Kapitel 3 – Führungslose Horde

Xenos und Nekomaru stehen der Dämonin und ihren beiden Begleitern gegenüber. Wird es zum Kampf kommen? Die drei Dämonen könnten jeden Moment angreifen. Das wissen beide. Ihre feindlichen Absichten haben sie bereits offenbart. Xenos versucht ruhig zu bleiben und die andere Seite nicht zu provozieren. Solange sie nicht angreifen, kann er noch darüber nachdenken, welche Taktik am erfolgversprechendsten wäre.

Doch Nekomaru verfolgt bereits einen anderen Plan. Er hält den ersten Schlag für den Wichtigsten und ist von seinen Fähigkeiten mehr als überzeugt. Der Blondhaarige ruft seine Sense, welche in seinen Händen erscheint, und sprintet auf einen der fetten, bluttriefenden Dämonen zu. Nun bleibt Xenos auch nichts anderes übrig als Nekomaru bestmöglich zu unterstützen. Er spricht seinen ersten Zauber und lässt die drei Dämonen von Ranken umschlingen. So kann Nekomaru angreifen, ohne mit Gegenwehr rechnen zu müssen. Doch kurz bevor der Junge sein Ziel erreicht, reißen die Ranken der beiden blutüberströmten Dämonen.

Dem Hieb der Sense entkommt Nekomarus Ziel dennoch nicht. Die gesamte Klinge dringt in den durchweg butterweichen Körper ein und fügt ihm von der linken Brust bis hinunter in die rechte Hälfte des Bauchraumes eine tiefe Schnittverletzung zu. Aus der klaffenden Wunde ergießt sich ein Schwall aus Blut wie beim Platzen eines prall gefüllten Wasserballons. Mit einem geschickten Sprung nach hinten entgeht Nekomaru jedem Blutspritzer.

Im selben Moment fährt sich der andere Blutdämon mit der Hand über den Wanst und schabt einen Teil seines Blutes zusammen. Er holt aus und wirft es auf Xenos. Dieser geht ein kleines Stück zur Seite. Das Blutgeschoss schlägt neben ihm ein und spritzt in alle Richtungen. Einige Spritzer gelangen auf Xenos‘ Unterschenkel und beginnen sich durch seine Haut zu fressen. Vor Schmerz sinkt der Junge in die Hocke und will es instinktiv mit der Hand wegwischen. Doch er hält sich mit aller Kraft zurück, wickelt eines seiner zwei schwarzen Tücher, die er als Armbänder trägt, ab und entfernt die ätzenden Blutspritzer.

„Wie ich es mir dachte“, murmelt er und ruft Nekomaru zu, „Lass dich nicht von ihrem Blut treffen. Es frisst sich durch lebendes Gewebe!“

„Ich weiß“, grinst Nekomaru bereits den zweiten Dämon an.

Er brennt darauf, seine Sense von unten durch dessen Körper zu ziehen und holt aus. Doch seine Waffe stößt auf Widerstand, als die groß gewachsene Dämonin den bevorstehenden Angriff mit ihren Dolchen abblockt. Sie hat es geschafft, sich aus den Ranken zu befreien. Nekomaru macht einen Satz zurück, als die Dämonin bereits zum zweiten Hieb mit ihren Dolchen ausholt. Auch der Blutdämon setzt an, einen weiteren Batzen seines Blutes zu werfen. Dieses Mal ist sein Ziel Nekomaru. Der Junge muss jedoch den Angriffen der Dämonin ausweichen, die mit ihren Dolchen ebenfalls mit ungeheuerlicher Geschwindigkeit angreift. Xenos beginnt nach vorn zu sprinten, doch der Dämon feuert sein Blut, bevor er ihn erreicht.

„Spiritus mouit“, ruft Xenos und wischt vor sich durch die Luft.

Durch den Zauber wird diese Aktion auf den fliegenden Blutbatzen übertragen, der damit abgelenkt wird und mit genügend Abstand zu Nekomaru auf der Brücke aufkommt.

Schließlich gelingt es Nekomaru, kurz die Oberhand im Kampf zu gewinnen. Seine Sensenhiebe dreschen gut parierbar frontal auf die Dämonin nieder. Genau so, wie er es möchte. Immer wieder blitzen die Waffen der beiden unter dem Schein des emporsteigenden Mondes auf. Dann zieht er wiedermal seine Sense zurück, um neu Schwung zu holen, aber fügt ihr dabei mit einem unvorhergesehenen Fortsetzungsangriff eine tiefe Wunde am Unterschenkel zu. Die rothaarige Dämonin schreit auf und sinkt zu Boden.

