Kapitel 6 – Das Geheimnis der Rhyl: Begegnungen

Als Xenos den Schrei aus den Gängen hallen hört, springt er rasch auf: „Eine weitere Falle?“ Plötzlich sieht er auch schon eine Silhouette auf ihn zurasen. Er geht in Kampfposition. Die Silhouette scheint nicht viel größer als er selbst zu sein. Als sie näher kommt, erkennt er, was sich ihm dort nähert. Xenos traut seinen Augen nicht. Im Laufschritt zieht Nekomaru, der blonde Junge, auch als Heres‘ Sohn bekannt, an ihm vorbei und verschwindet im Gang hinter ihm. Perplex schaut Xenos ihm nach. Als sich der junge Nekromant wieder umdreht, werden seine Augen weit. Dort kommt noch eine viel größere Gestalt auf ihn zugestürmt. Sie füllt nahezu den gesamten Flur aus. Als die zweite Gestalt immer näher kommt und erkennbar wird, entschließt sich auch Xenos, lieber nicht gegen sie anzutreten. Das, was auf ihn zustürmt, sieht aus wie eine Art riesiges untotes Tier. Xenos bleibt nichts anderes übrig, als seinem Feind Nekomaru in den selben Gang zu folgen, um einen Kontakt mit der aufkommenden Bedrohung zu vermeiden.

Am Ende des Ganges erkennt er schließlich Nekomaru. Als Xenos sich ihm nähert, springt dieser mit seiner dämonischen Sense auf ihn zu: „Siehst du nicht, dass ich im Moment andere Probleme habe?“ Mit einer Rolle nach vorn entkommt Xenos der verheerenden Klinge der Sense: „Ich glaube, diesem Problem stehen wir im Moment beide gegenüber!“ Schon sieht Nekomaru, wie die wilde Bestie dem Ende des Ganges entgegenstürmt, und entschließt sich kurzerhand seine aktuelle Taktik zu wechseln. Er rennt zu einer der Türen und reißt sie auf. Xenos folgt ihm in den Raum und schlägt die Tür hinter sich zu. Es ist ein altes, spärlich eingerichtetes Bad. Von innen ist nichts mehr zu hören. Als sich die Jungen relativ sicher fühlen, beginnen sie bereits sich wieder anzugehen.

„Was machst du denn bitte hier? Reicht die Kaiserstadt nicht aus?“, wirft Xenos seinem Rivalen vor. Dieser dreht sich eingeschnappt weg: „Papa meinte, ich muss mich hier um etwas kümmern, bevor du es bekommst. Ich bin nicht freiwillig hier.“ „Na sowas aber auch“, meckert Xenos: „woher wisst ihr denn bitte schon wieder, dass ich hier bin?“ „Das geht dich gar nichts an“, meckert Nekomaru zurück und wendet sich Xenos bedrohlich zu. „Ach, jetzt tust du wieder wie der Größte und Stärkste, aber eben bist du noch schreiend wie ein Baby vor einem Untoten weggerannt. Und das, obwohl man doch wohl sagen könnte, dass gerade du viel mit solchen Kreaturen zu tun hast.“ „Du bist doch auch weggerannt!“ „Ich war auch nicht bewaffnet! Ich habe keine Sense mit der ich dieses Ding mal eben hätte entzwei teilen können!“ „Ist ja nicht so, als hätte ich es nicht versucht. Meine Sense ging durch dieses Monster einfach hindurch ohne Schaden zu machen“, ruft Nekomaru wütend zu Xenos: „Aber ich kann dir ja gern mal zeigen, dass das nicht die Regel ist!“ Mit einem Sprung versucht Nekomaru erneut Xenos anzugreifen. Der Nekromant weicht dieses Mal jedoch nicht aus, sondern wartet den Schlag seines Kontrahenten ab. Dieser endet bereits beim Ausholen und verkantet sich im kleinen Raum. „Du hast hier keinen Platz, um mit deiner Sense vernünftig zu kämpfen“, gibt Xenos ihm zu verstehen. „Ach nein? Zum Ausweichen ist aber auch kein Platz“, meint Nekomaru spöttisch und geht mit dem Sensenschaft frontal auf sein Gegenüber los. Beide fliegen gegen die Seitenwand des Bades. Diese gibt einfach nach und sie landen aufeinander im anliegenden Raum.

