Kapitel 15 – Ferne Länder

„Ich werde mit Nekomaru an einen Ort reisen, an dem Heres uns niemals vermuten wird“, meckert Nekomaru erschöpft, die Worte seines Rivalen wiederholend: „Wenn du mich schon verschleppst, musstest du dann auch noch einen Ort auswählen, an dem man ohne Zutun schon nahezu draufgeht?“ Die beiden Jungen sitzen schlapp und regungslos auf einer von der Sonne ausgebleichten Bank unter einer Palme. Die Mittagssonne strahlt gnadenlos zu Boden und treibt die Temperaturen in unglaubliche Höhen. Die trockene Luft steht. „Ich gebe dir recht“, pustet Xenos, welcher hoffnungslos beginnt sich etwas Luft zuzufächeln: „Vielleicht hätten wir doch lieber ins Sommerland Archipel reisen sollen. Da ist es zwar auch warm, aber es gibt dort immerhin Wasser. Nach Al’Kasar zu reisen war nicht die beste Idee. Aber immerhin werden wir hier nicht gefunden.“ Sofort nach ihrem Eintreffen auf dem Marktplatz wurden die Kinder von dem ungewohnten Klima überrumpelt. Al’Kasar ist eine große Stadt inmitten der südlichen Wüste Atra-Regnums. Sie gehört zum Südstamm der Sudame. Im Gegensatz zu anderen Städten dieses Volkes verirren sich nach hier aber doch des öfteren einige Besucher. Dies liegt vermutlich an dem vorhandenen Reisesigill und der Bekanntheit der Stadt außerhalb der Wüste. Dort ist die Stadt vor allem für ihre dreizehn heißen Quellen bekannt, deren Wasser starke heilende Eigenschaften gegen die verschiedensten Krankheiten zugesprochen wird. Nun sitzen die beiden auf dem menschenleeren Marktplatz aus Sandstein im dürftigen Schatten einer Palme. Ringsherum stehen verzierte Gebäude aus Sandstein mit goldenen, kupfergrünen oder auch blauen Zwiebeldächern. Viele Häuser besitzen Dachterrassen, auf welchen farbenfrohe Sonnensegel gespannt wurden. Die vom Marktplatz abgehenden Hauptstraßen sind mit prunkvollen Bögen überzogen, die Schatten spenden sollen. Marktstände mit zahlreichen exotischen Waren stehen dicht an dicht und prägen das Stadtbild.

„Ich sterbe“, hechelt Nekomaru: „Ich schrumpele zusammen wie Dörrfleisch. Wenn ich Dörrfleisch werde, verbiete ich dir mich zu essen!“ Xenos reicht ihm aus seiner Tasche einen halb leeren Wasserschlauch: „Du hast schon einen gewissen Hang zur Dramatik, nicht wahr?“ Ohne Worte schnappt sich der Blondhaarige den Schlauch und stillt hastig seinen Durst, bevor er ihn Xenos zurückgibt. Dieser nimmt ihn entgegen und fährt hoch: „Du hast alles ausgetrunken? Du Egoist! Das Wasser hätte bis heute Abend reichen müssen. Jetzt müssen wir zusehen, wo wir neues Wasser herbekommen. Sonst enden wir tatsächlich als Dörrfleisch.“ Zufrieden aufatmend sinkt Nekomaru tiefer in die Bank: „Keinen Stress. Ich wette, wenn erst die Sonne weg ist, wird es kühler.“ „Du hast leicht reden!“ „Schau dich mal um. Wir sind die einzigen hier draußen. Nur wenige Lebende haben wir bisher gesehen. Und die, die wir gesehen haben, sind in die Häuser geflüchtet. Vielleicht sollten wir da mal nachschauen gehen.“ Xenos‘ Blick schweift über den Marktplatz. Schließlich deutet er auf eines der Häuser: „Lass uns dort nachschauen. Das sieht aus wie ein Gasthaus.“ Nekomaru springt auf: „Ich folge dir.“ „Du hast auch keine andere Wahl“, läuft Xenos los. „Wie zynisch.“

Sie machen sich auf in das Gasthaus. Doch kaum schließt sich die hölzerne Tür hinter ihnen, fliegt sie auch schon wieder auf. Ein stämmiger Mann in typischem Sudamegewand hält die beiden Jungen am Kragen: „Kinder haben in dieser Kneipe nichts zu suchen. Erst recht keine herumstreunenden, ausländischen Kinder.“ Mit diesen Worten wirft er sie wortwörtlich aus dem Haus, zurück raus auf den staubigen, heißen Sandsteinboden und schlägt die Tür zu. Wütend springt Nekomaru auf und stapft auf die Tür zu: „Na warte, den bring ich um! Xenos, lass ihn uns umbringen! So kann er mit mir – ich meine – mit uns nicht umspringen, dieser unwürdige Mensch.“ „Warte Nekomaru. Was bringt es dir, ihn umzubringen? Du kannst doch nicht jeden, der dir nicht gefällt, auslöschen. Was würde wohl passieren, wenn du da jetzt reinstürmst und ihn angreifst? Wohlgemerkt ohne deine Sense.“ Nekomaru überlegt laut: „Ich bestrafe ihn für seine unüberlegte Tat. Ich könnte ihn jetzt hier vor Ort töten. Aber das würde alle anderen Lebenden dazu bringen mich anzugreifen. Ich könnte sie einfach alle töten. Aber ohne meine Sense wäre das ziemlich mühselig, da stimme ich dir zu.“ Xenos fasst sich vor den Kopf: „Das war nicht ganz das, was ich meinte, aber gut. Lass uns einfach irgendwo anders hingehen.“ Nekomaru nickt zustimmend.

