Kapitel 16 – Auf Geheiß des Kaisers

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Von der Sonne beschienen suchen sich glitzernde Schneeflocken ihren Weg Richtung Erdboden. Kalter Wind trägt sie zu ihren Geschwistern, die sich bereits zu einer dicken Decke vereint haben. Sie bedecken jeden Zentimeter der Umgebung, beginnend vom Tal bis hinauf auf die höchsten Gipfel des Permafrost Massives im nördlichen Kaiserreich. Entlang eines kaum noch erahnbaren Pfades schlängeln sich Xenos und Nekomaru höher ins Gebirge. Mit einem dicken Pelzmantel vor der Kälte geschützt und die Kapuze ins Gesicht gezogen, um dem eisigen Wind zu entgehen, stapfen sie unbeirrt voran. In der Ferne ist bereits ihr Ziel zu erkennen. Dort türmt sich im Schneegestöber ein gewaltiger Felsbogen empor. Unter ihm ragt von Seite zu Seite eine massive Burgmauer. Dunkle Gestalten lassen sich auf den Zinnen erkennen. Die Kinder sind auf dem Weg zum Versteck des Kaisers. Seit dem Fall der Kaiserstadt bietet die alte Festung Götterruh ihm Zuflucht. Hier wird er vom geheimen Ritterorden der Nachtwacht geschützt. Ein elitärer Bund, der bereits seit den Anfängen des Kaiserreiches dem Schutz des Kaisers und seiner Familie dient. Doch erst mit den jüngsten Ereignissen der befürchteten dunklen Konvergenz, der Verschmelzung und dem Ende der Welten, traten sie wieder in Erscheinung.

„Halt!“, erklingt es schließlich in tiefem Ton von der Mauer.

Einige Meter vor dem Tor bleiben Xenos und Nekomaru stehen und blicken nach oben. Ein kräftig gebauter Mann in schwerer Rüstung schaut hinaub. Seine hochwertige Lamellenrüstung erinnert an die der kaiserlichen Armeen. Der auffälligste Unterschied ist das geschwärzte Metall. Die noch immer erkennbaren vorkaiserzeitlichen Elemente lassen sie zudem viel urtümlicher, traditioneller wirken.

„Gebt euch zu erkennen und nennt euer Begehr!“, fügt der Nachtwacht-Soldat hinzu.

Xenos erhebt seine Stimme: „Wir sind hier, um den Kaiser zu warnen. Die Armee der Dämonen unter Sangra, Dämonenfürstin des Blutes, wird vermutlich zeitnah erneut einen Angriff auf die Zuflucht starten. Mit ihren Erfahrungen aus der letzten Schlacht um die Festung verspricht ein weiterer Eroberungsversuch noch gefährlicher zu werden.“

Daraufhin ziehen die Jungen ihre Kapuzen vom Kopf. Sofort weicht der Mann zurück, als er Xenos erkennt. Die Kunde über sein Nekromantentum ist offenbar bereits bis in diese Abgeschiedenheit vorgedrungen. Obwohl die stationierten Soldaten ihn bereits persönlich kennen, scheint das Vertrauen erschüttert. Der Nekromant hatte es befürchtet.

Plötzlich erklingt eine Frauenstimme im Befehlston: „Öffnet das Tor! Lasst die beiden hinein.“

Die stationierten Soldaten zögern einen Moment. Doch dann beginnt das schwere Eichentor aufzuschwingen. Auf der anderen Seite steht eine junge Frau mit langen, schwarzen, zu einem Zopf gebundenen Haaren. Ihr Auftreten wirkt entschossen. Ihre mandelförmigen, dunklen Augen strahlen Willenskraft und Stärke aus. Sie trägt die Rüstung der Nachtwacht, umschlossen von einem reich bestickten, schwarzen Umhang.

„Ihr habt nichts zu befürchten“, beginnt sie das Gespräch. „Lasst euch einladen und seid unsere Gäste.“

Nekomaru schaut zu Xenos. Dieser schenkt der Frau sein Vertrauen und betritt schließlich die abgelegene Festung. Hinter den beiden schließt sich das Tor. Sie stehen im kleinen Innenhof der Festung unter dem Felsbogen. Auf beiden Seiten erheben sich massive Festungsmauern. In den Hang wurden auf beiden Seiten Häuser und Kammern hineingebaut.

