Kapitel 1 – Kinder dieser Welt

Die Welt Atra-Regnum steht unmittelbar vor ihrer Zerstörung. Nach seiner Zeit bei Xenos in der Welt der Lebenden entschied sich Nekomaru, Xenos‘ ärgster Rivale, gegen seine frühere Heimat, das Reich der Toten. Daraufhin zog sich Heres, der Dämonenfürst der Erde, aus der Offensive der Dämonen gegen die Lebenden zurück. Ihm ging es immer nur darum, seinem menschlichen Sohn Nekomaru eine ihm gefallende Welt zu bieten.

Prompt riss Sangra, die Dämonenfürstin des Blutes, die Führung der dämonischen Armeen an sich und versprach Atra-Regnum seinen baldigen Untergang. Unmittelbar nutzte sie ihre schier unsagbare Macht und nahm der Welt eines ihrer wertvollsten Güter – das Wasser. Alles Wasser wandelte sich zu Blut, die Flüsse und Meere wurden rot, Regen ergoss sich als dickflüssiger Saft des Lebens, Brunnen spien rote Fontainen empor und Wasserreserven wurden von einem Moment zum anderen unbrauchbar.

In jenem Moment, als alles Wasser zu Blut wurde, kamen Xenos und Nekomaru in Erah an. Der Regen wurde dickflüssig und schwer, übernetzte die beiden Kinder und den gesamten Boden. Schnell machten sie sich auf den Weg nach Hause. Nicht weit entfernt vom Mittelpunkt der Stadt, dem Marktplatz, befindet sich das Stadthaus der Familie Nebraa, in welchem Xenos‘ Mutter Azarni bei den Bediensteten Schutz suchte.

Im Reich der Toten kostet Sangra den Moment ihres Triumphes schrill lachend und mit vor Freude in den unendlich schwarzen Himmel gestreckten Armen sichtlich aus. Doch viel Zeit bleibt ihr nicht, ehe mit einem Donnern die schweren Türen zum großen Balkon ihres Blutpalastes auffliegen. Zornig tritt ihr eine große Dämonin mit azurblau-weißem Kleid entgegen. Ein furchtbar wütender Ausdruck verzerrt ihr recht menschliches Gesicht aus reiner, sehr bleicher Haut.

Sie marschiert auf die Dämonenfürstin des Blutes zu und wirft mit der rechten Hand ihr wasserstoffblondes, langes Haar nach hinten. Ihre langen, spitz zulaufenden, saphirblauen Fingernägel streifen ihren Hals. Die ganze Gestalt der Dämonin wirkt fast schon geisterhaft.

„Peleori!“, dreht sich Sangra mit freudiger als auch zugleich verwunderter Stimme zur anstürmenden Dämonin.

Diese steht nun direkt vor ihr. Peleoris eisblaue Augen schauen tief in die blutroten Augen der Dämonenfürstin.

Ihre vor Wut kochende Stimme bebt Sangra entgegen: „Was hast du getan?“

„Ich zeige den Lebenden und Heres wie es aussieht, wenn eine fähige Dämonin eine Welt unterwirft“, spricht sie voller Stolz und Hochmut. „Bald gehört uns dieses Land, Schwester!“

„Du hast das Wasser zu Blut werden lassen!“, schreit Peleori. „Das Wasser! MEIN Wasser! Du hast mich übergangen, meine Autorität untergraben, mir mein Einflussgebiet entrissen und innerhalb weniger Sekunden nahezu zerstört! Was du mit deinem Blut machst ist deine Sache, aber wenn du dich in meine Angelegenheiten einmischst, mit dem Wasser pfuschst, werde ich nicht zusehen. Ich würde mich nie, niemals am Blut vergreifen, auch wenn es mir noch so zuwider ist, wie du damit umgehst. Durch deine unüberlegte Aktion hast du heute und auch gleich für die nächsten Jahre mehr als genug Schaden angerichtet! Dass du Heres‘ Position als oberste Kriegsführerin übernommen hast, war das Schlimmste, was uns, den Lebenden als auch den Dämonen, hätte passieren können. Du denkst nie nach, bist viel zu kurzsichtig, impulsiv und taktisch sowie strategisch mehr als unfähig! Eure Pläne, die Welt der Lebenden zu unterwerfen, haben mich nie interessiert und ich wusste, solange Heres euch führt, braucht mich diese ganze Angelegenheit auch nicht zu interessieren. Jetzt muss ich meine Position aber noch einmal überdenken. Ich werde deine Schandtat rückgängig machen und mir mein Wasser wieder zurücknehmen. Wehe du mischst dich auch nur noch einmal in MEINE Angelegenheiten ein! Und ich hoffe für dich, dass sich das Leben im Wasser wieder erholt.“

Sangra knirscht mit den Zähnen, als sie spürt, wie das von ihr vor wenigen Sekunden angeeignete Blut wieder aus ihrer Kontrolle entschwindet.