„Wir sollten hier nicht zu viel Zeit verlieren“, wirft Xenos ein.

Dieser erreicht den Blutdämon und rammt sein Schwert in dessen Körper. Mit einen Satz zurück entgeht er dem herausplatzenden Blutschwall.

„Wenn uns die Dämonenarmee hinter uns einholt, werden wir nicht mehr entkommen.“

„Schon gut“, antwortet Nekomaru enttäuscht.

Er holt zum vernichtenden Hieb aus. Doch Sangras dämonische Dienerin ist nicht kampfunfähig. Um Nekomarus tödlichem Angriff zu entgehen, zieht sie ihm mit ihrem Fuß sein Bein weg, was ihn zu Fall bringt. Das gibt ihr genügend Gelegenheit aufzustehen und Xenos‘ reaktiven Angriff ebenfalls abzuwehren.

Sie stößt ihn zurück, was den im Nahkampf eher ungeübten Nekromanten kurzzeitig das Gleichgewicht verlieren lässt.

Unmittelbar wendet sie sich wieder zum Blondhaarigen, am Boden liegenden Jungen und sticht mit ihren beiden Dolchen zu. Mit dem Schaft seiner Sense nach oben gegen das Handgelenk der Dämonin drückend, verhindert Nekomaru, dass ihre Dolche in seine Brust eindringen. Mit ihrem gesamten Körpergewicht drückt sie nach unten. Gegen das Gewicht einer Erwachsenen kann der Junge nicht lange ankommen. Langsam senken sich die Dolche tiefer und tiefer.

Doch sie muss ihre Position aufgeben, um Xenos‘ nächstem Hieb zu entgehen. Damit ist Nekomaru gerettet. Mit einem Satz erhebt sie sich und macht einen Schritt zurück. Diesen Moment nutzt Nekomaru, wechselt die Position des Sensenschaftes und verhakt ihn zwischen ihren Handgelenken und Dolchen. So lässt er sich von ihr mit hochziehen und löst sich, als er wieder auf eigenen Füßen steht.

Das unerwartete Extragewicht beim Zurückweichen, was im nächsten Moment wieder von der Dämonin ablässt, bringt sie ins Wanken. Schon muss sie Xenos‘ nächstem Hieb entkommen und stolpert einen weiteren Schritt zurück. Dabei spürt sie, wie die gebogene Klinge von Nekomarus Sense in ihren Rücken und durch ihren Körper dringt. Dieser hat nur auf ihr Zurückweichen gewartet. Er hat seine Sense hinter ihr in Position gebracht und holt sie nun mit Schwung zu sich zurück. Die entzweigeteilte Dämonenfrau fällt zu Boden. Ihr Hände verkrampfen sich um ihre Dolche und ihr Gesicht verzieht sich vor unsagbar starken Schmerzen, bevor alle Anspannung ihren Körper verlässt.

Die Jungen jubeln vor Freude, während die dickflüssigen, auf dem Brückenabschnitt verteilten Blutpfützen langsam den Glanz des Mondscheins verlieren.

„Nicht schlecht für dich“, räumt Nekomaru ein.

„Das war Teamarbeit“, erwidert Xenos, „auch wenn ich es wohl anders angegangen wäre als draufloszustürmen.“

„Du verschwendest zu viel Zeit. So geht es doch auch.“

Xenos nickt und ergänzt schelmisch: „Und du hast dich dieses Mal gar nicht im Blut deiner Feinde gewälzt. Dabei scheinst du es doch immer so zu lieben, dich im Kampf richtig dreckig zu machen.“

„Geht ja schlecht, wenn das Blut meiner Feinde ihre Waffe ist“, grinst Nekomaru.

Plötzlich bemerken sie hinter sich, dass die herannahende Dämonenarmee sie entdeckt hat. Sie stürmt auf die beiden zu und erreicht jeden Moment die Brücke.

„Wir haben doch zu lange gebraucht“, erschreckt sich Xenos.

Nekomaru nimmt seine Sense fest in den Griff: „Dann kümmern wir uns eben auch noch um die hier.“

„Deine Selbstüberschätzung hat dir bisher wohl noch nie geschadet, was?“, fragt Xenos entgeistert und beginnt zu rennen.