Die unbekannte Frau stellt sich vor: „Wir sind uns bisher noch nicht persönlich begegnet. Ich freue mich, dass wir unser Kennenlernen nun nachholen können. Natürlich wären mir bessere Umstände lieber. Ich bin Großmeisterin Elena Kano aus dem östlichen Kaiserreich.“

Xenos‘ Augen werden weit, als er realisiert, wem er gegenübersteht. Diese Frau ist die Großmeisterin der Nachtwacht. Sie ist die oberste Instanz innerhalb dieses so wichtigen Ritterordens.

„Ich weiß, dass ihr im Kaiserreich aktuell als vogelfreie Kriminelle gesucht werdet. Umso gefährlicher war der Weg, den ihr auf euch genommen habt, um uns zu warnen. Gerade eure Ankunft in Immerwart war mit großem Risiko verbunden. Das zeigt mir aber, dass ihr trotz allem dem Kaiserhaus loyal zur Seite steht. Hier bei der Nachtwacht habt ihr daher nichts zu befürchten.“

Xenos verbeugt sich leicht und bringt seinen Dank zum Ausdruck. Auf ein Zeichen von Elena folgen sie der Großmeisterin in eines der Häuser.

Hinter der in die Wand geschlagenen Fassade erstreckt sich in den Berg hinein ein großer Raum mit Tischen und Sitzplätzen. Einige Soldaten spielen Karten. Andere essen zu Mittag. Elena lädt sie ein, an einem der Tische Platz zu nehmen und setzt sich. Sie schaut die beiden Jungen erwartungsvoll an.

Xenos trägt seine Informationen vor: „Vor zwei Tagen haben wir meine Schwester Ayame gefunden. Nidhöruns Kult Impakt hielt sie in einem Versteck im Ostkaiserreich gefangen. Die gesamte Region ist bereits unter der Kontrolle der Dämonenallianz. Doch über die noch freie Stadt Inekoria konnten wir Ayame befreien.“

Er wird unterbrochen: „Ihr konntet Ayame wirklich befreien? Das zweite Kind der Prophezeiung? Das sind doch wunderbare Nachrichten! Mit euch beiden können wir die Welt wieder stabilisieren. Wir können die Dämonenhorden endlich aus Natu vertreiben!“

Xenos senkt den Kopf: „Ayame ist leider nicht mehr sie selbst. Ihr altes Ich ist nicht mehr. Ihr Geist wurde korrumpiert, als sie das Dämonenschwert berührte. Sie ist wahnsinnig geworden.“

Elenas Blick fällt auf das Schwert an Xenos‘ Hüfte. Unverständlich fragt sie: „Wie konntest du das zulassen?“

Der Junge schluckt schwer. Ihm gelingt es nicht mehr, weiter über seine geliebte Schwester zu sprechen. Er konnte sie nicht schützen. Elenas Frage stellt er sich selbst jedes Mal, wenn er an Ayame denkt.

„Er hat alles getan, was er konnte“, mischt sich Nekomaru ein. „Dass sie das Schwert anfasst, war sicher nicht sein Ziel. Er konnte sie geradeso befreien, ohne mit seinem Leben zu bezahlen. Das war schwer genug.“

Die Großmeisterin nickt entschuldigend: „Du hast recht. Es war sicher nicht euer Ziel. Doch nun ist es geschehen. Was können wir tun, um euch zu helfen?“

„Nichts“, zuckt der blondhaarige Dämonenjunge mit den Schultern. „Das war es auch gar nicht, weshalb wir hier sind. Doch du hast Xenos einfach unterbrochen, als er es erklären wollte.“

Die Großmeisterin holt Luft, will den frechen Ton des Jungen tadeln. Doch stattdessen hält sie inne. Er hat nicht unrecht. Still schaut sie zu Xenos, bereit ihm weiter zuzuhören.

Xenos atmet auf, um seine Gedanken zu ordnen: „Wir brachten sie nach Inekoria zurück, um sie in Sicherheit zu bringen. Doch dann griffen die Dämonen an. Die Dämonenfürsten Kadesh und Nidhörun standen an der Front. Wir waren gezwungen zu fliehen. Nur Nekomaru blieb zurück, um die Stadt zu verteidigen. Während des Kampfes zerstritten sich die Fürsten und Nekomaru konnte brisante Informationen mithören. Sangra befindet sich aktuell auf einem geheimen Feldzug gegen Eure Position. Wir nehmen an, dass Ihr wahrscheinlich jeden Moment in einen großen Hinterhalt geraten könnt.“

Diese Worte lassen die Großmeisterin erstarren. Das sind unglaublich wichtige Informationen. Sie räuspert sich und dankt den beiden für die Informationen. Sofort bittet sie jemanden vom Nachbartisch zu sich. Elena veranlasst, Kundschafter auszuschicken. Außerdem soll die 10. Legion in Immerwart benachrichtigt werden. Nach dem letzten Angriff auf die Festung halten sie weiter unten im Tal die Stellung.

