Kapitel 19 – Das Ende eines Dämons

Ohne weitere Worte zu wechseln, setzen sie ihren Weg zum Versteck der Sammlung der Spinne fort. Beide beschäftigen die eben abgelaufenen Ereignisse, doch keiner kann sich überwinden, seine Gedanken und Gefühle dem anderen mitzuteilen. Auf der letzten Düne bleiben sie stehen. Vor ihnen liegt der Eingang zum Versteck des Kultes. Xenos schaut sich um. In der Ferne sieht er, wie die Wüste langsam endet: „Das ist interessant. Ich denke, wir sind bis in die Nähe von Ettier gelaufen. Das ist die erste kaiserliche Stadt, die man erreicht, wenn man die Wüste verlässt.“ Nekomaru gibt nur ein desinteressiertes „Hmm“ von sich und schaut weiter zum Eingang des Verstecks. „Ich weiß, das eben war alles andere als leicht für dich“, überwindet sich der Nekromant und will seinem Rivalen helfen: „Wenn ich dir irgendwie …“ „Lass es einfach“, wird der Blondhaarige laut: „Wir sind hier, um dieses Versteck auszuräuchern und genau das werden wir jetzt auch tun. Vernichten wir alles, was wir darin finden!“ Mit diesen Worten gleitet er langsam die Düne hinab in Richtung der Falltür. Kurz bleibt Xenos stehen, folgt ihm aber dann.

„Der Eingang ist nicht verschlossen“, wundert sich Xenos, als er die alte Holzplatte anhebt. „Ist doch besser für uns“, spricht Nekomaru und springt zu allem entschlossen in das Loch. In der Hand erscheint seine Sense und er läuft voraus ins Ungewisse. Xenos schaut ihm nach: „Nekomaru lässt sich von seiner Wut antreiben. Von seiner Wut und Enttäuschung.“ Er klettert ebenfalls in die Höhle, doch Nekomaru ist nicht mehr zu sehen. Mit einem unguten Gefühlt zieht er sein Schwert. Es ist dunkel – zu dunkel um Feinde schnell genug erkennen zu können. Vorsichtig schreitet er voran, tiefer in die Höhle. Nach der ersten Kurve dringt ihm etwas Licht entgegen. Das Licht einer in einiger Entfernung an der Wand aufgehängten Fackel. Der Nekromant nimmt sie aus ihrer Halterung und setzt seinen Weg fort. Noch immer keine Spur von Nekomaru. Doch das soll sich schnell ändern, als er auf einen vermeintlichen Kampfschauplatz stößt. Drei Menschen, getötet mit unvorstellbarer Brutalität, liegen zerstückelt vor ihm. Sie trugen dunkelgraue Kutten. Vermutlich gehörten sie dem Kult an. Es ist offensichtlich, dass Nekomaru für ihren Tod verantwortlich ist. Das ist eindeutig seine Arbeit. Doch er muss weitergegangen sein. Auch Xenos lässt die Leichen hinter sich und dringt tiefer und tiefer in das weitläufige Versteck vor. Schließlich gelangt er an eine Abzweigung. „Welchen Weg soll ich nehmen? Für welchen hat sich Nekomaru entschieden? Ich muss ihn wiederfinden.“

Xenos entscheidet sich für die Abzweigung nach links. Eine lang gezogene, breite Kammer liegt vor ihm. An den Seiten liegen Kokons von nie gesehenen Größen. Kleine Tiere, ganze Menschen als auch Bären könnten in sie hineinpassen. Xenos zögert, doch er entschließt sich einen von ihnen zu öffnen. Langsam schneidet er duch die hart gewordenen, alten Spinnenweben und gibt sich Mühe nicht zu verletzen, was auch immer im Inneren liegen mag. Doch das hätte keinen Unterschied gemacht. Es benötigt nur einen minimalen Schnitt, als sich der Kokon auch schon zu entleeren beginnt. Aus ihm heraus dringt ein grau-grüner, übel riechender, dickflüssiger Brei. Es ist undefinierbar, was dies jemals war. Die Hülle sackt in sich zusammen und die verrottende Flüssigkeit bedeckt den Höhlenboden. „Hey, was machst du da?!“, schreit ihn plötzlich eine Stimme von hinten an. Blitzschnell dreht er sich um. Zwei Kultisten stehen vor ihm. Ein Mensch und ein groß gewachsener, grimmig blickender Hochelf. „Du musst der Eindringling sein, vor dem uns Tara warnte. Sie will dich in ihrer Sammlung.“ „Kein Interesse“, antwortet Xenos: „Ich habe auch eine Sammlung. Wollt ihr nicht vielleicht meiner angehören? Grab der Toten!“ Unter den beiden Fanatikern bildet sich schlammig sumpfiger Boden und zieht die Kultisten hinab. „Moment“, schreit der Hochelf: „das kannst du nicht machen!“ Er beginnt zu zaubern und schleudert einen Eiszapfen auf den Nekromanten zu. Gerade so schafft es Xenos, dem unerwarteten Angriff auszuweichen: „Damnum imperium.“ Mit diesem Zauber will er sich die Kontrolle über die beiden Kultisten verschaffen. Doch der Hochelf widersteht: „Ein schwacher Zauber“, und beginnt einen weiteren Eiszapfen zu bilden. „Für dich vielleicht“, antwortet Xenos: „Halte ihn auf.“ Der Hochelf schaut zu seinem Verbündeten. Dieser greift nach dem wachsenden Eiszapfen und rammt ihn in die Brust des Elfen. Dieser sackt zusammen und seine Hände verschwinden auch im sumpfigen Boden, der die beiden immer weiter versinken lässt. Plötzlich hört Xenos aus der anderen Richtung den fürchterlichen Schmerzensschrei einer Frau. „Nekomaru“, ruft Xenos und dreht sich wieder zu seinen Opfern: „Ich muss los. Ihr schafft das sicher auch ohne mich. Toll, dass ihr euch entschieden habt, meiner Sammlung anzugehören.“

