Kapitel 5 – Zirkus Belial

„Hereinspaziert, hereinspaziert! Kommt und erlebt die atemberaubende Show des einmaligen Zirkus Belial. Beste Unterhaltung für Groß und Klein.“

Aufgeregt passieren Xenos und Nekomaru den werbenden Ansager am Eingang des Zirkusgeländes, ein Stück außerhalb des Lagers um Volar. Sie betreten das große rot-weiß gestreifte Zirkuszelt, in dem bereits viel Trubel herrscht. Nahezu alle Plätze auf den Tribünen sind bereits besetzt. In den vorderen Reihen haben dutzende Kinder ihre Plätze gesichert. Hier ist kein Platz mehr zu haben. Eltern und Familien, die erst später kamen, drängen sich durch die hinteren Reihen. Sie sind auf der Suche nach noch freien Plätzen mit möglichst bestem Blick in die mit Sand befüllte Manege. In ihr befinden sich bereits zahlreiche Requisiten und Aufbauten. Neben einer großen, bunten Kiste, verschieden hohen Podesten, einem Drehrad und lichtbringenden Feuerkörben befindet sich zwischen den zwei Türmen, die die hohe Zeltdecke stützen, ein langes gespanntes Seil und von der Decke hängende Stangen.

Im gedimmten Licht gelingt es schließlich auch den beiden Jungen einen Platz zu finden, der zudem sogar noch relativ weit vorn ist. Und plötzlich wird es ruhig. Hinter dem Vorhang setzt ein lautes Trommeln ein und eine junge, kleine Frau betritt die Manege. Sie trägt ein auffallend buntes, kurzes und eng anliegendes Oberteil und einen kurzen, glitzernden Tüll-Rock. Auf ihrem Kopf durchstoßen zwei Hörner die sonst glatte, lange, schwarze Haarpracht.

Mit verstohlenem Grinsen blickt sie in die Menge: „Geschätzte Eltern, geschätze Kinder, mein Name ist Bell und ich habe die Ehre, Euch heute Abend meine großartige Familie vorstellen zu dürfen. Erlebt, was Ihr noch nie zuvor gesehen habt, und staunt, was Euch erwarten wird.“

Sie hebt die Hände und aus den Feuerkörben, verteilt am Rand der Manege, steigen grelle Feuersäulen empor. Die Menge jubelt. Als die Sicht wieder frei wird, ist Bell verschwunden. In der Mitte steht nun ein kräftig gebauter Mann mit kahlem Kopf und gebräunter Haut. Sein Unterkörper wird durch einen um ihn verlaufenden Flammenring verhüllt und sein Oberkörper wird nur von zwei über Kreuz laufenden Lederriemen bedeckt. In den Händen hält er je zwei brennende Fackeln.

Er beginnt zu jonglieren, steigert sich durch höhere Würfe, das Auffangen mit Stirn und Kinn und schließlich dem geschickten Wurf von drei Fackeln, die außerhalb des ihn umgebenden Feuerkreises aufrecht im Sand der Manege versinken. Mit bloßer Hand umgreift der die vierte Fackel, um sie zu löschen. Die Leute halten den Atem an. Die erloschene Spitze führt er in seinen Mundraum, um sie nur einen Moment später wieder brennend hinauszuziehen. Der Mann brüllt lauthals in die Menge und lässt dabei einen Flammenschwall durch die Arena brechen, als wäre er ein gefährlicher feuerspuckender Drache. Er verbeugt sich, die Feuerkörbe erheben sich erneut zu Feuersäulen und er ist verschwunden.

„Das war doch Magie“, reagiert Nekomaru begeistert.

„Muss nicht sein“, antwortet Xenos, „Magier trifft man normalerweise nicht in einem Zirkus. Er kann auch einfach ein sehr guter Feuerschlucker gewesen sein.“

„Das war Krustsho!“, läuft Bell zurück in die Manege, „Seinem gekonnten Flammenspiel zuzusehen ist jedes Mal wieder von neuem beeindruckend. Doch erlebt nun Lilly und Peter auf dem Hochseil und am Trapez.“

Die Blicke der Zuschauer wandern nach oben, wo sich bereits zwei junge Personen auf den Masten gegenüberstehend in Stellung gebracht haben. Sie scheinen selbst noch Kinder zu sein und ihre ähnlichen Gesichtszüge lassen eine Verwandschaft nicht ausschließen. Der Junge besitzt zerzauste, blonde Haare und das Mädchen lange, hellbraune Haare zusammengebunden zu einem Zopf. Ihre Kostüme ähneln dem von Bell. Sie tragen kurze, bunt gestreifte Ballonhosen und aufeinander abgestimmte Hemden. Ebenso beinhaltet auch ihr Kostüm Hörner.