Dann wendet sie sich wieder den Kindern zu: „Werdet ihr uns erneut zur Seite stehen?“

Xenos nickt: „Deshalb sind wir hier. Doch erlaubt mir eine Frage. Wäre es nicht sinnvoller, die Verteidigung auf Festung Himmelstor zu konzentrieren? Das Hauptquartier der Nachtwacht besteht aus Festung Götterruh, in der wir gerade sind, und Festung Himmelstor, noch weiter oben im Gebirge. Götterruh ist dabei doch nur die erste Verteidigungslinie für die wichtigere Festung Himmelstor.“

„Ich stimme dir voll und ganz zu. Doch die Umstände verlangen, dass wir uns auf Götterruh konzentrieren“, seufzt Elena.

Xenos wartet ab, hofft, dass die Großmeisterin ihre Aussage weiter ausführt.

„Eigentlich sollte der Kaiser in Himmelstor residieren. Doch wir haben es noch nicht geschafft, ihn den Pfad hinauf zu bringen. Nach eurer Abreise vor zwei Monaten wurde das Wetter so schlecht, dass ein sicherer Aufstieg selbst für uns nicht möglich war. In den folgenden zwei Wochen verschlechterte sich jedoch der Zustand unseres alten Kaisers. Seitdem ist er nicht mehr in der Lage, Götterruh zu verlassen. Und statt einer sich anbahnenden Besserung verschlimmert es sich von Tag zu Tag.“

Kaiser Aerton Gredius ist bereits dreiundachtzig Jahre alt. Die vergangenen Monate haben ihm mit Sicherheit viel abverlangt. Erst musste er aus der Kaiserstadt fliehen. Dann ins entfernte Immerwart reisen, um von dort den Aufstieg zur Festung Götterruh zu bestreiten. Seitdem umgibt ihn das dauerhaft kalte und feuchte Klima.

„Vielleicht“, Elena zögert, „vielleicht könnt ihr ihm helfen?“

„Ich wüsste nicht wie“, stutzt Xenos. „Weder ich noch Nekomaru sind Heiler.“

„Ich weiß, wie sehr er dich schätzt. Allein deine Anwesenheit könnte ihm neue Kraft schenken.“ Flüsternd ergänzt sie: „Außerdem bist du als Nekromant doch sicherlich in der Lage sein Leben zu verlängern, ihn vor der Schwelle des Todes zu stabilisieren. In der aktuellen Zeit unseren Kaiser zu verlieren wäre ein weiterer schwerer Schlag gegen das angeschlagene Kaiserreich.

„Ein frevelhafter Gedanke“, wirft Xenos ihr mit einem schmalen Grinsen vor. „Doch ich muss Euch enttäuschen. Einen solchen Zauber kenne ich nicht.“

Nekomarus Blick schnellt zu Xenos. Er erkennt die Lüge des Jungen, denkt jedoch nicht daran, dass es in dieser Situation wohl das Beste ist. Großmeisterin Kano wird stutzig. Xenos weiß eindeutig mehr. Er verheimlicht ihr etwas.

Der Nekromant korrigiert sich: „Ich kenne ein legendäres Ritual, welches das Leben verlängern soll. Doch es ist äußerst komplex. Ich beherrsche es nicht. Außerdem fordert es einen sehr hohen Preis. Es ist daher keine Lösung für den Kaiser.“

„Nun gut“, seufzt Elena. „Wärt ihr dennoch bereit für ein Treffen? Wie ich bereits sagte, würde sich Aerton Gredius sicherlich freuen euch zu sehen.“

Die Kinder nicken.

Eine schwere Holztür öffnet sich.

„Schaut, wer Euch besuchen möchte, mein Kaiser“, spricht Elena leise, als sie durch den Eingang tritt.