Schnell sprintet Xenos zurück zur Abzweigung und folgt dieser in die andere Richtung, aus welcher er den Schrei vernommen hat. Schließlich landet er in einem riesigen Raum mit sehr hoher Decke. An den Wänden hängen wie in einer Ausstellung duzende Kokons. Anders als im Rest des Versteckes ist dieser Abschnitt teilweise mit Fackeln erleuchtet. In der Mitte steht die riesige Spinne, der er bereits begegnet war. Eine groteske, haarige Spinne mit dem Gesicht einer schönen Frau. Vor ihr steht Nekomaru. Sie kämpfen. „Wie kannst du es wagen?“, schreit die Spinne mit dem Frauengesicht: „Ich bin eine Verbündete deines Vaters! Du wirst es bereuen, dich gegen mich erhoben zu haben. Ich wusste schon immer, dass es eine schlechte Idee war, einem Menschen zu vertrauen. Dein Vater sollte sich für dich schämen!“ Eines ihrer Beine liegt abgetrennt auf dem Boden. „Mein Papa hat mich bereits von sich gestoßen. Ihr alle habt euer Ziel erreicht! Er will mich nicht mehr. Ich habe nie etwas getan, was gegen ihn spricht. Immer wollte ich für ihn da sein. Seinen Traum, die Welt der Lebenden zu unterwerfen, mit ihm erfüllen. Doch das ist vorbei! Meine Gunst habt ihr alle verloren. So wie ihr immer schon gegen mich gearbeitet habt, werde ich künftig gegen euch arbeiten. Ich werde euch alle zerstören! Ihr habt euch einen Feind gemacht, der euch in den Untergang führt!“ „Stirb“, schreit Tara und schießt eines ihrer Netze auf den Jungen. Mit Leichtigkeit durchtrennt er es und holt zum Gegenschlag aus. Schnell krabbelt die riesige Spinne davon und schießt ein weiteres Netz auf Nekomaru. Mit einem Sprung zur Seite weicht er diesem aus und holt auf. Tara bleibt stehen und lächelt. Nekomaru holt aus und lässt seine Sense auf sie niederrasen. Doch bevor sie ihren Körper erreicht, wird der Junge von hinten von einem Netz überrascht und gefangen. Er fällt zu Boden. „Du hast einen Faden an dem Netz befestigt, damit du es zurückholen kannst?“ „Genau“, spricht die Spinnenfrau und beginnt ihn langsam mit weiteren Fäden zu umspinnen. „Werde ich jetzt Teil deiner abartigen Sammlung?“ „Nein, mein Kind. Ich bringe dich zu Heres. Der hat sicher bereits eine gute Bestrafung für dich parat. Ich hoffe, er lässt dich lange leiden!“

