Kapitel 17 – Das Versteck der Spinne

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Die Sammlung der Spinne – Zirnekļu kolekcija. Xenos wusste, dass dieses Kapitel noch nicht vorbei ist. Damals in Ira geriet er in einen Hinterhalt dieses Kultes. Sie wollten ihn als eine Art Trophäe. Er sollte Teil ihrer Sammlung werden. Ein Dunkelelf war auf ihn angesetzt und hat die gesamte Stadt gegen ihn aufgehetzt. Es gelang ihm jedoch, den Dunkelelfen zu besiegen.
Aber warum sucht man ihn ausgerechnet jetzt wieder heim? Und wie kommen sie darauf, einen Nekromantenjäger gegen ihn einzusetzen? Xenos tappt im Dunkeln, sein Blick auf das Schriftstück fixiert, welches eindeutig von der Sammlung der Spinne stammt. Erschöpft vom nur knapp überstandenen Angriff, sitzt er im Schatten eines Hauses, zurückgelehnt an der kühlen Sandsteinwand.

„Stimmt etwas nicht?“, will Nekomaru wissen, welcher neben dem Nekromanten steht. „Scheinbar sind wir hier nicht so unbekannt, wie ich annahm.“ „Was soll das bedeuten? Mich hat heute Nacht niemand bemerkt!“ Xenos‘ Blick schnellt hoch zu Nekomaru: „Mein Verdacht war also richtig. Du bist die Bestie von Al’Kasar, die in der Nacht die unzähligen Morde verübte.“ Ertappt versucht Nekomaru sich zu rechtfertigen: „Ich konnte nicht mehr schlafen!“ „Du kannst nicht einfach Menschen töten!“ „Wo ist das Problem? Es gibt doch eh unzählig viele von euch.“ „Das geht einfach nicht. Es ist verboten! Wenn man dich dabei erwischt, wirst du hart bestraft, vielleicht sogar selbst hingerichtet.“ Unbeeindruckt schaut Nekomaru sein Gegenüber an. „Es ist jedenfalls nicht gut und wir lassen das zukünftig, einverstanden?“, fügt Xenos an: „Worauf ich hinaus wollte war, dass es der Typ von vorhin auf mich abgesehen hatte, weil er wusste, dass ich ein Nekromant bin. Jemand muss es ihm verraten haben. Und dieser jemand ist irgend jemand vom Kult ‚Die Sammlung der Spinne‘.“ „Die Kultisten der Sammlung der Spinne jagen dich?“, beginnt Nekomaru amüsiert zu lachen: „Was soll an dir denn so besonders sein?“ „Du kennst den Kult?“ „Natürlich. Immerhin sind sie Anhänger von Arachna, der Dämonenfürstin der Spinnen, einer Verbündeten meines Vaters.“ „Na das ist ja interessant. Dass der Kult mit der Dämonenfürstin der Spinnen in Zusammenhang stehen könnte, kam mir auch schon in den Sinn. Aber dass sie und Heres verbündet sind, das ist mir neu.“ Nekomaru grinst: „Kannst du mal sehen.“