Gefolgt von Xenos und Nekomaru betreten sie die Gemächer des angeschlagenen Kaisers Aerton Gredius. Der alte Mann erwartet sie nicht wie das letzte Mal an seiner prunkvollen Tafel. Mit bleichem, eingefallenen Gesicht liegt er unter einer weißen Decke in seinem massiven Eichenbett und schaut hinauf zum purpurroten Betthimmel. Sein Kopf dreht sich zum Eingang. Über sein Gesicht zieht sich ein Lächeln.

„Xenos“, flüstert er, bevor ein ernster Hustenanfall den Rest seines Satzes abschneidet.

Der Junge nähert sich der Bettkante des Kaisers. Er blickt auf den gebrechlichen alten Mann hinab. In ihren bisherigen Treffen hatten die beiden immer eine gute Beziehung zueinander. Obwohl Xenos nie das Knie vor seinem Kaiser gebeugt hat, respektiert und schätzt ihn der Junge. Umgekehrt tut dies auch Aerton, der das Kind von Anfang an in sein Herz geschlossen hat.

„Ihr seht nicht gut aus“, spricht Xenos das Offensichtliche aus.

Das Husten des Kaisers vermischt sich mit ehrlichem Lachen: „Ich hatte schon bessere Tage. Doch sieh mich an. Die Zeit hat mich schließlich doch eingeholt. Und dieses miese Wetter spielt ihr nur noch zu.“

„Kann ich etwas für Euch tun?“

„Erzähl mir doch, wie ist es dir ergangen? Wie bist du mit Nekomaru ausgekommen? Nach dem, was ich mitbekommen habe, waren die letzten zwei Monate sehr turbulent für dich.“

Elena bringt Xenos einen Stuhl. Der Junge setzt sich und beginnt dem Kaiser zu erzählen, was er alles seit ihrem letzten Treffen erlebt hat. Er erzählt von der sich aufbauenden Freundschaft zwischen ihm und Nekomaru, vom heißen Wüstensand und vom Sinneswandel des Dämonenjungen. Er erzählt von Guren, Tenzo, Noah und Kurojoshi, von Dämonenkindern und Nephilimen. Xenos berichtet von Lamilia und ihrer vampirischen Manipulation, von Falkenbach, der Inquisition und Ayame. Gebannt und fasziniert hört der Kaiser den spannenden Abenteuern des Jungen zu. Aerton ist beeindruckt von Xenos und seinen Erlebnissen. Kein einziges Mal verfällt er ins Husten. Er genießt jedes einzelne Wort des Jungen, der schon lange nicht mehr so viel geredet hat. Auch Nekomaru und Elena, die an der Tafel Platz genommen haben, hängen an seinen Lippen.

„Was würde ich dafür geben, noch einmal jung zu sein und an deiner Seite die Welt zu entdecken“, schwelgt der Kaiser in seiner Vorstellung. „All diesen Widrigkeiten zum Trotz bleibst du auf deine Ziele fixiert und bist ein wahrer Segen für Atra-Regnum.“

„Ich habe mir mein Schicksal nicht ausgesucht“, erwidert Xenos. „Ich tue lediglich, was in meiner Macht steht, und reagiere auf die Bürden, die mir in den Weg gelegt werden.“

Der Kaiser streckt dem Jungen eine Hand entgegen: „Du bist so jung und doch benimmst du dich reif. Manchmal wünschte ich, dir wäre ein ganz normales Leben vergönnt gewesen und du hättest unter anderen Kindern im Schutze einer friedlichen Gemeinschaft aufwachsen können. Stattdessen legt dir jeder mehr und mehr Steine in den Weg.“

Xenos greift die warme Hand des Kaisers. Schwach drückt Aertons raue, faltige Hand die glatten, kleinen Finger des Jungen zusammen. Er bittet um einen Schluck Wasser. Sofort springt Elena auf und gießt den letzten Rest aus einer Karaffe in einen kleinen Becher. Vorsichtig hilft sie ihm dabei zu trinken.

„Ich lasse umgehend neues Wasser besorgen“, murmelt sie.