Als sie ihre Aufführung beginnen, stürzen sich die beiden synchron Richtung Boden. Das Publikum schreckt auf. Doch die beiden wissen, was sie tun. Auf halber Höhe greifen sie an die von der Decke hängenden Trapeze, nutzen den Schwung bis hinauf zu dem zwischen den Türmen gespannten Seil und kommen grazil zum Stehen.

Die Blicke der Zuschauer sind gefesselt an die unglaubliche Darbietung. Das macht es Bell leicht ungesehen aus der Mitte der Manege zu verschwinden.

Lilly und Peter rennen auf dem wankenden Seil, springen und schlagen Rad als wäre es solider Boden. Schließlich nehmen sie sich an den Händen und lassen sich erneut in die Tiefe fallen. Der Junge schlingt seine Beine um das Trapez unter ihnen. Er hält Lilly nur mit seinen Händen in der Luft und bewahrt sie vor dem sicheren Absturz in den Tod. Kein Netz zu verwenden bringt sicher mehr Spannung, macht das Ganze aber auch viel gefährlicher. Er schwingt vor und zurück. Die Fliehkräfte nehmen zu und es wird für ihn immer schwieriger Lilly zu halten. Noch einmal schwingt er nach vorn. Dann lässt er sie los. Sie fliegt durch den Schwung hinauf, über das Seil und wieder hinab. Peter schwingt zurück und versucht nach ihren Armen zu greifen. Doch gleiten ihre Hände aneinander vorbei. Im letzten Moment schafft er es ihre Füße zu packen. Er nimmt den Schwung mit nach vorn und katapultiert Lilly und sich mit letzter Kraft wieder ein Stück hinauf. Beide landen sicher mit ihren Füßen auf dem Trapez. Es wird zu Boden gelassen, die beiden steigen ab und verbeugen sich.

Den Zuschauern wird keine Ruhe gegönnt, als hinter dem Vorhang hervor zwei Tiger in die Manege schleichen und Lilly und Peter hinausdrängen, abgelöst von einer weiteren Dame in abgestimmtem teuflischen Kostüm.

Nekomaru hat die Vorführung der beiden Kinder sichtlich wenig beeindruckt, während alle um ihn herum mitgefiebert haben.

„Wenn die das als einmalig und atemberaubend ansehen, scheinen diese Zirkusleute ja schnell beeindruckbar zu sein. So ein bisschen auf dem Seil tanzen bekomme ich auch noch hin.“

„Meinst du?“, fragt Xenos eher desinteressiert.

Der Blondhaarige nickt: „Der Feuertyp war stark, aber wenn das bereits der Höhepunkt war, bin ich enttäuscht. An den beiden eben war nichts Besonders, außer ihr hübsches Aussehen. Und die Tigertante streicht sich gerade auch nur den Ruhm für das ein, was ihre Tiere leisten.“

„Meinst du?“, fragt ihn eine bekannte Frauenstimme.

Die Jungen drehen sich irritiert zur Seite. Neben ihnen hockt Bell, die Frau, die Krustsho, Lilly und Peter ankündigte.

Nekomaru nickt erneut.

Xenos schaut ihn an und schüttelt den Kopf. Er soll nicht so unhöflich direkt sein.

„Wenn ihr beiden so überzeugt seid, könnt ihr euch nach der Vorführung gern mal auf dem Seil probieren. Wir spannen dann auch ein Netz.“

„Klar, gar kein Problem!“

Xenos schüttelt erneut den Kopf.

Bell schaut nach vorn: „Ich muss los. Wir sehen uns später.“

Die Tiger verlassen die Arena und Bell tritt wieder ein. Das Publikum klatscht, während im Hintergrund umgebaut wird. Die Podeste und Ringe werden beiseite geräumt und das große Drehrad wird ins Zentrum geschoben.