Hochmütig und zornig dreht sie ihrer Schwester den Rücken zu und stützt ihre Hände auf die Brüstung des Balkons: „Du bist einfach zu weich, Schwesterchen. Um seine Ziele zu erreichen muss man nun mal Opfer bringen.“

Mit diesen Worten gibt es ein erneutes Donnern und die gigantischen Türen zum Balkon schließen sich. Ruckartig wendet Sangra ihren Kopf zur Seite. Ihre Schwester Peleori, die Dämonenfürstin des Wasser, ist einfach gegangen. Wütend stampft sie mit ihrem Fuß auf den Boden.

Xenos steigt die drei kleinen Stufen hinauf und klopft an der Tür. Der Regen beginnt bereits das Blut von den Körpern der beiden zu spülen. Von innen wird die Tür des Hauses entriegelt und einen Spalt weit geöffnet. Marie, das junge, hübsche Dienstmädchen und Tochter vom alten Dienstboten Rendall, schaut vorsichtig hinaus und erblickt die beiden, noch immer größtenteils in Blut getränkten, Jungen. Vor diesem Anblick schreckt sie kurz zurück und will die Tür gerade wieder schließen, als Xenos sie begrüßt und das Mädchen den Sohn ihrer Hausherrin doch noch erkennt.

Schnell reißt sie die Tür auf und verbeugt sich: „E-es tut mir leid, junger Herr. Ich habe Euch gar nicht erkannt. Kommt doch herein.“

Xenos nickt und tritt ein. Nekomaru folgt ihm unbekümmert. Das vom Regen leicht verdünnte Blut tropft von den Körpern der Jungen auf den Boden des Flures. Irritiert schließt Marie die Tür und folgt den beiden, bemüht, nicht in die Bluttropfen zu treten und sie weiter zu verwischen.

„Soll ich Euch ein Bad bereiten, mein Herr?“

„Sehr gern“, antwortet der junge Nekromant.

Er spürt, wie das Blut im warmen, trockenen Haus langsam an Feuchtigkeit verliert.

Angelockt von den Stimmen der neuen Gäste kommen nun Xenos‘ Mutter Azarni und Köchin Zara die Treppe hinunter in den Flur. Auch der junge Gärtner Elias, ein Druide und alter Freund von Xenos, kommt vom anderen Ende des Flures neugierig auf die Besucher zu. Im Gegensatz zu Marie erkennt Azarni ihren Sohn sofort. Ihre Freude ist ihr deutlich anzusehen.

Sie kann sich kaum zurückhalten ihn in die Arme zu schließen: „Xenos, mein Junge, du bist wieder zurück. Ihr habt wohl das Blutregenphänomen nicht trocken aussitzen können. Hast du einen Freund mitgebracht?“

Auch Xenos freut sich wieder zuhause zu sein und seine Mutter wohlbehalten wiederzusehen. Das kindlich freudige Lächeln und Glück über die Geborgenheit lässt sich von ihm nicht zurückhalten.

„Der blutige Regen kam so plötzlich“, erklärt der Junge und schüttelt den Kopf. „Auch das andere Wasser war verwandelt. Das ist kein natürliches Phänomen. Ich denke, es war ein sehr starker Zauber.“

Dann blickt er neben sich zum blondhaarigen Jungen: „Das ist übrigens Nekomaru.“

Seine Mutter spannt sich an: „Das ist Nekomaru? Warum hast du ihn bei dir? Er ist doch derjenige, der dich beinahe getötet hätte!“

„Das ist eine lange Geschichte“, atmet Xenos tief ein. „Nachdem wir unsere Auseinandersetzungen hatten, wurde er von einem Dämon verraten und ich nahm ihn gefangen. Scheinbar hat er in der Zeit aber Gefallen an unserer Welt gefunden, die auch die seine ist. Wie sich herausstellte, ist er nämlich kein Dämon. Schließlich hat er sich gegen das Reich der Toten entschieden und blieb hier.“

Nekomaru brüstet sich und mischt sich ein: „Also ganz so würde ich das nicht ausdrücken! Ich habe mich entschieden hier zu bleiben, weil ich deine Welt kennenlernen will. Sie ist interessant. Aber ob sie mir so gut gefällt, da bin ich mir nicht sicher. Außerdem bin ich ein Dämon. Ein bisschen zumindest.“