Xenos schaut verwundert, als er sich unter Nekomaru hervorzieht: „Eine Bibliothek?“ „Die Bibliothek!“, reagiert Nekomaru erfreut. Die Luft in dem mit drei Reihen aus Bücherregalen vollgestellten Raum ist relativ trocken. Durch ein kleines Fenster dringen wenige Sonnenstrahlen in das Zimmer. „Wo ist es“, beginnt Nekomaru gehetzt die Regale zu durchsuchen und stellt seine Sense gegen die Wand. „Was suchst du, Nekomaru?“, will Xenos erfahren. Wohl wissend, dass er keine Antwort bekommen wird, beginnt sich der Nekromant ebenfalls umzusehen. Diese Bibliothek ist eine wahre Schatzkammer alter Literatur über die schwarzen Künste. Schnell lenkt sich Xenos‘ Aufmerksamkeit auf ein großes Buch, welches aufgeschlagen auf einem Podest liegt: „Oh, das sieht interessant aus.“ „Das ist es nicht“, bekommt er kurz zu hören. Der Junge beginnt in dem dicken Buch zu blättern. Es ist eine große Sammlung an Zaubern und Informationen aus allen möglichen Bereichen. Kurzzeitig scheinen die Streitigkeiten und gegensätzlichen Ansichten der beiden Kinder vergessen und jeder konzentriert sich nur auf seine Dinge. Plötzlich rümpft Nekomaru die Nase: „Riechst du das auch, Xenos?“ Dieser versucht zu erriechen, was sein Rivale meint, muss es aber verneinen. „Es riecht so … rauchig“, teilt Nekomaru mit. Die beiden schauen sich um. Nichts ist zu sehen. Doch nach einigen Minuten beginnt plötzlich dichter Qualm aus jedem der Regale zu dringen. „Ich glaube, das ist eine weitere Falle“, hustet Xenos: „Wir müssen hier raus.“

Vorsichtig öffnen sie die Tür und schauen auf den Flur. Das Monster, vor welchem sie sich verstecken mussten, ist nicht mehr zu sehen. Sie verlassen den Raum, welcher hinter ihnen nun in Flammen aufgeht. Während sie zusammen den Flur entlang zurück zur Eingangshalle gehen, spricht Nekomaru zufrieden: „Na ja, ich habe zwar nicht bekommen, was ich suchte, aber du wirst es auch nicht mehr haben können. Das reicht mir aus.“ „Wovon redest du?“ „Das, was ich besorgen sollte, damit du es nicht bekommst. Irgendwelche aufgeschriebenen Informationen über das Dämonenschwert. Dass die Bibliothek nun abbrennt, finde ich gar nicht so schlecht, denn die Informationen verbrennen dann ja auch.“ „Du …“, will Xenos gerade schimpfen, als er lieber wieder still wird. „Was ist denn los?“, lacht Nekomaru ihn aus. „Halt die Klappe“, flüstert Xenos und deutet auf die Eingangstür. Sie ist geschlossen. „Ich habe einen Ast zwischen sie gepackt, damit sie nicht zugeht. Irgendjemand oder irgendetwas hat ihn entfernt. Hier läuft noch mehr rum, was uns gefährlich werden kann.“ Nekomaru wird ebenfalls sehr leise und schaut sich um: „Dann würde ich mal sagen, dass ich jetzt lieber verschwinde. Ich habe hier nichts mehr zu tun.“ Xenos blickt ihn böse an. Der blondhaarige Junge stützt sich auf das Geländer und schleicht die Treppe hinunter.