„Lasst uns Euch zum Abschluss unserer sagenhaften Vorführung nun noch einmal einen kalten Schauer über den Rücken jagen, Euch den Atem stocken. Wir zeigen Euch nun eine noch recht neue Vorstellung unseres Zirkus. Begrüßt mit mir Jacob und seinen treuen Assistenten Noah.“

Ein weiterer Mann und ein Junge betreten das Zelt. Der braunhaarige Mann trägt ebenfalls ein Kostüm wie seine Vorgänger. Eine bunte Hose, ein etwas weiteres buntes Oberteil und Hörner. Der weißhaarige Junge sticht hingegen hervor. Er trägt eine einfache Hose, kein Oberteil und keine Hörner, wirkt aber sehr gut trainiert. Seine dunkelgrünen Augen gleiten durch die Menge. Sein und Xenos‘ Blick treffen sich, bevor Noah von den Helfern an das Rad gekettet wird.

„Irgendwie ist er mir unsympathisch.“

„Dir auch?“, stimmt Nekomaru zu.

„Er hat etwas an sich. Etwas abstoßendes.“

„Ich würde ihn gern töten.“

Xenos‘ Blick schwänkt zu Nekomaru: „So meinte ich das nicht. Wenn man ihn näher kennt, ist er vielleicht ganz sympathisch. Das ist nur der erste Eindruck, schätze ich.“

Dem Jungen werden die Augen verbunden. Jacob holt aus der Truhe einige Messer. Das Zelt wird ganz ruhig. Die Leute ahnen bereits, was passieren wird. Und schließlich fliegt der erste Dolch, schlägt direkt unter der linken Achsel des Jungen ein. Schon fliegt der nächste und landet auf der anderen Seite. Dann zwischen den Beinen, links neben dem Kopf, rechts und knapp darüber. Schon ist es vorbei. Verhalten beginnt Applaus, die Kinder jubeln und alle Mitwirkenden kommen ein letztes Mal in die Manege um sich zu verbeugen.

Das Zelt leert sich schnell. Einige Familien nutzen die Gelegenheit, um mit einigen der Artisten zu sprechen, während im Hintergrund bereits aufgeräumt wird. Schließlich bleiben nur Xenos und Nekomaru zurück.

„Lass uns einfach gehen“, meint Xenos.

„Erst wenn ich dort oben stand.“

Xenos seufzt.

„Ihr seid also die Kinder, die sich auf das Seil trauen?“, stehen plötzlich Lilly und Peter vor den beiden.

„Nur er“, deutet der Nekromant auf seinen Begleiter.

„Hast du etwa Angst?“, blickt Lilly Xenos in die Augen.

Dieser wird rot: „N-Nein. Ich weiß nur, dass ich es nicht kann.“

Nekomaru schaut zu Xenos: „Alles in Ordnung?“

„Wo sind eure Eltern?“, will Lilly wissen.

„Wir reisen allein. Meine Mama ist in Erah.“

„Warum seid ihr allein unterwegs? Wo wollt ihr hin?“

„Ich suche meine Schwester. Dazu reisen wir …“

Nekomaru hält Xenos den Mund zu: „Hallo? Warum erzählst du ihr das einfach so?“

Peter legt seine Hand auf Nekomarus Schulter. Sie schauen sich an und er lenkt vom Thema ab: „Bis das Netz gespannt ist, dauert es noch einen Augenblick. Habt ihr Lust euch solange ein wenig unser Lager anzusehen?“

„Ja, gerne“, antwortet Nekomaru.

Lilly und Peter führen die beiden vorbei an zahlreichen Wagen und viel mehr Schaustellern als heute Abend überhaupt zu sehen waren. Vorbei an den Tigerkäfigen, an einem Lamagehege und einem Bärenkäfig, hinein in einen großen Wagen mitten in den verwinkelten Gassen des Lagers.

„Xenos, Xenos hier stimmt was nicht“, schreckt Nekomaru auf.

Peter schaut Nekomaru an: „Was meinst du?“

„Dieses negative Gefühl. Das Gefühl der Anwesenheit von …“

Lilly dreht sich zu Nekomaru und legt ihre Hand behutsam auf seine Brust.

Auch Peter tritt näher an ihn heran, legt seine Arme auf die Schultern seines Gegenübers und schaut ihm tief in die Augen: „Es ist alles gut. Gefällt es dir hier nicht?“

„Nehmt eure Finger weg!“, schreit Nekomaru und stößt sich von den beiden ab. „Xenos, das sind keine Menschen!“

Der aufgebrachte Junge begibt sich in Kampfhaltung und wartet auf seine Sense. Schnell weichen Lilly und Peter zurück in Richtung Ausgang. Sie verlassen den Wagen und schließen die Tür. Nekomarus Sense erscheint nicht. Er flucht.