„Dann wirst du uns wohl beide Heres ausliefern müssen“, ruft Xenos und rennt auf Tara zu. „Da bist du ja, kleiner Nekromant. Auf dich habe ich doch eigentlich gewartet. Dich will ich in meiner Sammlung.“ „Daraus wird nichts! Lass Nekomaru frei oder du wirst es bereuen.“ „Xenos“, spricht Nekomaru: „Lass dich nicht von ihren Netzen treffen. Sie können nicht reißen. Sobald du einmal in ihren Weben hängst, kommst du nicht mehr heraus.“ Xenos grinst: „Na dann lasse ich ihr gar nicht erst die Chance dazu. Ihr habt es hier doch sicher nicht umsonst so dunkel gehalten.“ Das Böse funkt in seinen Augen auf. Ein Wirbel aus schwarzem Rauch steigt um ihn herum auf. Tara wirkt sichtlich unbeeindruckt, bis sie plötzlich einen frontalen Schlag erleidet, den sie ganz und gar nicht kommen sah. Sie wird zurückgeschleudert. „Ungeziefer muss vernichtet werden“, spricht Xenos mit grausamer Stimme. Nekomaru ist beeindruckt. Die Spinnenfrau wird von Xenos‘ scheinbar unsichtbaren Kraft wieder herangezogen. Xenos greift ihre Beine und hebt sie in die Luft. Langsam zieht er sie auseinander, bis ein Bein nach dem anderen unter qualvollsten Schmerzen aus ihrem Körper reißt.

Plötzlich stürmen mehrere Kultisten in die Höhle und gehen auf den Nekromanten los, der sich an ihrer Anführerin zu schaffen macht. Dieser dreht sich zu ihnen und lässt Tara zu Boden fallen. „Hier werdet ihr mich nicht aufhalten können. Die Dunkelheit wird euch zum Verhängnis.“ Einen nach dem anderen schnappt er sich, zerdrückt ihre Gliedmaßen oder reißt sie heraus, schleudert sie durch den Raum wie leblose Puppen und spielt mit ihren Körpern, bis sie alle reglos im Raum verteilt liegen.

Xenos verlässt die Kraft. Erschöpft sinkt er zu Boden. „Das war großartig“, ruft Nekomaru begeistert, der schließlich das Netz mit seinem am hinteren Hosenbund versteckten Dolch zerschneiden kann. Er läuft auf den Nekromanten zu und hilft ihm sich aufzuraffen. „Mein Lebenswerk“, stammelt Tara unter furchtbaren Schmerzen: „Meine Sammlung. Meine Untertanen. Ihr habt alles zerstört. Dafür bezahlt ihr.“ Mit einem fiesen Grinsen kommt Nekomaru zum beinlosen Körper der Spinne: „Erstmal hast du dafür bezahlt, was du getan hast.“ Mit seiner Sense beendet er das Leben dieses Dämons und lacht auf. Xenos kommt auf Nekomaru zu: „Du hast ihren Körper zerstört. Sie wird Heres erzählen, was du getan hast, sobald sie im Reich der Toten wieder aufersteht.“ Mit einem Lächeln auf den Lippen dreht sich der Blondhaarige zum Nekromanten: „Dass die Dämonenwaffen Kreaturen des Totenreiches echte Schmerzen und starke Verletzungen zufügen können, ist nicht alles. Wird ein Dämon mit einer Dämonenwaffe getötet, wird er nicht einfach im Reich der Toten wieder auferstehen. Sie wird drüben nun als unbändige Energie wandeln. Und selbst wenn der unrealistische Fall eintritt, dass sich jemand die Mühe macht, zu versuchen sie zurückzuholen, ist nicht gesagt, dass sie sich erinnern kann. Darum haben alle Dämonen doch so furchtbare Angst vor diesen Waffen.“ Xenos schweigt und blickt seinem Gegenüber in die von Wut und Rachsucht gezeichneten Augen. „Sag mal“, spricht Nekomaru weiter: „deine Kraft, die du gegen Tara eingesetzt hast, hast du damals auch gegen meinen Papa verwendet. Er meinte, es ist eine Gabe, die nur du besitzt, aber du noch lernen musst sie einzusetzen. Weißt du inzwischen mehr darüber? Hast du sie gemeistert? Es schien für dich relativ einfach zu sein.“ Der Nekromant schüttelt mit dem Kopf: „Ich weiß noch immer nichts darüber. Nicht wo sie herkommt und nicht, wie ich sie am besten einsetzen kann. Es verlangt mir viel Anstrengung ab, sie einzusetzen und aufrecht zu erhalten. Sie funktioniert im Dunkeln besser, so viel habe ich mitbekommen. Und sie ist unglaublich stark. Sehr gern würde ich sie verstehen und meistern. Vielleicht muss ich meine Totenform dann gar nicht mehr dafür nutzen.“ „Papa hat mir nicht mehr dazu verraten. Er meinte nur, ich solle vorsichtig sein.“