Nekomaru rollt mit den Augen und folgt ihm: „Jetzt ist es wohl zu spät alle zu warnen.“

Abrupt bleibt Xenos stehen: „Stimmt.“

Nekomaru stoppt hinter ihm: „Was ist denn jetzt? Willst du weiter oder nicht?“

„Sofort“, anwortet Xenos und dreht sich zu den heranstürmenden Dämonen.

Er beißt sich in den Daumen. Einige Tropfen Blut fallen zu Boden.

„Kommt meine Diener!“, befiehlt Xenos.

Auf dem Boden bildet sein Blut ein Sigill. Aus diesem beginnen unzählige Untote an die Oberfläche zu kriechen.

„Blockiert die Brücke! Haltet sie so lange auf wie möglich!“, befiehlt Xenos, packt Nekomaru an der Hand und rennt weiter.

Dieser lässt sich schelmisch grinsend hinterherziehen.

Xenos‘ Diener verschaffen den beiden Kindern etwas Zeit und sie kommen ohne den unmittelbaren Tod auf den Versen zurück zum Außenposten der kaiserlichen Soldaten, der momentan vor der Brücke errichtet wird. Es herrscht panische Aufregung. Die herannahende Bedrohung wurde breits bemerkt.

Xenos hofft, dass sie nicht bemerkt haben, dass er die Untoten heraufbeschworen hat. Auch wenn ihnen die Nekromantie momentan Zeit verschafft, wäre es trotzdem noch hoch illegal und würde dementsprechend bestraft werden.

„Was habt ihr getan?“, kommt einer der Soldaten auf die beiden Jungen zu.

Haben sie Xenos‘ Tat doch bemerkt?

„Wollt ihr uns alle umbringen? Lockt ihr diese Kreaturen hier her?“

„Nichts haben wir!“, stampft Nekomaru mit dem Fuß, „Die hätten euch heute eh angegriffen.“

Im Galopp reitet ein Soldat an ihnen vorbei und verlässt das Lager in Richtung Volar.

„Der Außenposten ist noch im Aufbau. Wir können ihn nicht verteidigen.“

„Wir müssen“, ruft ein anderer Soldat, der sich hektisch seinen Lederharnisch überstreift.

Der Soldat wendet sich von Xenos und Nekomaru ab: „Verschwindet lieber von hier, solange ihr noch könnt.“

„Bleiben wir hier?“, fragt Nekomaru.

Xenos schüttelt den Kopf: „Ich bin nicht lebensmüde. Helfen wir lieber bei der Verteidigung Volars. Diese Stellung ist verloren.“

Nekomaru lehnt sich zu Xenos und flüstert ihm ins Ohr: „Hier kannst du aber Nekromantie benutzen und noch mehr Untote beschwören.“

„Ich habe keine mehr.“

Der Blondhaarige ist verwundert: „Wie, das auf der Brücke waren alle?“

„Psst“, fährt ihn Xenos an und redet leise, „Ja, ich hatte nie viele Diener gesammelt.“

Nekomaru verschränkt die Arme: „Damals, als wir die Kaiserstadt erobert haben, hattest du mehr als genug.“

„Das war glücklicher Zufall.“ Nekomaru schüttelt den Kopf: „Dann lass uns gehen. Bei Gelegenheit ändern wir das.“

Gemeinsam machen sie sich auf durch die Nacht, um so schnell wie möglich Volar, die nächstgelegene befestigte Stadt, zu erreichen.

Erschöpft kommen sie im riesigen Zeltlager vor der Stadt an. Auch hier herrscht bereits Panik. Die hier untergebrachten Flüchtlinge reagieren vollkommen verzweifelt auf die kommende Bedrohung.

Sie fühlen sich zurückversetzt in die Belagerung der Kaiserstadt. Sie vertrauten in die dicken Mauern und stolzen Soldaten, die sie und den Kaiser beschützen sollten. Und plötzlich hieß es, die Stadt sei verloren und alle müssten fliehen. Dämonen und andere Kreaturen des Totenreiches überrannten die Straßen, töteten Familie und Bekannte, die wie sie auf die Uneinnehmbarkeit der Stadt vertrauten und plötzlich mit allen um ihr Leben rannten.

In Volar befinden sich noch immer die vierte kaiserliche Legion sowie Truppen der Hochelfen. Seit dem Fall der Kaiserstadt helfen sie bei der Versorgung der Flüchtlinge. Nun helfen die Soldaten bei der Evakuierung des Zeltlagers.