Der Blondhaarige sprintet zur Tür und hämmert mit der Faust dagegen. Sie ist fest verschlossen und gibt kein bisschen nach. Er schaut sich um. Nichts Brauchbares ist zu finden. Es gibt einen kleinen Tisch, gedeckt mit einer kleinen Mahlzeit, und ein einfaches Bettlager auf dem Boden. Eine Tür nach hinten scheint noch weiter in den Wagen zu führen. Nekomaru stellt sich vor Xenos. Dieser wirkt immer noch benommen. Der Junge schüttelt ihn und redet auf ihn ein, in der Hoffnung ihn wieder zu Bewusstsein zu bringen. Xenos‘ Augen blicken verloren in die von Nekomaru als sie sich plötzlich blitzschnell fokussieren.

„Nekomaru, wir wurden verzaubert!“

„Und jetzt sitzen wir hier fest.“

„Das waren Succubi. Sie haben uns in ihren Bann gezogen. Der ganze Zirkus ist voll mit ihnen! Warum hast du sie nicht bemerkt?“

„Klar, schieb mir ruhig die Schuld zu“, empört sich Nekomaru, „Du hättest sie doch sicher auch bemerken können.“

„Du hast dein ganzes Leben mit Dämonen verbracht!“

„Die Präsenz der meisten Dämonen lässt sich leicht erkennen, da ich sie bereits einmal gespürt habe. Aber Succubi und Incubi lassen sich nicht so einfach ausfindig machen. Sie sind wahre Meister im Tarnen, Täuschen und Manipulieren. Sie verstecken ihre Aura, sind kaum von Menschen zu unterscheiden.“

„Die Hörner hätten uns misstrauisch machen müssen. Warum haben sie sie überhaupt gezeigt? Sie hätten sie doch einfach ausblenden können.“

„Sie passten zu ihnen. Das hat sie doch erst so interessant gemacht“, kratzt sich Nekomaru verlegen am Hinterkopf, „Viel wichtiger ist aber, wie wir wieder hier rauskommen.“

Plötzlich öffnet sich die Hintertür. Der junge Assistent von der Messerwurf-Vorführung tritt ein und erblickt die beiden, die er vorhin bereits im Publikum bemerkt hat. Sie schauen ihn verdutzt an.

„Gar nicht“, antwortet der Junge Nekomaru, „Ich habe bereits alles versucht.“

„Du bist Noah, richtig?“, fragt Nekomaru.

Der Junge nickt.

Nekomaru misstraut ihm: „Warum bist du hier bei uns?“

„Sie haben mich genau so gefangen wie euch.“

„Es scheint aber, als würde es dir ganz gut gehen. Du arbeitest immerhin mit ihnen zusammen.“

„Ich habe aufgegeben zu fliehen. Man kann hier nicht entkommen. Wenn ihr euch kooperativ verhaltet, bekommt ihr besseres Essen und ein Bett. Nur darum habe ich mich bereiterklärt, bei den Vorführungen mit aufzutreten.“

„Wie lange bist du bereits hier?“

„Seit einigen Wochen. Es kommt mir wie eine Ewigkeit vor.“

Nun bemerkt auch Xenos, dass das Dämonenschwert aus seiner Schwertscheide verschwunden ist. Der Nekromant beginnt sich im Raum umzusehen, entdeckt aber nicht mehr als Nekomaru auch. Er geht zur Tür, aus der Noah zu ihnen kam, öffnet sie und wirft einen Blick hindurch. Durch Gitterstäbe kann man nach draußen sehen, als wäre man innerhalb eines Raubtierkäfigs. Er dreht sich wieder zu den beiden anderen.

„Ich könnte versuchen, mich in meinem Schatten zu verstecken und durch die Gitterstäbe nach außen zu zwängen.“

„Sowas kannst du?“, entgegnet Noah entgeistert.

„Er ist ein Magier“, erklärt Nekomaru stolz.

„Dann wird es wohl nicht funktionieren. Auf dem Wagen soll ein Schutzzauber liegen, der das Wirken von Magie verhindert. Nicht, dass es für mich bisher eine Rolle gespielt hätte.“

„Das erklärt auch, warum ich meine Sense nicht rufen konnte!“

Verzweifelt lässt sich Xenos gegen die Hintertür fallen.

„Wir sind hier also wirklich gefangen …“


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.09.2018
Zuletzt bearbeitet: 04.09.2019
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