Plötzlich gibt es ein Geräusch von weiter hinten in der Höhle. Beide drehen sich zum nicht erkundeten Teil. „Sehen wir erstmal zu, dass wir diesen Kult zerstören. Ich bin mir sicher, da wartet noch etwas auf uns.“, spricht Nekomaru voller Tatendrang, sprintet los und verschwindet um die Ecke. Gerade als Xenos ihm folgen will, spricht ihn hinter ihm jemand an: „Hallo, Nekromantenjunge. Ich denke, wir haben noch etwas zu klären.“ Jemand, dessen Stimme ihm bekannt vorkommt. Ruckartig dreht er sich um und sieht am Eingang zu dieser riesigen Höhle einen bekannten Dunkelelfen stehen. Es ist der Dunkelelf, den die Sammlung der Spinne auf ihn angesetzt hat. Der ihn damals in Juselia und Ira bereits zu fangen versucht hat. Er trägt eine ihm zu große, schwarze, mit Nieten besetzte Kleidung, die Xenos bekannt vorkommt. „Ich dachte, Ihr wäret tot“, spricht Xenos. „Davon hättest du dich lieber mal überzeugen sollen. Statt mich zu töten, hast du mir nur dein kleines Geheimnis verraten.“ „Das hätte ich wohl tun sollen. Da ist es aber zu freundlich, dass Ihr selbst gekommen seid, damit ich diesen Fehler korrigieren kann.“ „Darum bin ich nicht hier“, spricht der Elf: „Als ich in Al’Kasar war, liefst du mir zufällig wieder über den Weg. Das war meine Chance. Ich engagierte einen Nekromantenjäger, der dich vernichten sollte. Scheinbar lief es anders herum. Sehr schade, denn dann muss ich die Drecksarbeit doch wieder selbst übernehmen. Aber dieses Mal wirst du mich nicht überraschen, denn ich trage die Rüstung dieses Jägers. Deine Kräfte können mir nichts anhaben. Und ohne deine Kräfte bist du nichts. Das wissen wir beide.“ Xenos knirscht mit den Zähnen, zieht sein Schwert und denkt nach: „Mit der Umgebung kann ich dieses Mal nicht arbeiten. Lasse ich die Decke über ihm einstürzen, könnte es sein, dass die ganze Höhle einbricht. Egal welchen Zauber ich direkt auf ihn anwende, er wird keinen Effekt haben. Sicher bringen auch meine Diener nichts. Mir bleibt nur das Schwert und selbst dieses hat nicht die volle Stärke.“ „Nun los, greif doch an, Kleiner“, lacht der Dunkelelf laut auf: „Deine Möglichkeiten sind begrenzt. Ich freue mich, dich endlich besiegen zu können und Rache zu nehmen für das, was du mir und meinen Brüdern angetan hast. Noch nie zuvor ist es jemandem gelungen unser Versteck zu finden, geschweige denn anzurichten, was ihr Kinder tatet. Du kannst natürlich auch gleich kapitulieren und deine Sünden qualvoll bezahlen. Eine Chance hast du gegen mich in dieser Rüstung ohnehin nicht. Ich werde dir so furchtbare Dinge antun, die sich nicht mal ein Nekro…“ Seine böswillige Freude währt nicht lange. Nicht einmal seinen Satz kann er beenden, als neben seinem Kopf das Ende einer gebogenen Klinge aus der Dunkelheit schwingt und ihn über dem Unterkiefer horizontal abtrennt. Langsam rutscht der obere Schädelteil nach hinten weg, und der Körper sackt nach vorn in sich zusammen. Hinter dem Dunkelelf kommt Nekomaru zum Vorschein und verdreht die Augen: „Dieses aufgeblasene Möchtegern-Gelaber kann sich doch keiner bis zum Ende anhören.“ Erleichtert und erstaunt schaut ihn Xenos an. „Das Versteck ist sauber“, spricht der Blondhaarige, dreht sich um und geht in Richtung Ausgang: „Mit wem nehmen wir es als nächstes auf?“ Xenos holt auf: „Die Höhle führte im Kreis?“ Nekomaru nickt. „Danke übrigens. Das hätte schwierig werden können.“ „Keine Ursache. Jetzt stehst du doch wieder in meiner Schuld“, grinst der Junge glücklich. Xenos lächelt verlegen.

Gemeinsam verlassen sie das Versteck des ausgelöschten Kultes der Sammlung der Spinne und erklimmen eine der nebenliegenden Dünen, um sich umzuschauen. Am Horizont erhebt sich langsam die Sonne und wirft die Schatten der zufriedenen Jungen weit in den Sand. Doch ihr Glück über den Erfolg bleibt nicht ungestört, als sich direkt über dem Versteck, welches sie eben verlassen haben, ein Pforte aus dem Reich der Toten zu öffnen beginnt …


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.01.2018
Zuletzt bearbeitet: ———-
Teile, um uns zu unterstützen:

Hinterlasse einen Kommentar

Kommentare von Gästen werden immer erst geprüft. Melde dich an, um deine Kommentare sofort zu sehen.