„Wenn die Sammlung der Spinne hier einen Nekromantenjäger auf mich angesetzt hat, muss einer ihrer Anhänger in der Nähe sein“, überlegt Xenos laut. „Oder vielleicht sogar ihr Versteck“, führt Nekomaru selbstverständlich die Gedanken seines Rivalen fort. Dieser schaut ihn an: „Weißt du, wo ihr Versteck ist?“ Der Blondhaarige zuckt mit den Schultern: „Wenn ihr Versteck hier in der Nähe ist, könntest du es aber ganz einfach finden.“ „Wie?“, will Xenos wissen. „Deine Astralreisefähigkeiten bringen dich zum Versteck, wenn es eines gibt.“ „Was für Astralreisefähigkeiten?“ „Im Schlaf oder auch in der Meditation hast du die Möglichkeit, mit deinem Geist deinen Körper zu verlassen. Dein Geist befindet sich dann im Totenreich, obwohl dein Körper, dein Gefäß, noch funktioniert. Jedes Lebewesen besitzt diese Fähigkeit, nur ist sie bei Nekromanten stärker ausgeprägt. Das hast du doch sicher schon getan.“ „Tatsächlich“, erinnert sich Xenos: „Vor einiger Zeit, nach der Zerstörung Bunas, konnte ich mich ohne meinen Körper an einem unbekannten Ort bewegen. Erst im Nachhinein wurde mir bewusst, was passiert ist. Aber ich konnte es nicht wirklich steuern. Ich erlebte Geschehnisse aus meiner Erinnerung.“ „Das Reich der Toten existiert wie der Abyss seit Anbeginn der Zeit. In ihm ist alles festgehalten, was je geschah. Unvorsichtige Seelen gehen schnell in den Tiefen des unendlichen Raumes und der unendlichen Zeit verloren.“ „Du kennst dich ziemlich gut aus“, stellt Xenos fest. „Es ist meine Heimat“, antwortet Nekomaru selbstverständlich. „Also meinst du, ich sollte versuchen diesen Zustand noch einmal absichtlich herzuleiten?“ Der Blondhaarige nickt: „Und dadurch, dass du dann bewusst im Reich der Toten umherwandelst, sollte es dir auch leichter fallen, die Kontrolle zu behalten und nicht abzudriften.“ „Eine Frage hätte ich noch“, stutzt Xenos: „Im Reich der Toten könnte ich doch Heres oder anderen bösen Kreaturen begegnen, oder nicht?“ „Kann schon sein. Aber du sollst ja auch nicht das Schloss meines Vaters besuchen. Du willst ja nur schauen, ob es in der Nähe unseres Standortes Orte gibt, die eng mit dem Reich der Toten verbunden sind.“ „Dann werde ich es versuchen.“

Fest entschlossen beginnt Xenos seine Gedanken von allen weltlichen Einflüssen zu befreien. Doch es geschieht nichts. Er wird ungeduldig. Langsam blinzelt er mit den Augen. Nekomaru sitzt neben ihm im Schatten und schaut gen Himmel. Wieder schließt er die Augen und konzentriert sich. Doch das einzige, was er merkt, ist, dass er langsam müde wird, gar abschweift.

Plötzlich sieht er sich vor sich. Meditierend. Neben ihm sitzt Nekomaru. Er sieht es, als wäre es eine andere Position. Nekomarus Blick fällt auf ihn: „Du hast es geschafft! War doch gar nicht so schwer, oder?“ „Du kannst mich sehen?“, fragt Xenos verdutzt. Nekomaru lächelt. „Jetzt geh fort und löse deine verankerten Gedanken an diese Sequenz.“ Der Nekromant nickt, dreht sich um und geht. Vor ihm wird alles tiefschwarz. Kein Horizont ist zu sehen. Es ist dunkel. Dichter Nebel umgibt seine Füße. Er sieht nichts als Schwärze. Hinter ihm liegt der Innenhof, auf dem sein Körper und Nekomaru in Al’Kasar sitzen. Fragmentös liegt dieser als scheinbar einziger Fleck innerhalb der unendlichen Schwärze vor. Immer weiter entfernt er sich auf der Suche nach etwas, was er selbst nicht genau weiß. Ein anderer Ort als der, von dem er kommt?

Währenddessen bleibt Nekomaru mit einem Grinsen auf dem Gesicht zurück: „Ja, Xenos, geh für mich ins Reich der Toten. Zeige allen, wo du dich befindest, wo ich mich befinde. Sobald Papa davon erfährt, wird er mich zurückholen wollen. Das Versteck der Sammlung der Spinne befindet sich ganz in der Nähe. Mit Sicherheit sind viele Diener Arachnas in der Nähe. Vor allen kannst du dich nicht verstecken.“ Selbstgefällig wendet er sich zu Xenos‘ leerem Körper: „Dieses Mal hast du einen Fehler gemacht. Die Dämonen gewinnen eben immer.“ Mit der Hand greift Nekomaru in die Tasche des Jungen und zieht das Pergament mit dem Sigil heraus, was verhindert, dass Nekomaru seine Sense rufen kann: „Wie gern ich es jetzt sofort vernichten würde. Aber dann wird er sicher Verdacht schöpfen.“ Behutsam packt er es an seinen Platz zurück.