Kurz bevor er unten angekommen ist, hört man nur das Bersten von Holz und einen Schrei von Nekomaru. Schnell rennt Xenos zu ihm, um zu schauen was passiert ist. Nekomaru hält sich seine Hand und schaut auf das Geländer, welches an einer Stelle glatt in zwei Teile gespalten wurde. „Was ist los?“, will Xenos wissen. „Dieses komische Skelett wollte mir die Hand abhacken“, brüllt Nekomaru in die Richtung des Geländers. Der Nekromant schaut nun genauer hin und sieht in der Dunkelheit das Skelett mit der Kochmütze und dem Fleischerbeil, gegen welches er zuvor schon einmal gekämpft hat. Es muss sich aus dem Speisesaal befreit haben. „Dich mach‘ ich fertig“, spricht Nekomaru wütend zu dem Untoten. „Wie denn“, will Xenos leicht schadenfroh wissen: „Deine Sense verbrennt ebenfalls in der Bibliothek. Du hast sie dort vergessen.“ Nekomaru grinst böse und geht in Kampfposition. In seiner Hand bildet sich für einen Augenblick schattenhafter schwarzer Nebel, welcher die Form einer Sense annimmt. Im nächsten Moment hält der Junge seine Sense wieder in den Händen. Sofort geht er zum Angriff über und springt von der Treppe auf den Gegner zu. Xenos schaut ungläubig. Sensenblatt und Fleischerbeil schlagen über dem Kopf des Skelettes gegeneinander. Mit den Füßen tritt der Blondhaarige nach und stößt sich vom Brustkorb des knochigen Gegenübers zurück auf die Treppe. Das Skelett fällt in sich zusammen. „Siehst du? Ist doch kein Problem“, wendet er sich schelmisch Xenos zu. Dieser verschränkt die Arme: „Das Ding setzt sich wieder zusammen.“ Nekomaru nickt und sein Blick fällt zurück auf die Knochen, welche sich bereits wieder erhoben haben. Im letzten Moment wehrt Nekomaru den auf ihn eingehenden Angriff mit seiner Sense ab. Wieder schlagen ihre beiden Waffen gegeneinander. Sofort geht Nekomaru zum Angriff über, springt mit einem Satz über das Skelett und landet hinter diesem. Mit einem Schwung schneidet er durch das Becken und teilt es entzwei. Der Untote dreht sich um und will den nächsten Schlag mit seinem Beil abwehren. Nekomaru reagiert schnell, ändert die Richtung und schneidet den Oberarmknochen in zwei Teile. Der abgetrennte Arm fällt zu Boden. Mit einigen weiteren Schwüngen zerstört er die einzelnen Knochen des Skelettes, bis es schließlich in sich zusammenfällt. Nekomaru kichert: „Das war mal interessant.“ Die beiden Jungen beobachten den Knochenhaufen noch einen Moment. Dieser rührt sich jedoch nicht mehr. „Das hätte mich jetzt auch gewundert“, sagt Nekomaru: „Ich habe seine einzelnen Knochen zerstört. Skelette können sich nur an Gelenken wieder zusammensetzen. Sind ihre Knochen selbst gebrochen oder zerschnitten, können sie diese nicht verbinden.“

Xenos schaut Nekomaru erstaunt an, als von oben oranges Licht beginnt, die Halle zu erhellen. Das Feuer hat sich rasend schnell ausgebreitet. Die obere Etage brennt mittlerweile nahezu komplett. Schließlich setzt sich Nekomaru wieder in Bewegung und rennt in den linken Flur der unteren Etage. Xenos folgt ihm: „Wo rennst du hin? Kennst du einen anderen Ausgang?“ Erst vor einer schmalen, unscheinbaren Tür bleibt der Blondhaarige stehen. „Für mich schon“, kichert er und öffnet die Tür. Hinter ihr befindet sich eine steinerne Treppe, die weiter hinunter führt. Nekomaru folgt ihr und Xenos folgt Nekomaru: „Was meinst du?“ Unten angekommen, finden sie sich in einem kargen, mit grauem Stein gemauerten, nahezu leeren Raum wieder. Lediglich ein Altar steht am anderen Ende des Raumes. Er ist groß, aber wie der ganze Raum schlicht gehalten. Auf dem Altar steht eine Statue. „Ist das …“, gerät Xenos ins Stottern: „Ist das Heres? Ein Altar für die Anbetung von Heres?“ Nekomaru grinst: „Genau, die Rhyl waren Diener meines Vaters. Durch diesen glücklichen Zufall war es mir möglich, so schnell hierher zu kommen. Toll nicht wahr? Viele Nekromantenfamilien unterwarfen sich bestimmten Dämonenfürsten. Nur wenige Häuser beschäftigten sich frei mit den dunklen Künsten oder dienten anderen Mächten. Das müsstest du doch wissen, du bist doch selbst Nekromant, Xenos. Da würde mich doch mal interessieren, welchem Fürsten du dich unterworfen hast?“ Der Junge zwinkert seinem Rivalen zu. „Ich bin frei und habe auch nicht vor das zu ändern“, beantwortet Xenos die Frage. „Sicher?“, hakt Nekomaru nach: „Ignis scheint ja Gefallen an dir gefunden zu haben. Vielleicht ist er ja der Schutzdämon deiner Familie.“ „Mag sein, dass er es einst war, doch ich unterwerfe mich keinem von ihnen.“ Kichernd geht Nekomaru zum Altar: „Gut, wie du meinst. Ich werde jetzt auf jeden Fall verschwinden. Die ganze Geschichte wird mir hier langsam zu heiß. Ich habe noch mit dem Gedanken gespielt, dich jetzt ein für alle Mal zu besiegen, wo wir uns schon treffen, aber nein – ich möchte noch ein wenig mit dir spielen. Du bist nämlich wirklich interessant. … Also, wenn du in dem Ofen hier jetzt nicht draufgehst, versteht sich.“ Xenos ballt seine Fäuste zusammen. „Tschüssi“, winkt Nekomaru seinem Rivalen lächelnd zu, bevor um den Blondhaarigen herum ein dunkelroter Wirbel entsteht, in welchem er verschwindet.