„Na ja, du bist durch zwei Menschen entstanden und hast obendrein die Gabe eines Dämonen bekommen“, neckt ihn Xenos. „Das würde ich schon als eher menschlich bezeichnen.“

Wie von Xenos erwartet, fühlt sich Nekomaru provoziert und rechtfertigt sich aufbrausend: „Na und? Dann steckt ein Teil Dämon in mir. Ich habe doch auch nur gesagt ein bisschen! Zwei Menschen und ein Dämon ist immer noch mehr Dämon als Menschen die nur aus einem Menschen entstanden!“

„Man braucht immer mindestens zwei Menschen“, versucht Xenos das Argument seines Rivalen zu zerschlagen, in der Hoffnung ihn weiter provozieren zu können.

Nekomaru hingegen verwirrt diese Aussage eher.

Er hebt seine Hand und zeigt zwei Finger: „Immer zwei? Warum zwei? Das geht doch nicht auf. Dann gibt es doch immer weniger Menschen, wenn aus zwei Menschen ein neuer Mensch wird. Einer ergibt doch viel mehr Sinn!“

Die Umstehenden schauen Nekomaru, von seiner verwirrten Aussage selbst verwirrt, an.

Schon kommt Marie aus einem am Flur angrenzenden Zimmer: „Das Bad ist bereit, junger Herr.“

Ohne weiter auf Nekomaru einzugehen macht sich Xenos auf ins Badezimmer. Nekomaru folgt ihm.

Vor der Tür dreht sich der schwarzhaarige Junge um: „Moment mal, erst bin ich dran.“

„Ich bin aber auch schmutzig“, bekommt er als Antwort.

Schon drückt sich Nekomaru an ihm vorbei und geht voran ins warme Badezimmer. Xenos fühlt sich überrumpelt und tritt ebenfalls ein. Hinter sich schließt er die Holztür. Zara und Azarni schauen sich an.

„Halt!“, hört man nur noch Xenos Stimme laut aus dem verschlossenen Zimmer rufen. „Du kannst nicht einfach ins Becken. Vorher musst du …“

Er wird von einem lauten Platschen unterbrochen.

„… duschen. Du hättest wenigstens deine Sachen ausziehen können.“

Nach dem entspannenden und für Nekomaru auch lehrreichen Bad versammeln sich alle um die beiden Jungen im Wohnzimmer.

„So habe ich dich doch gleich noch viel lieber“, nimmt Azarni ihren Sohn endlich in die Arme.

Elias fragt neugierig: „Seit wann tragt Ihr eigentlich ein Schwert?“

Stolz zieht Xenos es aus der Scheide: „Das ist das Dämonenschwert. Es war nicht leicht zu bekommen.“

Schon wird er von Azarni am Arm zurückgezogen.

„Sag mal, habe ich dir nicht gesagt, du sollst die Dämonenwaffen nicht anrühren? Weißt du, was da hätte passieren können?“, belehrt ihn Azarni wütend. „Warum setzt du dich zusätzlich noch solchen Gefahren aus? Ist dir dein Abenteuer nicht schon gefährlich genug? Das enttäuscht mich ein wenig.“

„Tut mir leid, Mama“, senkt Xenos bedrückt seinen Kopf.

„Es ist schon schwer genug dich deinen Weg ziehen zu lassen. Bereite mir doch nicht noch zusätzlich Sorgen, indem du meine Warnungen ignorierst“, beruhigt sich Azarni wieder. „Es freut mich trotzdem, dass du stark genug warst diese Waffe zu kontrollieren. Das macht mich stolz. Aber mach das nie wieder!“

„Versprochen, Mama“, antwortet Xenos mit weiterhin gesenktem Kopf und steckt sein Schwert wieder zurück.

„Das Gefährlichste auf der Suche nach seinem Schwert wahr wohl ich“, lacht Nekomaru scherzend.

Azarni wirft auch ihm einen elterlich-bösen Blick zu, woraufhin er verstummt, auch wenn er scheinbar nicht ganz versteht, was er falsch gemacht hat.

„Seid Ihr Euch denn sicher, dass Ihr diesem Jungen vertrauen könnt“, fragt Zara, die neben Nekomaru auf der Couch Platz genommen hat.

Xenos schaut auf und blickt zur Köchin: „Bisher hatte er mehrere Gelegenheiten mich zu verraten. Ich denke nicht, dass er mich verrät. Jedenfalls momentan.“

Nekomaru grinst ihn schelmisch zwiespältig an. Leise, ohne das Gespräch unterbrechen zu wollen, verteilt Marie an jeden in der Runde eine Tasse Tee.