Im Reich der Toten wandelt Xenos noch immer durch die Finsternis, als er plötzlich in weiter Entfernung etwas zu erkennen glaubt. Schnellen Schrittes bewegt er sich gerade darauf zu. Auf halbem Weg vernimmt er plötzlich eigenartige Geräusche. Ein Schmatzen und Krabbeln kommt aus der Dunkelheit. Xenos wird hellhörig. Plötzlich springt eine Kreatur aus der Dunkelheit auf ihn zu. Schwarzes, kurzes Haar und menschenähnliche Züge. Einen Kopf und doch ist die Bauchseite ein riesiges Maul. Das ist wieder eine dieser Kreaturen, die er im Keller der Bibliothek der Magierakademie in der Kaiserstadt gesehen hat! Xenos fällt zu Boden. Das Wesen spring über ihn hinweg. Schnell greift der Junge nach seinem Schwert. Doch er kann es nicht ziehen. Er schaut an sich hinunter. Das Schwert hängt an seiner Seite. Dennoch ist es ihm nicht möglich es zu verwenden. Erneut setzt die Kreatur zum Sprung an. „Concursores fluctus!“ Eine Druckwelle sollte das Spinnenwesen fortschleudern, doch wieder geschieht nichts. Im letzten Moment rollt sich Xenos zur Seite weg: „Spiritus Dagger!“ Sein Geisterdolch erscheint nicht. „Ich kann nicht kämpfen und nicht zaubern. So kann ich die Konfrontation nicht gewinnen.“ Der Nekromant entschließt sich, zu versuchen zu entkommen. Die Umrisse der Szene, die er sah, sind relativ nah. So schnell er kann, rennt er auf sie zu.

Was er gesehen hat, ist ein steinerner Korridor mit verschiedenen Türen an den Seiten. Dicht hinter ihm folgt ihm das unaussprechlich widerliche Tier. Doch er schafft es, drückt eine der Türen auf und wirft sie hinter sich zu. Mit aller Kraft wirft sich das Wesen von außen gegen diese. Doch die Tür hält stand. Es gibt auf. Erschöpft geht Xenos tiefer in den finsteren modrigen Raum. Plötzlich stockt ihm der Atem: „Nein, das kann nicht sein. Warum bin ich schon wieder hier?“ Vor ihm auf dem Boden sitzen dreckige, abgemagerte Kinder in zerlumpten und zerrissenen Sachen. In der hintersten Ecke erblickt er sich. Sein jüngeres Ich. Entmutigt lehnt es seinen Kopf gegen die schmutzige, nasse Steinwand. Der Junge beginnt zu zittern: „Das sind schon wieder Szenen aus meiner Vergangenheit! Ich will das nicht sehen!“ Schockiert weicht er zurück, reißt die Tür auf, an die gerade noch das Spinnenwesen gehämmert hat, und rennt davon. Er fasst sich an den Kopf: „Warum erlebe ich das? Das Reich der Toten macht mich verrückt!“ Das verstörte Kind rennt zurück in die abgrundtief finstere Dunkelheit.

Plötzlich tritt er in etwas. Es ist dickflüssig. Eine Pfütze. Xenos beruhigt sich, hebt seinen Fuß und schaut es an. Es riecht bestialisch. Schwarzer Schleim tropft von seiner Sohle zu Boden. Aus dem Nichts schnellt eine Hand nach oben und packt den Unterschenkel des Jungen. Dieser verliert das Gleichgewicht und geht in die Knie. Er schreit! Mit seinem freien Fuß tritt er nach der schwarzen, schleimigen Hand, um deren festen, schmerzhaften Griff zu lösen. Dann zerfällt sie wieder in simplen Schleim aus der matschigen Pfütze. Schnell robbt Xenos zurück. Er liegt im dichten Nebel, der den Boden bedeckt: „Wie kann man hier nur freiwillig leben? Wie hält man das aus, Nekomaru? Und hier kommen wir alle hin, wenn wir unser Leben auf Erden beenden? Jetzt verstehe ich das Streben vieler Nekromanten nach Unsterblichkeit.“