Xenos atmet tief durch. Für seinen Ärger hat er jetzt keine Zeit, er muss hier raus. Schnell stürmt er die Treppe wieder hinauf. Doch es ist zu spät. Oben sieht es aus wie in einer Flammenhölle. Das Feuer schlägt in den engen Treppengang. Xenos hat keine andere Wahl als wieder zurück in den Altarraum zu gehen. Hier schaut er sich um. Es gibt keinen anderen Ausgang als über die Treppe. Er tastet sich an den Wänden entlang. Doch auch hier scheint es nichts weiter zu geben. Plötzlich beginnt jedoch einer der von Xenos berührten Steine zu leuchten. Ein kleiner Wandabschnitt fährt sich zurück. „Ein Geheimgang! Meine Rettung.“ Hastig kriecht er durch das dunkle Loch, bis er in einen sehr kleinen Raum vorstößt. Auch hier sieht er keinen Ausgang, lediglich zwei Bücher und eine gefaltete Karte liegen in der Mitte. Die Wand hinter ihm schließt sich wieder. Trotz allem beruhigt sich Xenos wieder etwas, denn in diesem Raum ist es merklich kühler und Rauch kann durch die geschlossene Wand auch nicht eindringen. Er wird, während das Feuer wütet, hier ausharren und dann gehen. Die Wand lässt sich auch von innen öffnen. Xenos nimmt sich die Karte und entfaltet sie. Sie zeigt den Radonum-Forst. Ein kleiner Bereich im Neavor-Gebirge, der westlichen Grenze des Radonum-Forstes, ist markiert. Auf der Rückseite findet er einen Brief:

„Gleichgesinnter, du hast dein Ziel erreicht. Du hast unser Geheimnis gefunden. Da du diese Nachricht nun liest, heißt es, dass unsere Familie den Kampf gegen unsere Feinde letztendlich doch verloren hat. Doch wir sind froh, unsere Schätze nun in deine Hände übergeben zu können. In die Hände eines anderen Nekromanten, welcher unser Vermächtnis zu schätzen weiß. Denn nur jemand, in dem das Blut eines Nekromanten fließt, kann die Tür zu diesem Raum entriegeln. Da du allen Gefahren unseres Hauses getrotzt hast, scheinst du, wie wir, in schweren Zeiten zu leben. Lass uns dich mit unserem Wissen bestmöglich unterstützen. Nimm die Bücher an dich. Eines ist ein Zauberbuch, welches starke Zauber der Nekromantie enthält. Das andere Buch ist unsere Familienchronik, bitte halte sie in Ehren. Wir Nekromanten müssen schließlich zusammenhalten. Unser größtes Geschenk an dich soll aber das Wissen über unseren lang gehüteten Schatz sein. Das Versteck des Dämonenschwertes. Auf der Karte ist ein Ort markiert. Er liegt nahe des Bergarbeiterdorfes Ohvos in einer alten verlassenen Mine. Doch du wirst sie finden, denn du bist einer von uns. Vertraue niemandem, Gleichgesinnter.“

Schnell dreht Xenos die Karte wieder um. „Hier ist er! Der Ort, an dem das verschollene Dämonenschwert liegt. Die Informationen waren also doch nicht in der Bibliothek.“ Er drückt die alte Karte an sich und atmet erleichtert auf. „Jetzt habe ich die Chance, die Herrschaft der Dämonen zu beenden. Und dieser dumme Nekomaru und sein Vater werden mir nicht mehr in die Quere kommen. Ich halte das Geheimnis der Rhyl in den Händen. Doch tatsächlich sollte ich aufpassen. Wie sie selbst sagten, darf ich niemandem vertrauen. Nicht einmal ihnen selbst. Schließlich waren sie Diener Heres‘. Wer sagt, dass sie es dulden werden, dass ich ihr Geheimnis gegen ihren Schutzdämon verwende …“


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 24.12.2016
Zuletzt bearbeitet: 02.05.2017
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