„Was ist eigentlich deine Gabe? Ihr meintet doch, du besitzt eine Gabe des Dämons“, lehnt sich Elias von hinten zu Nekomaru über die Couch.

„Ja, das ist richtig“, setzt sich Nekomaru stolz auf. „Mein Papa hat sie mir geschenkt. Sie macht mich ja irgendwie schon zu einem Dämonen.“

Xenos rollt mit den Augen.

„Und was macht sie?“, hakt der Druide nach. „Oder ist sie nur dafür da, dass du sagen kannst, du bist teilweise ein Dämon.“

„Natürlich nicht!“, entgegnet Nekomaru prompt und schweigt.

Er überlegt. Auch der junge Nekromant kommt bei Elias‘ Frage ins Grübeln. Was die Gaben der Dämonen genau sind und welche Effekte sie mit sich bringen, hat Nekomarus Vater Heres nicht erwähnt. Er meinte lediglich, dass die Gaben der Dämonen die Gaben der Götter ausgleichen, die die Welt sonst vermeintlich in ein Paradies verwandelt hätten. Es ist nicht schwer zu schlussfolgern, dass die Gaben der Dämonen das Gegenteil tun. Ist es dann so, dass die Kinder mit den Göttergaben sehr gute Menschen sind und die Kinder mit den Dämonengaben sehr schlechte Menschen? Das allein würde doch aber nicht die Welt zerstören.

„Was ist es denn nun?“, fragt Elias erneut.

Auch alle anderen sind gespannt auf die Antwort. Verlegen zuckt Nekomaru mit den Schultern.

Xenos übernimmt das Antworten für ihn: „Wir wissen es nicht. Das sollten wir aber herausfinden. Als uns davon erzählt wurde, war die Rede von mehreren Gaben. Damals, kurz vor Ende der zweiten Ära, zerstörte Helena, die Göttin der Fruchtbarkeit und Schöpfung das Tor der Engel und brachte die Göttergaben nach Atra-Regnum. Um das Gleichgewicht zu wahren, verteilten die Dämonenfürsten ebenfalls ihre Gaben. Demnach muss es eine ganze Menge Kinder geben, die solche Gaben besitzen. Vielleicht sind sie sich dessen nicht einmal bewusst. Auf jeden Fall müssen sie alle ungefähr in Nekomarus und meinem Alter sein.“

Alle schauen Xenos ungläubig an.

„Also gibt es nicht nur die eine Gabe des Dämonen, sondern so viele wie Dämonenfürsten? Und dazu kommen auch noch Gaben der Götter?“, versucht Azarni zusammenzufassen.

Xenos nickt.

„Und diese sind alle hier verteilt. Keiner weiß wie viele und keiner weiß wo. Außerdem weiß keiner, was sie genau bewirken.“

„So sieht es aus“, stellt Xenos klar. „Und langsam sind diese Kinder so weit, dass sie einen Einfluss auf die Welt haben können.“

„Dann ist also nicht mehr nur das auserwählte Geschwisterpaar von existenzieller Wichtigkeit für uns“, schlussfolgert Zara. „Wir müssen uns um all diese Kinder Gedanken machen.“

„Aber ich habe doch gar keine Zeit mich auch noch um so etwas zu kümmern“, beschwert sich Xenos. „Ich muss immer noch Ayame finden. Ständig kommt etwas dazwischen.“

Sanft nimmt Azarni die Hand ihres Sohnes: „Niemand verlangt von dir, dass du dich darum allein kümmerst. Lege dir nicht immer alles auf deine eigenen Schultern. Atra-Regnum ist die Heimat von uns allen. Wir alle sollten uns um ihren Erhalt kümmern.“

Diese Worte geben Xenos neue Kraft: „Du hast recht, Mama. Aber es ist vielleicht nicht klug diese Informationen zu veröffentlichen. Sie könnten missbraucht werden.“

„Lass uns das ruhig angehen. Wir müssen es nicht sofort mit allen teilen. Aber einen kühlen Kopf sollten wir trotzdem bewahren.“

„Stimmt. Ich habe weder einen Ansatz, wo sich Ayame aufhalten könnte, noch eine Idee, wie wir die Kinder finden könnten. Denken wir darüber nach, was wir als nächstes tun. Ein wenig Ruhe wäre sicherlich nicht falsch.“


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.05.2018
Zuletzt bearbeitet: 04.09.2019
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