Mutlos richtet er sich erneut auf und trottet weiter. Er will bereits aufgeben, als er vor sich Wüste erblickt. „Wüste. Ein Ort in der Nähe Al’Kasars.“ Mit neuer Kraft läuft er der Sequenz entgegen. Tatsächlich türmen sich vor ihm mehrere Dühnen auf. Entschlossen erklimmt er einen der losen Sandhügel. Und hinter diesem tut sich das auf, wonach Xenos gesucht hatte. Eine Plattform aus Sandstein befindet sich auf dem Boden. Nahezu mittig ist eine hölzerne Fallklappe. Vorsichtig nähert sich Xenos und öffnet die Luke. Es geht tief hinab. Der Junge klettert die Stufen hinab und findet sich in einem langen Höhlengang wieder. Dichte Spinnenweben umschließen die Wände. Er traut sich ein Stück vorwärts. Dann sieht er auch schon Kokons von der Decke hängen. Kokons in verschiedenen Größen, gewebt aus feinster Spinnenseide. Plötzlich vernimmt er erneut das Geräusch von krabbelnden Füßen. Er schaut vor sich, direkt ins Gesicht einer bildhübschen Frau. Schaut man aber an ihr vorbei, sieht man, dass dieses auf dem Körper einer riesigen schwarzen Spinne sitzt. „Der kleine Xenos. Stattest du mir einen Besuch ab? Ich hatte erwartet, dass du deinen Körper mitbringst.“ Xenos ist starr. Langsam läuft die gigantische Spinne die Wand empor und an ihm vorbei. Mit liebreizender Stimme spricht sie: „Ich hätte dich so gerne in meiner Sammlung. Du wärst etwas wirklich Besonderes. Ich gebe dir sogar einen Ehrenplatz.“ Xenos schnaubt und schaut ihr nach. Sie umschmeichelt ihn weiter: „Du bist nicht so begeistert davon. Aber ich verspreche dir, es wird dir gefallen. Dein Körper würde für die Ewigkeit existieren und wir könnten so viel Zeit miteinander verbringen. Ich bin sicher, wir könnten gute Freunde werden.“ „Niemals“, antwortet Xenos und weicht zurück, bevor ihm die Bestie den Weg abschneidet. „Och, warum denn nicht? Du hättest es gut bei mir. Ich würde dich verwöhnen und lieben wie jeden Teil meiner Sammlung. Nur – noch – etwas – mehr.“ Dann dreht sich Xenos um und rennt davon. So schnell wie möglich, verlässt er die Höhle und rennt zurück im Reich der Toten Richtung seines Körpers. Das Monster scheint ihn nicht zu verfolgen.

Dann öffnet Xenos‘ Körper wieder seine Augen. Es ist mittlerweile Abend geworden. „Wie war es“, will Nekomaru wissen: „Hast du etwas gefunden?“ Xenos atmet tief durch. Er befindet sich wieder in seiner Welt. „Ich habe das Versteck der Sammlung der Spinne gefunden.“ „Na perfekt! Und jetzt gehen wir es ausräuchern?“ Der Nekromant greift zu seinem Schwert und zieht es ein Stück aus der Scheide: „Lass es uns tun!“

Heres‘ Schloss ist im Hintergrund zu sehen. Das schwarze, riesige Gemäuer mit abstrakten, undefinierbaren Formen und Mustern ragt unnormal weit in die Höhe. Die spitzen Ausläufe und Dächer lassen es angsteinflößend und gruselig wirken. Vor dem Eingang, einer Zugbrücke ohne Burggraben, steht eine einzelne Fackel. Der kleine Schweinedämon Ignar, die rechte Hand von Heres, steht im Radius des Lichtkegels. Aus der Dunkelheit hallen Schritte von hohen Schuhen mit harten Sohlen. „Tara, was verschlägt dich zu uns“, krächzt Ignar heuchlerisch. Ins Licht tritt die Figur einer bildhübschen Frau mit dem Gesicht der Spinne, die Xenos gesehen hatte. „Ich weiß, wo sich Xenos aufhält. Dort wird sicher auch Heres‘ Sohn sein. Sie sind in der Nähe meines Versteckes.“ „Oh, wie wunderbar“, spricht Ignar überschwinglich: „Der Meister wird sich freuen. Danke für diese Information. Sie ist viel wert. Ich werde es meinem Herren sofort ausrichten.“ Holprig stolpert Ignar in Richtung Schlossinneres davon, während auch die Frau wieder in der Finsternis verschwindet.


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.11.2017
Zuletzt bearbeitet: 28.11.2017
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