Aerton trinkt aus und erwidert: „Viel wichtiger ist, dass Ihr mir einen Schreiber besorgt. Ich möchte ein neues Edikt verfassen.“

Xenos und Elena schauen sich fragend an. Doch die Großmeisterin tut, wie ihr geheißen, öffnet die Tür und lässt einen Schreiber herbeirufen. Ein dünner Mann mit kurzen schwarzen Haaren kommt herbeigeeilt. Seine Rüstung ist ähnlich prächtig wie die von Elena. Diese begrüßt ihn als Schatzmeister Kuno Flügelschild. Zusammen mit dem Lagermeister und Festungsmeister gehört er zu den zweithöchsten Befehlshabern der Nachtwacht. Der Schatzmeister ist für die Bürokratie und die Finanzen des Geheimordens zuständig. Wie ihm aufgetragen, setzt er sich an den Schreibtisch auf der gegenüberliegenden Seite des Raumes. Er taucht seinen Federkiel in die Tinte und beugt sich über das unbeschriebene Pergament.

„Xenos“, wendet sich Aerton wieder dem jungen Nekromanten zu. „Ich möchte dir noch einmal auf deinen Reisen helfen. Gleichzeitig kann ich in meiner momentanen Lage nicht viel tun. Ich kann dir jedoch eine Last von den Schultern nehmen, die unsere Vorfahren vor Generationen auf dich geladen haben. Seit die Welt von deiner Gabe der Nekromantie weiß, bist du einer ständigen Bedrohung ausgesetzt, die deine eigentliche Aufgabe als Kind der Prophezeiung nur schwerer macht. Erst jüngst, so hast du mir erzählt, musstest du dich gegen einen Inquisitor verteidigen, der in meinem Namen und dem des Kaiserreiches agierte. Ich hatte keine Kenntnis davon, dass er gegen dich im Blutquelltal kämpfte. Vor über zwei Jahrhunderten wurde ein Gesetz erlassen, das die Grundlage für diesen Vorfall geschaffen hat. Ich rede vom Verbot der Nekromantie. Du bist jedoch das beste Beispiel dafür, dass eine generelle Verteufelung dieser Magieschule und seiner Anwender falsch ist. Nekromantie ist ein Werkzeug, wie es auch jede andere Magieschule oder auch ein Schwert ist. Der Nutzer trifft die Entscheidung, es für das Gute oder Böse einzusetzen. Aus diesem Grund erkläre ich das generelle Verbot der Nekromantie mit sofortiger Wirkung für aufgehoben. An dessen Stelle soll eine sorgfältig überdachte und aktuell zu haltende Liste an konkreten Zaubern treten, die folgend als verbotene Zauber geächtet werden sollen. Diese Liste soll sich nicht auf eine Schule konzentrieren und von der kaiserlichen Akademie der Magie oder dessen Nachfolgeorganisation verwaltet werden.“

Nur das schnelle Schreiben des Schatzmeisters dringt durch den Raum, während alle Anwesenden sprachlos sind. Die Tragweite dieses Geheißes ist enorm und wird wohl als einer der entscheidendsten Beschlüssen der Herrschaft von Kaiser Aerton Gredius in die Geschichte eingehen. Gleichwohl hat der alte Kaiser nicht die Macht, für ganz Atra-Regnum zu sprechen. Das Verbot der Nekromantie bleibt in den anderen Nationen des Kontinentes weiterhin bestehen. Es wäre jedoch möglich, dass diese es dem Kaiserreich gleich tun. Es ist nicht selten der Fall, dass andere Nationen grundlegende Gesetze des Kaisers im Laufe der Zeit übernehmen. Viele Dunkelelfen hegen seit seinem Beschluss eine Abneigung gegen das Verbot der Nekromantie. Die Opposition hätte damit eine gute Gelegenheit, das Gesetz auch im Radonum Forst zu kippen.

Schatzmeister Kuno setzt die Feder schließlich ab. Doch bevor jemand anderes zu Wort kommen kann, fährt der Kaiser fort.

„Des Weiteren beende ich den Status des Blutquelltals als Präfektur. Von nun an soll das Blutquelltal wieder von einem Fürsten regiert werden. Die Nachkommen der ehemaligen Fürstenfamilie erhalten ihren Anspruch auf das Tal zurück. Es soll ab sofort wieder als Fürstentum Nebraa bekannt sein. Als Fürsten setze ich Xenos Nebraa ein.“

Wieder herrscht Stille. Ungläubig und überwältigt blicken alle auf den alten Kaiser, der in diesem Moment einen erneuten Hustenanfall erleidet.

