau: „Wie wäre es, wenn wir direkt die Hinrichtung boykottieren?“ Schließlich stellt sich ein junger Mann aus den hinteren Reihen auf eine Bank und spricht in die Menge: „Bei der Hinrichtung sind die Orks sicher auf eventuelle Zwischenfälle vorbereitet. Das klappt nie. Auch sich reinzuschleichen wäre viel zu riskant. Werden die Eindringlinge geschnappt, werden sie am Ende noch ebenfalls hingerichtet. Ich bin dafür, wir zeigen ihnen offen, was wir von ihrem Entschluss halten unsere Kinder zu töten. Wir rebellieren. Und das noch heute Nacht!“ Er streckt die Faust in die Höhe und bekommt viele unterstützende Zurufe. „Langsam, langsam“, versucht der Sprecher in der Menge wieder Ruhe einkehren zu lassen: „Das würde viel zu schnell eskalieren. Lasst uns versuchen am nächsten Morgen gemeinsam die Hinrichtung zu stören, indem wir uns ihnen in den Weg stellen.“ Die aufgebrachte und wütende Meute beruhigt sich wieder etwas. Wieder geht Getuschel durch die Menge. Die Frau, welche den Vorschlag brachte, äußert sich erneut: „Wenn sie sehen, dass wir als Volk uns gemeinsam und vor allem friedlich gegen ihr Urteil stellen, geben sie vielleicht nach.“ „Das ist doch nur Wunschdenken“, widerspricht der junge Mann der Frau: „Orks sind unerweichlich. Sie werden von der Härte der Strafe nicht abweichen.“ Dann mischt sich der Sprecher erneut ein: „Es ist das Beste die Hinrichtung gemeinsam am Morgen zu boykottieren. Daher werden wir diesen Vorschlag umsetzen. Seid also morgen pünktlich. Ich erkläre die Versammlung für beendet.“

Xenos sitzt die Nacht über in seiner Zelle. Er bekommt vom Trubel draußen in der Stadt nur wenig mit und überlegt, wie er sich aus seiner misslichen Lage befreien kann. Plötzlich wird es in einiger Entfernung laut. Man hört Menschen rufen und schreien. Auch das Grunzen einiger Orks ist zu vernehmen. Der Junge wundert sich, was da draußen los ist, doch Informationen erhält er als Gefangener natürlich nicht.

Währenddessen sind in der Stadt zahlreiche, vor allem jüngere Bürger auf den Straßen. Mit Fackeln und einfachen Waffen machen sie sich zum Lager vor der Stadt auf. Die Orks beginnen die Straßen, welche zu ihrem Lager führen, zu blockieren. Die Forderung der Leute, das gefangene Kind freizulassen, wird immer deutlicher. Auch der orkische General weiß mittlerweile davon und hat seinen Truppen befohlen die Unruhen zu beenden. Wenn nötig mit Gewalt. Doch die rebellierenden Einwohner auf den Straßen lassen sich von den vorrückenden Orks nicht beirren. Mit Möbeln aus den Häusern errichten sie provisorische Straßenbarrikaden und bewerfen die bedrohlich näher kommenden Orks mit Steinen und anderen handlichen Dingen. Schließlich ergeht von Uogh Bar der Befehl den Widerstand mit allen Mitteln niederzuschlagen. Die Lage eskaliert. Es kommt zu Straßenschlachten zwischen den gut ausgerüsteten kriegerischen Orks und den ihnen unterlegenen Einwohnern Moavirs. Vom Rathaus her beobachtet der Präfekt machtlos die sich zuspitzende Lage. Die wenigen Stadtwachen können keine Schlichtung mehr bewirken. Er sendet ein Eilschreiben an die benachbarte Grenzgarnison Hellsheide und bittet um dringende Unterstützung.

Unterdessen überrennt die Orkarmee weite Straßenzüge der noch am Tage friedlich mit ihnen kooperierenden Stadt mit aller Brutalität und ohne Rücksicht auf Verluste, eben in der üblichen Vorgehensweise der orkischen Armeen. Bis kurz vor Sonnenaufgang leistet die Bevölkerung Widerstand, welcher mittlerweile nur noch verzweifelte Verteidigung ist. Schließlich erreicht die Unterstützung aus Hellsheide die verwüstete Kleinstadt. Sie mischen sich als Frieden bringende Dritte in die Stellunsgefechte ein und versuchen zu deeskalieren. Doch die Orks machen keinen Unterschied zwischen der rebellierenden Bevölkerung und den schlichtenden Soldaten der kaiserlichen Armee. Der befehlshabende Offzier befielt schließlich, die Orks aus der Stadt zurückzudrängen, was ihnen nach und nach gelingt. Jedoch fühlen sich die Orks dadurch noch mehr provoziert. Im gesamten Lager bricht Kampfstimmung aus.

Durch Gespräche vor den Zelten bekommt nun auch Xenos mit, was sich draußen abspielt. Ebenso bekommt er ein entscheidendes Detail mit. Die Orks wollen sich den durch die Unterstützung auf kaiserlicher Seite verlorenen Vorteil durch taktischen Rückzug zurückerkämpfen. Sie wollen sich in die naheliegende Burgruine zurückziehen und aus besserer Ausgangsstellung mit taktischem Vorteil später zurückschlagen. Nun wird Xenos alles klar. Die verschwommenen Bilder in seinem Kopf fügen sich zusammen: Die 500 Orks auf dem Weg zur Burgruine – sie ziehen nicht dort hin, weil sie wissen, dass sich dort Leute befinden, sie ziehen sich dorthin zurück durch die Unruhen, die Xenos selbst ausgelöst hat! Jetzt erfüllt sich, was der Junge sah und er kann nichts tun. So nah bei seiner Schwester zu sein und sie doch nicht sehen zu können. Er ballt die Fäuste und schlägt sie wiederholt zu Boden: „Denk nach, denk nach. Wenn sie die Burg erreichen ist Ayame tot.“ Dann beißt er sich in den Finger. Blut tropft zu Boden. Ein Sigil zeichnet sich. „Komm mein Diener!“ Eine kleine, verwesende Ratte kriecht aus dem Boden. „Lauf zur Ruine und warne die sich dort Versteckenden vor den kommenden Orks. Sie sollen … sich zurückziehen.“ Die Ratte quietscht und sprintet unbemerkt davon.

Wenig später ziehen 500 schwer bewaffnete Orks zur naheliegenden Burgruine, während die Orks im Lager gegen eine stetig wachsende kaiserliche Armee ankämpfen. Der Stoßtrupp erreicht die Ruine. Niemand befindet sich in ihr. Ohne weitere Zwischenfälle ziehen sich die Orks aus dem Gefecht in die Burg zurück und die kaiserliche Armee befreit Xenos aus dem zurückgelassenen Zeltlager. Doch die Spur zu Ayame … ist verloren.


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.11.2016
Zuletzt bearbeitet: 02.05.2017
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