Tatsächlich lässt man sie im nächsten Gasthaus vor der erbarmungslosen Mittagssonne Schutz suchen. Lediglich ein paar böse Blicke der anderen Gäste fallen auf sie, die ihnen aber bereits zu verstehen geben, dass sie hier nicht willkommen sind. Der Wirt kommt zum Tisch der beiden: „Was darf ich euch bringen?“ „Wasser“, verlangen beide im selben Moment. Ohne weitere Worte oder Gesten dreht sich der Gastwirt um und verlässt sie. „Also ich habe ja schon viele von euch Lebenden erlebt, aber die hier sind echt eigenartig“, flüstert Nekomaru seinem Rivalen zu. „Na ja, es sind eben Sudame. Die stehen den Dunkelelfen in nichts nach. Sie sind beide unfreundlich, mögen keine Fremden, sind egoistisch und ihre Rasse oder ihr Volk ist das Wichtigste. Wobei man wohl sagen kann, dass die Dunkelelfen unübertroffen die größten Egoisten sind . Aber immerhin verstehen sie etwas von Anstand und Höflichkeit, wenn sie das denn wollen. Die Sudame sind da wesentlich Einfältiger. Sie sind wahre Trampel in diplomatischen Verhandlungen. Außerdem sind sie immer so aufbrausend, aggressiv und temperamentvoll. So weit möglich meiden die anderen Völker die Sudame. Aber eigentlich dürftest du damit kein großes Problem haben.“ „Was soll das denn heißen?“ „Ich meine ja nur, sie sind immer noch besser als Dämonen. Du müsstest mit sowas doch vertraut sein.“ „Du kannst doch diese minderwertigen Leute hier nicht mit Dämonen vergleichen!“, fährt Nekomaru hoch: „Wir Dämonen sind wesentlich kultivierter als ihr immer denkt. Und vor allem besitzen wir Macht und Stärke und tun nicht nur so!“ „Wir“, räuspert sich Xenos. Nekomaru wird noch wütender: „Ich bin ein Dämon! Also natürlich Wir!“ Xenos schweigt. „Ich meine … Ich weiß, die anderen Dämonen sehen das nicht so und haben mich deshalb verstoßen. Aber ich bin mir sicher, dass nicht ich der bin, der sich irrt, sondern alle anderen. Wäre ich tatsächlich ein niederer Mensch, wie könnte Heres dann mein Vater sein? Er verachtet die Lebenden. Als Menschen hätte er mich nie akzeptiert.“

Der Wirt kommt zu ihrem Tisch und stellt das kühle Wasser auf ihre Plätze. Nekomaru setzt sich wieder. Xenos nimmt einen Schluck: „Ich bin mir auch nicht mehr sicher, ob nicht wirklich ich der bin, der sich irrt. Vielleicht hast du die ganze Zeit über recht und bist ein Dämon oder etwas ähnliches.“ Der Blondhaarige grinst: „Schön, dass du es endlich einsiehst.“ „Aber wenn du einer bist, bin ich dann auch einer?“ Der Blick des Nekromanten fällt auf seinen Arm. An den Stellen, an denen das Weihwasser aus Tenzos Erfindung auf seine Haut gelangt ist, sind noch immer Rötungen zu sehen. Die selben finden sich auch auf Nekomarus Körper. Nekomaru folgt den Blicken seines Gegenübers und antwortet lauthals: „Ach, so ein Quatsch. Du bist ein Mensch und ich ein Dämon. Vielleicht kommen deine Reizungen daher, das du ein Nekromant bist. Die sind ja auch ziemlich unheilig. Da wird … “ Xenos fährt ihm über den Mund und flüstert: „Wenn der Dämon nicht bald von seinem Vieh umgebracht werden will, sollte er nicht so laut rumposaunen, was er ist.“ Einige andere Gäste schauen argwöhnisch zum Tisch der Jungen. „Niemand sollte wissen, dass wir nicht normal sind. Nekromantie ist in ganz Atra-Regnum verboten. Auf ihr steht die Todesstrafe und Nekromanten sind vogelfrei. Und wie du dir sicher denken kannst, sind Dämonen oder dergleichen nicht besser angesehen.“ Nekomaru kichert: „Ach so ist das. Dann müsste ich einfach nur irgendwem erzählen, dass du ein Nekromant bist und schon wäre ich dich los? Gut zu wissen.“ Der Junge winkt den Wirt zu sich und trinkt sein Glas aus. „Das Gleiche geht auch umgekehrt“, flüstert Xenos wütend: „Ich könnte ebenso behaupten, dass du ein Nekromant bist. Es interessiert sie nicht, ob es gelogen ist. Du würdest hingerichtet ohne irgendeinen Prozess.“ Der Gastwirt kommt zum Tisch der beiden und mit einem breiten Lächeln spricht Nekomaru: „Wisst Ihr was? … Ich hätte gern noch ein Glas Wasser.“ Der Wirt rollt mit den Augen, nimmt das leere Glas des Jungen und geht. „Ich würde doch nie jemandem davon erzählen, wenn es deinen Tod bedeuten würde“, lacht Nekomaru: „Schließlich will ich an diesem ganz allein die Freude haben.“ Xenos knirscht angespannt mit den Zähnen.