„Kaiser Gredius“, kommt Xenos schließlich zu Wort. „Ich weiß nicht, wie ich Euch das jemals danken soll.“

„Das musst du nicht, mein Kind“, lächelt der Kaiser gütig, doch schwach. „Ich behebe nur eine Ungerechtigkeit, die nie hätte passieren dürfen. Das sollte dir auf deinem weiteren Weg viele Schwierigkeiten ersparen. Doch nun bin ich müde. Sehr müde. Das hat mich viel Kraft gekostet. Es war schön, dich noch einmal wiedergesehen zu haben, mein Kind. Ich würde nun gern ruhen.“

Die mittlerweile kälter gewordene Hand des Kaisers wandert über die Wange des schwarzhaarigen Jungen, bevor sie wieder unter der warmen Federdecke verschwindet. Leise verlassen alle die Gemächer. Nur ein Kammerdiener wird gebeten, die leere Wasserkaraffe auszutauschen.

Xenos, Nekomaru und Elena kehren in den Burghof zurück. Der eisig kalte Wind pfeift über den Platz.

„Meine Glückwünsche, Fürst Nebraa“, bringt die Großmeisterin dem Jungen die ihm gebührende Ehre entgegen.

Dieser kann noch immer nicht glauben, was der alte Kaiser gerade für ihn und seine Familie getan hat. Die Tragweite dessen ist riesig. Doch bevor er weiter darüber nachdenken kann, öffnet sich das hintere Tor, welches zum Pass höher ins Gebirge zur Festung Himmelstor führt. Eine kleine Gruppe in dicke Mäntel gehüllte Nachtwacht-Soldaten kommt schnellen Fußes zurück.

„Habt ihr Sangras Truppen gefunden?“, fragt Elena.

„Ja“, erwidert einer von ihnen mit unsicherer Stimme. „Unweit des Passes reihen sich tausende von Dämonen aneinander. Blutunholde, wohin das Auge blickt. Sie erklimmen die steilen Klippen, drücken sich gegenseitig empor. Wir sind uns sicher, dass sie mit schierer Masse zwischen den beiden Festungen einen Angriff aus dem Verborgenen starten wollten.“

„Wollten?“, stutzt die Großmeisterin der Nachtwacht.

„Wir haben sie beobachtet. Keiner von ihnen hat sich auch nur einen Millimenter bewegt. Dann sind wir näher herangeschlichen und konnten unseren eigenen Augen nicht trauen. All diese grässlichen Kreaturen sind zu Eis erstarrt. Sie sind bis auf den innersten Kern gefroren. Einige fast verwehte Spuren führen von ihnen fort, den Berg wieder hinunter. Wir nehmen an, dass die wenigen anderen Dämonen ohne ihre Hauptstreitmacht den Rückzug angetreten haben, bevor sie den Pass erreichen konnten. Zurück bleibt der groteske Anblick dieses Berghanges übersät mit blutroten, steifgefrorenen Kreaturen.“

Xenos schaut fragend zu Nekomaru. Auch Elenas Blick fällt auf den Dämonenjungen. Wenn jemand die Situation erklären kann, dann er. Und tatsächlich scheint er es sich erklären zu können.

Der Blondhaarige beginnt amüsiert zu lachen: „Blutunholde sind Dämonen, die im Grunde fast vollständig aus Blut bestehen. Sie sind riesige, fette Blutklumpen. Ihr Problem ist aber, dass sie nur sehr wenig Körperwärme produzieren. Sie können sich also kaum warmhalten. In einem Gelände wie diesem fällt ihre Körpertemperatur daher immer weiter und schließlich frieren sie einfach ein. Mein Papa hat das bei seinem Angriff auf euch berücksichtigt. Aber Sangra hat das scheinbar durch ihre Arroganz überhaupt nicht bedacht. So scheitert ihr Angriff, bevor er überhaupt begonnen hat.“

Erleichterung zeichnet sich bei den umstehenden Soldaten ab. Einige von ihnen lassen sich durch Nekomarus Lachen gar anstecken. Doch die aufgelockerte Stimmung wird sofort wieder gebrochen. Aertons Kammerdiener kommt herausgestürmt. Er bittet sie, ihm zu folgen. Schnell rennt die Gruppe begleitet von Augenzeugen zu den Gemächern des Kaisers. Elena und Xenos stehen über das Bett des Kaisers gebeugt. Ihr Herz setzt aus. Aertons Augen sind geschlossen. Seine Haut ist gänzlich bleich. Seine weiße Decke hebt sich nicht länger unter seinem schweren Atem.

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