Die hier untergekommenen Flüchtlinge tun sich jedoch schwer, ihren Anweisungen zu folgen und hinter der Stadtmauer Schutz zu suchen. Sie haben ihr Vertrauen in den Schutz durch das Militär verloren. Wenn schon die Kaiserstadt den Dämonen nichts entgegenzusetzen hatte, wie soll es dann Volar mit seiner wesentlich kleineren Mauer? Viele wollen einfach nur weg, fliehen kurzerhand weiter Richtung Osten, andere verharren wie in Schockstarre auf Straßen und in Zelten.

Auf der Mauer der Stadt haben bereits die Bogenschützen ihre Stellungen bezogen. Dicht an dicht ist die kleine Mauer besetzt. Sie warten darauf, den Feind am Horizont zu erblicken.

Xenos und Nekomaru ziehen sich ins Stadtinnere zurück. Sie halten sich in der Nähe der Mauer auf und warten darauf, dass die Schlacht beginnt. Bei den beiden setzt langsam die Müdigkeit ein. Gerade jetzt, wo sie warten, spüren sie diese am stärksten. Xenos überlegt zu helfen die Leute nach drinnen zu holen, um etwas zu tun zu haben. Doch Nekomaru hat keine Lust und so bleibt auch Xenos bei ihm. Vermutlich würden sie sowieso eher im Weg stehen.

Die Evakuierung ist nahezu abgeschlossen, als von der Mauer plötzlich Rufe hinunterschallen. Schnell verbreitet sich die Nachricht über die Sichtung der Dämonen, die geradewegs auf die Stadt zu marschieren. Nun wird es draußen noch einmal unruhig. Die letzten Bewohner des Zeltlagers lassen sich nun doch darauf ein, in der Stadt Schutz zu suchen.

Auch die beiden Kinder machen sich bereit. Sie suchen sich einen höher gelegenen Standort, um über die Mauer blicken zu können, und entscheiden sich für ein Häuserdach. Während sie die Fassade erklimmen, werden sie kein einziges Mal angesprochen. Für jeden hier gibt es momentan wichtigere Dinge als sich um zwei Bengel zu kümmern.

Gnadenlos überrennt die Armee der Dämonen den Rand des Zeltlagers, reißt alle provisorischen Unterkünfte nieder und zerstört außerhalb gelagerte Hilfsgüter. Lebende finden sie dem Anschein nach jedoch nicht. Schließlich kommen sie in die Reichweite der Bogenschützen. Das Zielen in dieser Dunkelheit ist schwer, doch das ist nicht wichtig. Ein wahrer Pfeilhagel geht in ihren Reihen nieder. Die Ersten von ihnen gehen zu Boden. Nun beginnt die Horde vorzupreschen. Die Masse aus Kreaturen stürmt auf das verschlossene Tor und die Mauern zu. Auf den Mauern laden die Bogenschützen nach und auf der Innenseite des Tores halten sich die Nahkämpfer bereit.

„Wollen wir los?“, fragt Nekomaru.

Xenos nickt mit dem Kopf und erhebt sich.

Der zweite Pfeilhagel geht in den Reihen der Angreifer nieder. Plötzlich verteilt sich die Masse vor den Toren stärker. Sie drängen in alle Richtungen.

Nekomaru, der gerade wieder hinunterklettern wollte, wird von Xenos aufgehalten. Der Nekromant deutet vor die Mauern. Beide Kinder schauen sich das seltsame Verhalten mit an. Ein Teil der Angreifer flieht und immer mehr von ihnen schließen sich ihnen an. Durch die fehlende Führung gibt es niemanden, der den Angriff der Dämonen koordiniert. Jeder von ihnen entscheidet für sich selbst. Es gibt keinen Zusammenhalt. Genau das ist es, was man gerade sieht. Noch bevor sie das Tor erreichen, befinden sich alle auf der Flucht zurück in Richtung der gefallenen Kaiserstadt.

Hinter ihnen öffnet sich das Tor und die Kavallerie setzt zur Verfolgung an. Sie wollen die versprengten Reste abfangen, um die Anzahl der Dämonen so gut wie möglich zu reduzieren.

„Erbärmlich“, schüttelt Nekomaru den Kopf.

Xenos verschränkt zufrieden die Arme.


Geschrieben von: Mika
Idee von: Mika
Korrekturgelesen von: May
Veröffentlicht am: 01.07.2018
Zuletzt bearbeitet: 04.09.2019
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