Gegen Nachmittag verlassen sie das Gasthaus und mischen sich unter das wiederkommende bunte Treiben auf den Straßen. Die Basare in den Städten der Sudame sind einmalig in Atra-Regnum. Ob Gewürze, Früchte oder Handwerkskunst. Sie bieten hier Waren an, die man nirgendwo anders auf der Welt findet. Würden sie ausgeprägte Handelsbeziehungen zu den Völkern außerhalb der Wüsten pflegen, könnten sie zu den reichsten Leuten, die je lebten, aufsteigen.

In einer der Nebenstraßen finden sie ein Gasthaus, welches sie aufnimmt. Der Preis, den sie zahlen müssen, ist fast doppelt so hoch wie der, den Einheimische angeboten bekommen. Sie bekommen ein Zimmer auf dem Dach. Umgeben von vier Sandsteinwänden, mit Löchern anstelle von Fenstern und Tür und einem Sonnensegel, welches den halben Raum bedeckt, statt einer massiven Decke, werden sie die Nacht auf Teppichen mit dünnen Laken verbringen.

Am Abend ziehen sich die beiden Kinder hierher zurück. „Was für ein Luxus“, tritt Nekomaru gegen die Wand: „Da haben wir es sogar im Reich der Toten besser.“ „Die Menschen der Wüste leben so“, erklärt Xenos, während er seinen Schlafplatz vorbereitet: „Sie sind es nicht anders gewohnt. Bei den Temperaturen ist es aber auch angenehmer, nicht in dicke Decken gehüllt, in stickigen Räumen zu schlafen.“ Nekomaru lässt sich auf seinen Platz fallen und schaut in den Himmel, während die letzten Sonnenstrahlen verschwinden. Xenos legt sich dazu. „Du wirst auch schlafen?“, fragt Nekomaru. „Ja.“ „Hast du keine Angst, dass ich abhaue oder dir im Schlaf die Kehle aufschneide?“ „Nein und nein.“ „Warum?“ „Du wirst nicht abhauen, weil du nicht weißt, wo du hin sollst. Das Naheliegendste wäre, mir den Teleportstein abzunehmen und in die Kaiserstadt zu reisen oder in eine andere Stadt, die dein Vater bereits erobert hat. Allerdings sind alle Reisesigille in den von euch eroberten Städten deaktiviert worden. Das heißt, du müsstest in eine Stadt, die ein Sigill besitzt und in der Nähe einer bereits eroberten Stadt liegt. Geografisch hast du allerdings keine Ahnung von Atra-Regnum. Und selbst wenn dir eine Stadt einfallen würde, die du auf den Plänen deines Vaters gesehen hast, ist es nicht sicher, dass du von dort zu deinem Vater kommst ohne vorher Ignar oder anderen Dämonen zu begegnen, die alle deinen Tod wollen. Du könntest auch in eine der Städte reisen, die dein Vater in nächster Zeit geplant hat anzugreifen. Das heutige Ziel wäre Ettier gewesen, eine Stadt des Kaiserreiches am Rande der Wüste. Das wäre oberstes Gesprächsthema in Al’Kasar gewesen. Ist es aber nicht. Also schlussfolgere ich, dass er die Pläne geändert hat, nachdem Ignar ihm erzählt hat, dass ich sie gesehen habe. Warum du mich nicht umbringst, während ich schlafe? Sag du es mir.“ Nekomaru grinst: „Das wäre zu einfach. Ich will dich in einem richtigen Kampf besiegen und nicht ehrenlos hinterrücks entsorgen.“ „Du lügst. Dir ist es egal wie, wo und wann du mich tötest, solange du derjenige bist, der mir das Leben nimmt. Ehre bedeutet dir nichts. Immerhin bist du ein Dämon. … Du willst die Wahrheit wissen. Das ist dein Grund. Du bestreitest die Worten jener, die sagen, dass du kein Dämon bist, und gleichzeitig beginnst du an deinen eigenen Worten zu zweifeln, die das verneinen. Und um die Wahrheit zu erfahren, setzt du auf meine Hilfe. Du hast nämlich längst erkannt, dass ich sie ebenfalls kennen will, denn seit unserem Kampf in Götterruh sitzen wir im selben Boot.“ Schelmisch lächelnd dreht sich Nekomaru zu seinem Rivalen: „Darum hast du mich gerettet.“


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.09.2017
Zuletzt bearbeitet: 05.05.2019
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